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Die ukrainische Armee verlegt den Bewegungskrieg in den Untergrund
Soldaten des Chartia-Korps kämpfen sich bei Kupjansk erfolgreich durch eine Gasleitung hinter die russischen Linien durch. Die Erfolgsmeldung stützt das militärische Selbstbewusstsein der Ukraine in einem kritischen Moment.
25.10.2026, 05.36 Uhr
6 Leseminuten
Zu den Teams unter Tag gehörten auch Pioniere, die das Pipeline-System von Sprengfallen säuberten und die Tunnels befestigten.
PIO «Chartia»
Unten die Pioniere mit dem Schneidbrenner, oben die Stabsmitarbeiter, die hochkonzentriert jede Bewegung ihrer Kameraden unter Tag mitverfolgen. Die Teams können während der ganzen Operation miteinander kommunizieren. Alles erscheint hundertfach eingeübt. Im Video wirkt der ukrainische Vorstoss durch eine Gaspipeline nördlich von Kupjansk wie ein chirurgischer Eingriff.
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Das zweite Korps der Nationalgarde, die «Chartia» mit ihrem Hauptquartier in Charkiw, vermeldete Ende dieser Woche einen «asymmetrischen Durchbruch». Die Soldaten drangen unter dem Fluss Oskil hindurch hinter die gegnerischen Linien vor – 15 Kilometer durch ein Netz enger Röhren, bis sie sich wieder an die Oberfläche kämpften.
Das eigentliche Ziel der Operation erschliesst sich aus den zur Verfügung stehenden Informationen nicht. Geht es um ein Zeichen der Stärke? Gerade jetzt, während der amerikanische Präsident Donald Trump eine Annäherung der USA an Russland forciert und die Ukraine verrät? Oder geht es um eine grössere Gegenoffensive? Gerade jetzt, während die Grossmächte über das Schicksal des Landes verhandeln?
Ein umfassender Plan statt eine kopflose Aktion
Die Medienzelle im Stab der Chartia hat die Operation mit dem Decknamen «Veles» publikumswirksam aufbereitet, inklusive Rückgriff auf die slawische Mythologie: Veles ist der Gott der Unterwelt. Im Video präsentiert der Kommandant des Chartia-Korps, Brigadegeneral Ihor Obolenski, die Idee und den Ablauf des Einsatzes, unterlegt mit Bildern und Karten.
«Die Operation zeigt, wie wir im Zeitalter des Drohnenkriegs und des gläsernen Gefechtsfelds gewinnen können», sagt der General im Video. In diesem Jahr sei es der ukrainischen Armee gelungen, den russischen Vorstoss in der Region Charkiw weitgehend zu stoppen. «Deshalb», so der Kommandant des Chartia-Korps, «ging der Gegner in den Untergrund.»
Boots under ground!
Asymmetric breakthrough in the Kharkiv Region: Khartiia Corps conducts the subterranean counteroffensive Operation VELES, advancing 15 km underground.
Corps Commander General Ihor Obolenskyi explains a unique operation. pic.twitter.com/qRQ93kckpK
— Khartiia Corps in English (@khartiia_eng) October 22, 2026
Tatsächlich nutzten die russischen Truppen bereits Anfang 2024 bei der Besetzung von Awdijiwka im Donbass das Abwassersystem der Stadt, um den ukrainischen Verteidigern in den Rücken zu fallen. Ein ähnliches Vorgehen wählten die Russen im Januar dieses Jahres in der Region Charkiw. Sie versuchten, über die Nebenarme der Sojus-Gaspipeline in die Stadt Kupjansk einzudringen.
Die Angehörigen der Chartia in diesem Raum vermochten den Angriff abzuwehren. Doch statt das Röhrensystem einfach zu zerstören oder selbst durch die Pipelines nach vorne zu stürmen, studierte der Stab das russische Vorgehen im Detail und spiegelte es in einem eigenen, umfassenden Operationsplan, der die Effekte unter Tag insbesondere mit denen in der Luft eng aufeinander abstimmt.
Die Drohnenpiloten der «Achilles»-Brigade scheinen eine ebenso erfolgskritische Rolle für den Erfolg der Operation Veles übernommen zu haben wie die Pioniere im Untergrund. Entscheidend dürfte aber die Fähigkeit des Korps gewesen sein, die eingesetzten Elemente zu koordinieren. Mit Glasfaserkabeln seien die Teams unter Tag stets mit dem Hauptquartier verbunden gewesen, schreibt das Korps.
Drohnenfeuer zur Ablenkung und zum Schutz beim Ausstieg
Zusätzlich zum Video mit den spektakulären Bildern publizierte die Chartia-Medienzelle ein Faktenblatt zum Erfolg des Einsatzes. In Kombination mit offenen Quellen lassen sich daraus folgende, besonders relevante Schlüsselbereiche des Operationsplans ableiten:
- Ausbildung: Die Teams sind laut der Chartia physisch und psychologisch auf den Einsatz in einem beengten Umfeld vorbereitet worden. Zudem dürfte der Stab in der Vorbereitung eng mit der Truppe zusammengearbeitet haben: Jede Sequenz eines solchen Plans muss im Massstab 1:1 überprüft, nach den ersten Erfahrungen angepasst und dann einexerziert werden – zuerst einzeln, dann im Zusammenspiel mit den Einheiten.
- Bergbau: Die Fernleitung, durch die der Vorstoss erfolgte, wurde mehrfach beschädigt. Zum einen drang nach einem Drohnentreffer auf der Höhe des Oskil-Flusses Wasser in die Pipeline ein, zum anderen waren die Eingänge vermint. Vor dem eigentlichen Einsatz der Kampftruppen bereiteten die Pioniere das Rohrsystem vor, räumten Sprengstoff und bereiteten den Aufstieg an die Oberfläche vor. Auf den Videoaufnahmen ist zu erkennen, dass diese Trupps wie Mineure im Bergbau vorgegangen sind – eine Kompetenz, die in der Region vorhanden ist.
- Strategische Kommunikation: Die umfassende Dokumentation des Einsatzes durch die Medienzelle der Chartia belegt die Bedeutung der Operation Veles zum jetzigen Zeitpunkt. Der taktische Erfolg bei Kupjansk sendet ein Signal der Stärke aus: Die ukrainische Armee kämpft weiter, auch am Boden, und sie hat die Initiative, nicht die russischen Invasionstruppen. Taten wiegen stärker als Worte, mindestens in der Ukraine selbst.
Die eigentliche Offensive begann mit Drohnenfeuer zur Ablenkung der russischen Verbände. Dann rückten die Kampftruppen vor – unter Tag, genau so, wie sie es zuvor einexerziert hatten. Als die vordersten Elemente sich dem Ausstiegspunkt näherten, sorgten die Drohnen dafür, dass die ukrainischen Tunnelteams weder von Truppen noch vom Feuer des Gegners erwartet wurden.
Der Vorstoss unter Tag durch das teilweise beschädigte Pipeline-System.
PIO «Chartia»
Laut Angaben des Chartia-Korps wurden bei der Operation Veles 100 russische Soldaten getötet und 30 gefangen genommen, die durch die Pipeline abgeführt worden waren. Diese Angaben lassen sich gegenwärtig nicht unabhängig überprüfen. Auch die genauen Koordinaten des Einstiegs- und des Ausstiegspunkts sind nicht bekannt.
Vorstoss nach Kupjansk durch den Wald
Der Krieg unter Tag ist keine eigentliche Innovation. Insbesondere im überbauten Gebiet werden die Keller und Kanäle im Untergrund stets auch in den Kampf einbezogen. Kleinere Gruppen mit weniger Mitteln können so auch überlegene Kräfte erheblich behindern. Insbesondere die Terrororganisation Hamas zwang die israelische Armee wiederholt in ihr Tunnelsystem unter Gaza – zuletzt zur Befreiung von Geiseln nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023.
Neu an der Operation Veles ist die präzise Synchronisation der Effekte, verbunden mit der Absicht, mit einer unterirdischen Gegenoffensive die Initiative zu ergreifen. Denn das Prinzip des «fliessenden Wassers» gilt auch im Stellungskrieg. Wenn es wegen der ständigen Präsenz der Drohnen und der Geländeverstärkungen auf dem Boden keine Lücken und Ritzen mehr gibt, dann verschiebt sich der Kampf eben dorthin, wo eine Bewegung möglich ist. Dorthin, wo niemand einen Angriff vermutet.
Das Chartia-Korps hat bereits bei der Wiederinbesitznahme von Kupjansk im vergangenen Winter einen unkonventionellen Weg gewählt, um die russischen Truppen zu überraschen und die eigenen Nachschublinien zu schützen. In kleinen Teams rückten die ukrainischen Truppen durch den Wald in die nördlichen Vororte der Stadt vor, dort, wo die Drohnen kaum Einblick haben, aber auch die Orientierung und die eigene Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind.
Doch wie weiter? Welchen militärischen Zweck hat die Operation? Für eine tatsächliche Gegenoffensive müsste die ukrainische Armee den Ausstiegspunkt zu einem Stützpunkt ausbauen, die Pipeline vor Angriffen aus der Luft sichern und vor allem weitere Zugangswege erschliessen, um rasch zusätzliche Truppen nachfliessen zu lassen. Erst dann könnten die Ukrainer den Kampf mit den starken russischen Verbänden östlich des Oskil-Flusses aufnehmen.
Immer wieder Kupjansk
Doch weder auf den einschlägigen Lagekarten auf der Basis öffentlicher Daten noch in den Kanälen der russischen Militär-Blogger sind entsprechende Hinweise zu finden. Vielmehr riefen die ukrainischen Behörden vergangene Woche dazu auf, die Städte Kramatorsk und Slowjansk zu verlassen. Die russische Armee hat die Bombardierung des Festungsgürtels im Donbass intensiviert.
Die Teams unterquerten durch die engen Pipelines den Fluss Oskil.
PIO «Chartia»
Umso bedeutender wäre die Option, die russische Armee bei Kupjansk zu binden. Selbst wenn die Chartia ihre Gegenoffensive nur in einem kleinen Massstab fortsetzen würde, brächte sie eine wichtige Entlastung für die Ukraine. Der Gegner wäre mit einem Problem östlich des Oskil-Flusses beschäftigt. Damit würde das Risiko eines russischen Versuchs, den Festungsgürtel von Nordosten her zu umfassen, etwas reduziert.
Die Ukraine befindet sich – einmal mehr – auch im Kampf um das Resultat eines Verhandlungsprozesses. Jeder Geländegewinn der Ukraine schmälert die russische Beute, falls der Krieg entlang der Null-Linie eingefroren wird. Oder anders herum: Je länger die Ukraine die Initiative behält, desto schwieriger ist es, Kiew einen Diktatfrieden aufzuzwingen.
Schon im Januar 2026 verschaffte eine Erfolgsmeldung aus Kupjansk der ukrainischen Position neuen Respekt. Während die russischen Generäle dem Kreml meldeten, das Gebiet vollständig besetzt zu haben, meldete sich der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski per Selfie-Video aus dem Stadtzentrum von Kupjansk. Auch an jenem Coup waren die Teams der Chartia beteiligt – militärisch und auch kommunikativ.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Georg Häsler
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