Kommentar

Das Gerede vom Bürgerkrieg ist Blödsinn, aber . . .

Im Zuge der jüngsten Proteste in europäischen Grossstädten wird die Erzählung vom Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung salonfähig. Doch das bleibt Wunschdenken rechter Kreise, sofern die Linke in ihrem Kampf gegen die Polizei gestoppt wird – auch in Zürich.

01.11.2026, 05.30 Uhr

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Die Jugendproteste wie hier in Paris am 24. Oktober: Vorstufe zum Bürgerkrieg oder übertriebene Angst?

Die Jugendproteste wie hier in Paris am 24. Oktober: Vorstufe zum Bürgerkrieg oder übertriebene Angst?

Hannah Mckay / Reuters

Früher war anscheinend alles besser. Früher ist erst ein paar Jahre her, als die Dauerparanoia wegen des Weltuntergangs nur mental fragilen Grenzgängern vorbehalten war. Dieser Spezies tief verunsicherter Systemskeptiker mit Atombunker unterm Blumenbeet und Ewigkonserven im Keller.

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Zwar sind die Angst vor und die Sehnsucht nach dem Systembruch so alt wie die Menschheit. So, wie sie das Alleinsein in der Unendlichkeit des Weltraumes nicht aushält und darum an Marsmännchen glaubt, so sehr macht ihr auch die Unendlichkeit der Zeitachse zu schaffen. Die Dystopie dient als gefühlte Stopptaste auf der Reise ins Verlorensein, als eine Art ultimativer Orientierungspunkt.

Doch Weltuntergangsszenarien haben ihre Konjunkturen, manchmal sogar Hochkonjunkturen wie gerade eben, was auch damit zu tun hat, dass sie mancher für politische Zwecke überbetont – und andere genau das Gegenteil bezwecken.

Im Osten droht Putin, im Bankdepot die Staatsschuldenkrise, in der Pensionskasse der Hacker, und in der Steckdose lauert das Blackout. Wer will es den Menschen verdenken, wenn sie sich mit Kurbelradios und Wasservorräten eindecken, wenn sie das Ende geopolitischer Gewissheiten und die Warnungen der Zivilschützer ernst nehmen? Gegen den Aufruf zur Vorsorge lässt sich nichts sagen.

Gegen Panikmache hingegen schon. Plötzlich taucht das böse B-Wort im öffentlichen Diskurs auf. Plötzlich sollen mitten in Europa Zustände wie im Sudan, in Myanmar oder in Äthiopien drohen. Plötzlich soll es fünf vor Bürgerkrieg sein. Und tatsächlich könnten die jüngsten Krawalle als Kulisse für diese Erzählung aus dem Lager der Rechtsaussen nicht besser passen. Im Kielwasser der Gen-Z-Sozialisten, die in europäischen Grossstädten meist friedlich für mehr Staatsleistungen protestieren, randaliert ein diffuser Mob aus Migranten, Minderjährigen und Minderbemittelten. Prompt gewinnen die Rechtspopulisten in den Umfragen. Das Narrativ vom Bürgerkrieg ist ein Wahlkampfhelfer und freut Moskau gleich mit. Sofort radikal aufräumen, bevor es zu spät ist, lautet die Losung.

Das Gerede vom Bürgerkrieg ist natürlich Blödsinn. Für eine völlige Entwarnung reicht es aber nicht. Der Polizei und ihren Fähigkeiten droht ein Vertrauensverlust. Neben taktischen Fehlern bei den derzeitigen Ausschreitungen versuchen linke Parteien in fast allen Grossstädten die Korps der Ordnungskräfte zu schwächen – Zürich inklusive.

In Berlin schicken sich die Linken gerade an, die Macht zu übernehmen. Während die Spitzenkandidatin ausgerechnet wegen Hamas-Sympathisanten um das Leben ihrer Familie fürchtet, will ihre israelkritische Partei das Sicherheitsproblem mit weniger Polizisten und mehr Sozialarbeitern lösen. An der Limmat regiert derselbe Geist. Grüne und Alternative Linke beantragten sogar, in einem Pilotprojekt bei Grossdemonstrationen die Präsenz der Polizei zu reduzieren.

Was den schwarzen Block freut, ist auch kein Weltuntergang. Aber es macht die Erzählung davon für manche leider glaubwürdiger.

Ich wünsche Ihnen weiterhin ein Wochenende voller Optimismus.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Beat Balzli

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