Kiew geht kaum gerüstet in den fünften Kriegswinter: Der Unmut entzündet sich vor allem an Bürgermeister Klitschko
Der Ex-Boxer regiert seit zwölf Jahren und hat viele Versäumnisse der Stadt zu verantworten. Und auch der Präsident nutzt die Sorgen der Bevölkerung für eine neue Runde im Machtkampf mit ihm.
Lieselotte Hasselhoff, Kiew01.11.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Bürgermeister Witali Klitschko steht in der Kritik, weil Kiew erneut nicht ausreichend auf einen Kriegswinter vorbereitet ist.
Danylo Antoniuk / Ukrinform via Imago
Russland hat seine Taktik verändert und Kiew scheint darauf kaum vorbereitet. Seit Monaten wird die ukrainische Hauptstadt heftig bombardiert, der Flugabwehr mangelt es an Munition und Technik, um die Angriffe ausreichend abzuwehren. Und niemand weiss, wo Drohnen und Raketen als Nächstes einschlagen werden, denn Russland hat seine Angriffsziele deutlich ausgeweitet. Es mangelt an Schutzräumen, und auch das Energienetz ist überlastet. Laut Geheimdienstinformationen droht im Winter eine weitere Verschärfung: Russland will die Wasser- und Abwasserversorgung kollabieren lassen.
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Kiews Bürgermeister Witali Klitschko rät den Bürgern deshalb, die Stadt im Winter vorübergehend zu verlassen. Doch die meisten Bewohner wollen – und können – nicht gehen. Angesichts vieler Versäumnisse in der Stadtpolitik, die Klitschko als Stadtoberer seit 2014 zu verantworten hat, wirkt der Rat besonders bitter für die Bewohner. Neben der Lage spitzt sich deshalb auch die Kritik an ihm zu.
Die Unzufriedenheit gärt schon lange in Kiew. Denn statt in die nötige Infrastruktur seien mitten im Krieg Gelder in Projekte geflossen, die für das Überleben gar nicht wichtig seien, heisst es. Etwa für den Bau einer Fussgängerbrücke von umgerechnet 870 000 Franken oder die Erneuerung eines Platzes im Stadtzentrum, die fast das Doppelte gekostet hat. Kiewer mokieren sich über die Plaketten, die der Bürgermeister an Bauwerken anbringen lässt: «Errichtet auf Initiative von Witali Klitschko», steht darauf.
Dabei sind überfällige Massnahmen zur Stadtentwicklung schon vor dem Krieg auf der Strecke geblieben. Darunter die Sanierung des maroden Wasser- und Abwassernetzes aus der Sowjetzeit. Schon im vorigen Winter führten Notunterbrechungen zu Druckschwankungen, die Tausende Rohre in den Haushalten und im unterirdischen Netz bersten liessen.
Die Versorgungsnetze werden zur Schwachstelle
Bis heute verfügt die Stadt auch nur über einen Bruchteil der benötigten mobilen Strom- und Wärmeerzeugung. Nur knapp achtzig mobile Kesselhäuser wurden angeschafft – mit zusammen rund 70 Megawatt Kapazität. Das ist ungefähr ein Drittel dessen, was Charkiw zur Verfügung hat – bei doppelt so vielen Einwohnern.
Stand Juni hatte Kiew ausserdem lediglich Mini-Heizkraftwerke für rund 60 Megawatt zur Verfügung – laut dem Plan sind rund 200 Megawatt nötig, um bei Belastungsspitzen zumindest die kritische Infrastruktur am Laufen zu halten. Nach mehreren Raketentreffern funktioniert auch keines der drei Grosskraftwerke mehr, und seit Wochen gelten tägliche Stromabschaltpläne, um das Netz nicht zu überlasten.
Die Zerstörungen durch russische Raketen- und Dohnenangriffe haben in Kiew deutlich zugenommen.
Diego Fedele / Getty
Nun werden die unsanierten Versorgungsnetze zu einer Schwachstelle im Krieg. Russland greift nicht mehr nur systematisch Energieanlagen an, sondern auch Wasserwerke und Kläranlagen, Produktionshallen und Lager für Lebensmittel und andere Güter, grosse Einkaufszentren und die Brücken, die die beiden Stadtseiten verbinden.
Es mangelt zudem am unmittelbaren Schutz für die Bevölkerung. Offiziell hat die Drei-Millionen-Stadt zwar 4358 Schutzräume, doch nur 500 davon sind echte Bunker. In den meisten Fällen handelt es sich lediglich um einfache Keller von Wohnhäusern oder öffentlichen Gebäuden, die oft nicht einmal für alle zugänglich sind. Ausserdem liegt rund ein Fünftel der Wohnhäuser mindestens einen halben Kilometer vom nächsten Schutzraum entfernt. Bei Raketen, die Kiew innert zwei Minuten erreichen können, ist der Weg zu weit.
Kurz: Es fehlt die gesamte Lebensgrundlage. Und daran haben die Stadt und ihr Bürgermeister einen erheblichen Anteil.
Der Vorwurf der Korruption
«In den sichereren Städten in der Westukraine explodieren jetzt die Wohnungspreise, und in Kiew leben fast drei Millionen Menschen. Wo sollen die denn alle hingehen?», fragt Oleh. Der 33-jährige IT-Spezialist hat schon heute kein Wasser in seiner Wohnung, wenn der Strom ausfällt.
Er steht am Rande einer kleineren Kundgebung vor dem Rathaus, zu der stadtaktivistische Gruppen aufgerufen haben. Ihr Motto: «Klitschko, tritt zurück!» Dem Protestaufruf folgten zwar nur 500 Menschen, trotzdem wurde er Tausende Male geteilt und erhielt schnell mehr als 11 000 Likes.
Am 17. Oktober forderten junge Kiewer den Rücktritt von Klitschko als Stadtpräsident.
Sergey Dolzhenko / EPA
«Für Klitschko und seine Stellvertreter dient Stadtentwicklung nicht dem Ziel, die Stadt zu verbessern, sondern sie ist eine Geldquelle für ihre Freunde», sagt Olexander. Er ist einer der Protestinitiatoren: «Je grösser die Projekte sind, desto leichter ist es, Gelder daraus abzuzweigen», so seine Schlussfolgerung.
Tatsächlich wurde Klitschko selbst nie rechtskräftig Korruption nachgewiesen. Doch in seinem Umfeld gab es zahlreiche Skandale – darunter die Aufdeckung eines Korruptionsnetzwerks rund um illegale Grundstückstransfers und Immobiliengeschäfte. Derzeit laufen Ermittlungen gegen mehrere hohe Stadtbeamte.
Wie es dazu kommen konnte, ist seit Wochen Gegenstand von Debatten auf kommunaler und nationaler Ebene. Und während jetzt alle Kraft gemeinsam auf die Problemlösung gerichtet sein sollte, wird die Suche nach Schuldigen zum Austragungsort für einen anderen Disput. Denn zwischen Klitschko und Präsident Wolodimir Selenski herrscht seit Jahren ein Machtkampf um die Kontrolle in der Hauptstadt.
Machtkampf mit dem Präsidenten
Klitschko ist nämlich auch Leiter der Stadtstaatsverwaltung, des staatlichen Exekutivorgans der Hauptstadt, was ihm aus Sicht des Präsidenten zu viel Macht verleiht. Seit der Präsidentschaftswahl 2019 versucht Selenski, Klitschkos Befugnisse zu beschneiden oder ihn ganz loszuwerden.
Und so nutzt der Präsident die gegenwärtigen Sorgen der Stadtbevölkerung, um wieder einmal Stimmung gegen den Bürgermeister zu machen. Erst kürzlich klagte Selenski vor Journalisten, Kiew sei daran gescheitert, die Vorbereitungspläne der Regierung für den Winter hinreichend umzusetzen. Klitschko weist die Kritik gegen ihn als Teil einer angeblich gezielten Kampagne des Präsidialamts von sich. Dabei geht er so weit, die zivilen Proteste gegen ihn als orchestrierte Aktion zu verunglimpfen.
In langjähriger Rivalität mit Klitschko: Präsident Wolodomir Selenski.
Stephanie Lecocq / Reuters
Es ist aber auch diese Rivalität, die überlebenswichtige Projekte blockiert. Schon im Oktober 2025 stellte der Stadtrat Mittel für die Beschaffung von fünfhundert mobilen Bunkern bereit. Die Auftragsvergabe verzögerte sich so lange, dass die Gelder mit dem neuen Haushaltsjahr verfielen.
Grund für die Verzögerung war eine Gesetzesänderung, die die Regierung Selenski erst im August zuvor umgesetzt hatte. Die Beschaffung in Kiew sollte nach der neuen Norm erfolgen, die festlegte, welche Anforderungen an mobile Schutzräume gestellt werden sollten. Hinzu kamen zeitraubende Prüfungen der Ausschreibungen durch die von der Regierung kontrollierte Finanzaufsicht der Kommunen.
Klitschko macht die Regierung und die von Selenski ernannten Bezirksverwaltungen für die Verzögerung verantwortlich. Eine schlüssige Erklärung dafür, warum nicht der Stadtrat im neuen Haushaltsjahr wieder die Initiative ergriffen hat, bleibt der Bürgermeister jedoch schuldig. Bis heute wurde kein einziger der 500 mobilen Bunker gebaut.
Derzeit ist Selenski auf der Suche nach einem Manager, der die Resilienzprobleme Kiews noch vor dem Winter lösen kann. Doch niemand will den Job – die potenziellen Kandidaten haben Angst, zwischen die Fronten zu geraten. Und so wird die Stadtbevölkerung die Folgen des Machtkampfes ausbaden müssen: Ihr droht ein weiterer harter Winter ohne Strom, Heizung und womöglich auch ohne Wasser.
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Gordana Mijuk
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Lieselotte Hasselhoff, Kiew
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