Kleider machen Leute «Meine Uniform ist wie ein Panzer»: Die Macht der Arbeitskleidung

Die Bus-Chauffeurin trägt sie in dezenten Farben. Die Person, die im Laden die Gestelle auffüllt, verschwimmt mit dem Design des Geschäfts. Im Alltag wimmelt es von Menschen, die in Berufskleidung zur Arbeit gehen. Welche Wirkung haben Arbeitskleidung und Uniformen – nach innen und gegen aussen?

05.11.2026, 19:00

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Es ist 4:45 Uhr morgens. Noch steht Melanie im grauen Flanellpyjama im Türrahmen ihrer Wohnung. Wenig später, wenn sie sich umgezogen hat, wird sie sagen: «Ich arbeite nicht nur als Maler. Ich bin Maler.» Melanie bezeichnet sich bewusst nicht als Malerin, um klar zu machen, dass sie auf dem Bau arbeitet. Ihre Uniform, wie sie sie an diesem Morgen mehrfach nennt, bedeutet ihr viel: «Früher stieg ich extra früher aus dem Bus, um mich auf der Strasse in der Malerkleidung zu zeigen.»

Sie trägt die Arbeitskleidung – und die Arbeitskleidung trägt sie

Fein säuberlich trennt Melanie ihre Berufskleider von ihrem privaten Schrank. Die weissen T-Shirts und Hosen liegen sauber gefaltet in einer separaten Kommode. «Privat friere ich eigentlich immer», sagt sie beim Umziehen. «Das unterscheidet mein privates von meinem Arbeits-Ich: Auf der Baustelle schwitze ich sofort.»

Die Malerkleider geben mir Struktur und Sicherheit.

Als eine der wenigen Frauen auf dem Bau muss sich Melanie selbst zusammenstellen, was sie an Kleidung bei der Arbeit braucht. Sport-BHs geben ihr Halt. Boxershorts federn das Gewicht des Werkzeuggurts ab und bieten ihr, wenn sie sich vor Ort umziehen muss, Sichtschutz. «Eine perfekte Hose habe ich bislang nicht gefunden. Die Hersteller von Arbeitskleidern dürften gerne mehr an Frauen auf dem Bau denken.»

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  • Bild 1 von 2. Melanie in Arbeitskleidung … Bildquelle: SRF/Julia Lüscher.

  • Bild 2 von 2. … und in privater Kleidung. Bildquelle: SRF/Julia Lüscher.

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Auf Melanies weissem T-Shirt steht gut sichtbar der Name ihres aktuellen Arbeitgebers. «In meinem früheren Job konnte ich mich mit dem Slogan nicht mehr identifizieren. Für mich widersprach er unserer Arbeitsweise. Dann habe ich die Kleidung mit dem Slogan nicht mehr getragen.» Heute arbeitet Melanie nicht mehr für das Unternehmen.

Die Uniform macht effizienter

Es ist 5:15 Uhr. Vor Melanies Küchenfenster immer noch nichts als die Schwärze der Nacht. Sie, unterdessen ganz in Weiss, rüstet mit schnellen Griffen Tomaten für ihr Mittagessen. «Siehst du? Sobald ich die Maleruniform trage, bin ich wach. Dann läufts.»

Die Arbeitskleider helfen Melanie dabei, Mitarbeitenden Anweisungen zu geben: «Die Malerkleidung gibt mir Struktur und Sicherheit. Mit ihr muss ich mich nicht schämen, zu sagen: ‹Mach es bitte so und nicht so.›» Oft, wenn sie nach Feierabend einkaufen geht oder Erledigungen anstehen, lässt sie die Malerkleidung an. So ist sie effizienter, wie sie sagt.

Die Psychologen Hajo Adam und Adam D. Galinsky untersuchten 2012, wie Kleidung das Denken beeinflusst.

Versuchspersonen, die einen weissen Kittel trugen und diesen als Arztkittel bezeichnet bekamen, arbeiteten in Aufmerksamkeitstests sorgfältiger als Personen ohne Kittel.

Der Effekt zeigte sich auch im Vergleich zu Teilnehmenden, die denselben Kittel trugen, ihn aber als Malerkittel beschrieben bekamen.

Die Forschenden schlossen daraus, dass nicht nur die Kleidung selbst wirkt, sondern auch die Bedeutung, die wir mit ihr verbinden. Dieser Effekt wird als «Enclothed Cognition» bezeichnet.

Die Studie gilt in der Forschung als umstritten. Spätere Untersuchungen konnten die Befunde nicht durchgehend bestätigen. Wie stark der Effekt tatsächlich ist und unter welchen Bedingungen er auftritt, wird bis heute diskutiert.

Weniger umstritten als die «Enclothed Cognition» ist der sozialpsychologische Effekt von Berufsbekleidung: Sie signalisiert Zusammengehörigkeit und kann die Identifikation mit dem Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen stärken.

Uniform ist auch Angriffsfläche

Annas Realität ist eine andere. Eigentlich mache sie ihren Job gerne. Aber die Uniform erschwere ihr die Arbeit. Ihr Job ist es, im öffentlichen Verkehr Passagierzahlen zu erfassen. «Es kommt regelmässig vor, dass Passagiere mir beim Einsteigen schon den Finger zeigen. Ich wurde auch schon angespuckt.»

Der Job wäre super, einfach ohne Uniform.

Ihre Uniform, so Annas Erfahrung, mache die Menschen um sie herum nervös. «Ich kenne das Gefühl, wenn man plötzlich denkt: Habe ich das Abo dabei? Ist das Billett gelöst? Aber ich kontrolliere in meinem Job gar niemanden.» Ihre Uniform vermittle nach aussen hin einen Eindruck von Macht – die sie aber gar nicht hat. «Ich trage keinerlei Verantwortung. Ich stehe einfach bei der Türe und zähle alle, die einsteigen.»

Anna fühlt sich durch die Uniform als Sündenbock und exponiert. «Der Job wäre super, einfach ohne Uniform.»

Legende: Anna zählt im ÖV ausschliesslich Passagiere – wird aber durch ihre Uniform oft als Kontrolleurin wahrgenommen. (Symbolbild) KEYSTONE/Gaetan Bally

Anna blickt auf über fünfzig Jahre Uniform-Erfahrung zurück. Schon als Kind, in den 1960er-Jahren, trug sie eine Schuluniform, als sie mit ihrer Familie in einem Land im südlichen Afrika lebte. Als junge Erwachsene arbeitete sie am Flughafen Zürich. Sie hätte nie besonders gerne Uniformen getragen. Damals trug sie sie aber noch eher mit Stolz. «Die Gesellschaft», so Annas Eindruck, «hat sich verändert. Die Person in der Uniform ist heute potenziell jemand, den man angreifen kann.»

Orientierung und Achtsamkeit: die Wirkung nach aussen

«Den ganzen Tag begegnet man Menschen mit Uniform», sagt Diane Gerth, Produktmanagerin bei einem Anbieter für Berufsbekleidung. Meist aber unbewusst. «An der Tankstelle, auf der Strasse, beim Mittagessen in der Bäckerei. Und ich hoffe immer für alle, dass sie nicht mit der Polizei und dem Rettungsdienst in Kontakt gekommen sind.»

Die Entscheidung, welche Arbeitskleider in einem Unternehmen eingeführt werden, ist eine Frage der Hierarchie. Gerth schildert eine Szene aus der Beratung in einer Altersresidenz: «Die Geschäftsleitung meinte, die Kleidung müsse besonders bunt sein.» Die Anwesenden, die über die Arbeitskleidung der Angestellten entschieden, arbeiteten allerdings selbst alle in Zivil: «Alle, inklusive der Pflegeleitung, trugen eher dunkle Farben. Sie konnten die auch selbst wählen.»

Legende: Ärztinnen und Ärzte tragen im Spital einen weissen Kittel: Das dient vor allem der Orientierung, zum Beispiel für Patienten. Getty Images/Tom Werner

In solchen Fällen schlage sie jeweils eine Abfrage bei den Angestellten vor. «Welche Kleider können sich die Mitarbeitenden vorstellen, die sie auch acht Stunden pro Tag tragen?» Die Arbeitnehmenden sollen sich, so weit es geht, auch in ihrer Kleidung wohlfühlen.

Arbeitskleider und Uniformen wirken nach aussen hin in erster Linie als Orientierung: «Das Pflegepersonal im Spital ist in Weiss gekleidet. Die Physiotherapeutin in Türkis. Das Reinigungsteam in Grün.» Leuchtorange und gelbe Leuchtsteifen im Strassenverkehr signalisieren Achtsamkeit, die Farben von Rettungsdiensten Sicherheit.

Von Distanz und Macht

Arbeitskleider bestimmen aber auch über Nähe und Distanz. Dies zeigt der Fall eines Mannes, der mit SRF über seine Erfahrung mit der Uniform sprechen wollte. Er arbeitet in einer sicherheitsrelevanten Position, ist angestellt bei einem Bundesamt und hat eine Migrationsgeschichte.

Wenn er keine Uniform trug, schreibt er in einem Mail, hätten seine neuen Nachbarn nach einem Umzug kaum mit ihm gesprochen. Wenn er die Uniform hingegen trug, reagierten die Menschen offener, neugierig und interessiert. Am Telefon spricht er von einem höheren gesellschaftlichen Status, der ihm mit Uniform zugesprochen werde.

Nach einigen E-Mails und Telefonaten zwischen SRF und seinem Arbeitgeber heisst es: Ein Interview könne stattfinden. Allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt nach der Publikation der Radiosendung. So wird aus dem Interview nichts.

Die Uniform geht einher mit der Distanz und Macht, die eine berufliche Position mit sich bringt. Sie macht aus der Privatperson die offizielle Vertretung einer Institution. Wer Uniform trägt, ist zwar weiterhin als Privatperson präsent, kann sich aber nicht mehr uneingeschränkt privat äussern.

Identifikation und Zugehörigkeit

Auch Elin, Flight-Attendant, spürt den unmittelbaren Einfluss ihrer Uniform. Schon wenn sie sich zu Hause bereit macht für die Arbeit, wechselt sie in den Arbeitsmodus: «Ich bin automatisch offener, sozialer und selbstbewusster mit der Uniform.»

Identifikation mit dem Unternehmen sei der eine Effekt. Zusammengehörigkeit mit dem Team der andere: «Vor dem Flug treffen wir als Crew zum ersten Mal aufeinander. Eigentlich kennen wir uns alle nicht. Durch die Uniformen entsteht aber sofort ein Zusammengehörigkeitsgefühl.»

Meine Uniform ist wie ein Panzer, ein Kostüm. Ohne sie würde mir eine Rolle fehlen.

Melanie ist in den letzten Zügen, bevor sie die Autoschlüssel einpackt und auf die Baustelle fährt. Ihre Malerkleidung hat für sie auf dem Bau die Funktion einer Uniform: «Es spielt keine Rolle, wer was trägt auf dem Bau. Wir werden bei der Arbeit alle dreckig. Wir sind von aussen alle gleichgestellt», sagt sie. «Meine Uniform ist wie ein Panzer, ein Kostüm. Ohne sie würde mir eine Rolle fehlen.»

Radio SRF 3, Input, 1.11.2026, 20:03 Uhr.

Source: SRF · Julia Lüscher

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