Kairo hat eine moderne Monorail. Jetzt fehlen nur noch die Fahrgäste
Seit einem halben Jahr ist die Einschienenbahn in Betrieb. Die Erwartung, dass mit dem Milliardenprojekt der Strassenverkehr entlastet wird, hat sich bislang nicht erfüllt.
28.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Die Monorail verkehrt im Acht-Minuten-Takt zwischen dem Kairoer Stadtteil Nasr City und der 55 Kilometer entfernten neuen Verwaltungshauptstadt.
Khaled Elfiqi / AP
Vor dem Billettschalter der Station Stadion hat sich eine kleine Schlange gebildet. Fünf Männer und eine Frau warten auf Tickets für Kairos neue Monorail. Die auf Betonpfeilern geführte Einschienenbahn verbindet den Kairoer Stadtteil Nasr City und die Satellitenstadt New Cairo am östlichen Rand der Metropole mit der etwa 55 Kilometer entfernten neuen Verwaltungshauptstadt. Doch die meisten Fahrgäste, die in Nasr City einsteigen, verlassen den Zug nach wenigen Stationen wieder: an der Azhar-Universität oder am Dar-al-Fuad-Spital.
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Mona fährt weiter. Die Mittvierzigerin heisst eigentlich anders, möchte ihren richtigen Namen aber nicht preisgeben – obwohl sie voll des Lobes ist für das jüngste Prestigeprojekt der ägyptischen Regierung. Mona ist in der Touristenstadt Hurghada am Roten Meer aufgewachsen und lebt erst seit kurzem in Kairo. Mit der Monorail fährt sie heute zum ersten Mal – einfach, um die selbstfahrende Hochbahn auszuprobieren und den Ausblick zu geniessen. «Überall ist es schön», sagt Mona und strahlt. Je weiter der Zug nach Osten fährt, desto grösser werden die Abstände zwischen den Häuserblocks. Hier und da stehen ein paar Palmen.
Am Rand von Kairo entstehen neue Satellitenstädte
Sich dem Lärm und dem Staub der Stadt mit mehr als zehn Millionen Einwohnern entziehen zu können, ist der grösste Luxus in Kairo. Von der Monorail aus kann Mona sehen, was hohe Hecken entlang den Strassen und Mauern aus Beton verbergen: elegante Villen, exklusive Restaurants und sorgsam gepflegte Swimmingpools. Wer es sich leisten kann, zieht aus den dicht bebauten, staubigen Vierteln im Zentrum von Kairo in einen der zahlreichen Compounds am Rand der Stadt mit grosszügigen Neubauten, breiten Strassen und Grünflächen.
Karim ist in der vornehmen Satellitenstadt New Cairo aufgewachsen. «Die nächste Monorail-Station ist nur zwei Minuten von meinem Zuhause entfernt», erzählt er. «Ich habe sie aber noch nie benutzt.» Der junge Unternehmer, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, exportiert ägyptische Früchte ins Ausland. Dafür sei er viel mit dem Auto unterwegs, berichtet er. Die Monorail bringe ihm keinen Vorteil – und für seine Putzfrau, die kein Auto habe, seien die Billette für die Hochbahn viel zu teuer.
Wenn es nach der Regierung in Kairo geht, sollen möglichst viele Ägypter statt ihres Autos die Monorail nutzen.
Islam Safwat / Bloomberg / Getty
Manche Haltestellen führen ins Nichts
Schon die kürzeste Monorail-Fahrt kostet mit 20 Pfund so viel wie das teuerste Metroticket. Für die gesamte Strecke werden 80 Pfund fällig. Das entspricht 1 Franken 20 – eine erhebliche Ausgabe für viele Ägypter: Der monatliche Mindestlohn in Ägypten beträgt knapp 125 Franken. Nach offiziellen Angaben lebt ein Drittel der 120 Millionen Ägypter unterhalb der Armutsgrenze. Hinzu kommt, dass lediglich die Station Stadion an Kairos Metronetz angeschlossen ist. Wer anderswo zusteigen möchte, muss zusätzliche Fahrten mit Bussen, Minibussen oder dem Auto in Kauf nehmen.
In New Cairo befinden sich die Stationen der Monorail immerhin in der Nähe von Wohngebieten oder Universitäten. In der neuen Hauptstadt jedoch, die mitten in der Wüste zwischen Kairo und dem Roten Meer entsteht, liegen mehrere Haltestellen abseits belebter Quartiere. Ursprünglich war die bislang namenlose neue Verwaltungshauptstadt für 6,5 Millionen Einwohner geplant gewesen. Bis jetzt leben jedoch erst einige tausend Menschen in den Wohngebieten zwischen dem neuen Regierungsviertel und weiten Freiflächen. An der Endstation City of Justice verneint ein Monorail-Mitarbeiter die Frage, ob es in der Nähe ein Café gebe: «Draussen befindet sich nur Wüste.»
Westlich von Kairo entsteht eine zweite Monorail
Auch über das noch unbebaute Gelände führt die Monorail auf hohen Betonpfeilern. Die Waggons wackeln während der Fahrt so stark, dass die Monorail als Massentransportmittel kaum vorstellbar ist. Doch das Präsidialamt preist sie auf seiner Website als «grossen zivilisatorischen Sprung im öffentlichen Verkehr», denn die Hochbahn soll Autofahrer zum Umsteigen bewegen. Bei maximaler Auslastung kann sie täglich 600 000 Passagiere befördern. Gebaut wurde die Monorail von einem Konsortium aus dem französischen Bahntechnikkonzern Alstom und den ägyptischen Bauunternehmen Arab Contractors und Orascom Construction.
Dafür hat die ägyptische Regierung viel Geld investiert: Der 2019 vereinbarte Auftrag für zwei Monorail-Strecken – die im Mai eröffnete Linie im Osten sowie eine zweite, noch im Bau befindliche Linie im Westen von Kairo – umfasst mehr als 4,5 Milliarden Dollar. Finanziert wird das Projekt unter anderem durch internationale Bankkredite, die mit staatlichen Garantien aus dem Ausland abgesichert wurden. Ägypten ist hoch verschuldet und muss laufend hohe Summen für Zinsen und die Rückzahlung alter Kredite aufbringen.
Die Metro transportiert weiterhin die Massen
«Ich habe manchmal den Eindruck, dass Projekte wie die Monorail nur um ihrer selbst willen gebaut werden», sagt eine Studentin, die anonym bleiben möchte. Sie macht kein Hehl daraus, dass sie am Erfolg des Projekts zweifelt. Investitionen in öffentliche Verkehrsmittel findet sie zwar begrüssenswert. Aber einen Ausbau des Metronetzes in Kairo und in den weiter wachsenden Satellitenstädten hält sie für deutlich sinnvoller, da er einem grossen Teil der Bevölkerung nutzen würde – und nicht einer kleinen Elite, die ohnehin lieber Auto fahre.
Auf dem Rückweg von der neuen Verwaltungshauptstadt in Richtung Westen nutzen wieder nur einige Dutzend Fahrgäste die Monorail. Beamte und Bankangestellte auf dem Weg in den Feierabend belegen die wenigen Sitzplätze. Nach 75 Minuten erreicht der Zug den Osten von Kairo. An der Endstation Stadion strömen die wenigen Monorail-Fahrgäste zusammen mit zahlreichen Menschen aus der Umgebung in Richtung Metro. Um 16 Uhr am Mittwochnachmittag, mitten in der Rushhour, drängen sich die Menschen in den Waggons. «Welcome to Cairo», sagt ein Metrogast.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Anne Allmeling
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