Interview

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«Wenn die USA Weltmacht bleiben wollen, brauchen sie unbedingt eine klare Strategie», sagt die Transatlantikerin

Gerlinde Groitl glaubt an eine gemeinsame Zukunft mit Amerika. Doch die USA sollten ihren Blick weiten, Europa sich auf sich selbst besinnen und Deutschland geopolitisch denken lernen.

27.10.2026, 05.30 Uhr

8 Leseminuten


Zum 250. Jahrestag der Gründung der USA erstrahlte das Brandenburger Tor in Berlin in den Farben der amerikanischen Flagge. Trotz allen Herausforderungen gibt es viel Austausch zwischen den Ländern.

Zum 250. Jahrestag der Gründung der USA erstrahlte das Brandenburger Tor in Berlin in den Farben der amerikanischen Flagge. Trotz allen Herausforderungen gibt es viel Austausch zwischen den Ländern.

Christian Spicker / Imago

Die transatlantischen Beziehungen sind in der Krise. Donald Trump hat in seiner zweiten Amtszeit zwar sein Ziel erreicht: Die Europäer rüsten auf. Doch seine ständigen Drohungen haben auch Gewissheiten zerstört. Nur noch 42 Prozent der Europäer vertrauen laut einer Bertelsmann-Umfrage den USA als Partner. Die Vereinigten Staaten sind zum streitbaren Freund geworden.

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Wie fest die Freundschaft einmal war, daran erinnert der Helmut-Schmidt-Lehrstuhl am Henry-Kissinger-Center in Washington (DC). Der ehemalige deutsche Kanzler und der amerikanische Aussenminister waren befreundet, beide setzten sich für die Beziehungen ihrer Länder ein. Der Lehrstuhl soll die transatlantische Partnerschaft in ihrem Sinne fördern.

Der Lehrstuhl wird vom deutschen Aussenministerium finanziert und in unregelmässigen Abständen mit Gastwissenschaftern neu besetzt. Im September hat ihn die bayrische Politikwissenschafterin Gerlinde Groitl übernommen. Ihr Büro befindet sich an der Pennsylvania Avenue in Sichtweite des Capitols.

Frage: Ist es jetzt nicht der schlechteste Zeitpunkt, um eine Gastprofessur zur deutsch-amerikanischen Freundschaft anzutreten, Frau Groitl?

Antwort: Ich finde es kurios, dass die Leute das verwunderlich finden. Selbst Friedrich Merz hat im Mai gesagt, er würde seinen Kindern nicht mehr empfehlen, in die USA zu ziehen. Dabei sollten wir doch wissen, wie die Stimmung dort ist. Dafür muss man vor Ort sein.

Frage: Wie ist die Stimmung dort?

Antwort: Die Amerikaner schauen mit einer grösseren Gelassenheit als wir Europäer auf das Weisse Haus. In Deutschland ist die Berichterstattung über die USA eindimensional und sensationalistisch. Man empört sich gerne über Donald Trump, aber das bringt uns nicht voran. Europa und Amerika haben ein beidseitiges Interesse aneinander. Wir werden keinen besseren Partner füreinander finden als den anderen.

Zur Person

NZZ

Gerlinde Groitl ist Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Regensburg und leitet eine Strategieberatung für Sicherheitspolitik. Zu ihren Schwerpunkten zählen die USA, Verteidigungspolitik sowie die Konkurrenz der Grossmächte. Seit September hat sie den Helmut-Schmidt-Gastlehrstuhl am Henry-Kissinger-Center der Johns-Hopkins-Universität inne. Der Lehrstuhl wurde 2018 gegründet, er wird vom deutschen Aussenministerium finanziert und dient der Förderung der transatlantischen Beziehungen.

Frage: Trotzdem wollen Sie in den USA ein Buch über die Krise der transatlantischen Beziehungen schreiben.

Antwort: Ich schreibe ein Lehrbuch über die Geschichte und die Praxis der Beziehungen. Damit möchte ich den Blick weiten. Krisen gab es zwischen Amerika und Europa zuhauf, und immer wieder war von der schlimmsten Krise aller Zeiten die Rede. Doch es ist uns stets gelungen, die Beziehung zu erneuern. Warum sollten wir das jetzt nicht wieder schaffen?

Frage: Weil es jetzt wirklich die grösste Krise in der Geschichte der Beziehungen ist?

Antwort: Ich möchte die momentane Krise nicht unterschätzen. Vielleicht wird es uns nicht gelingen, diese Partnerschaft auf Dauer zu erhalten. Doch wir müssen uns eine Frage stellen: Was ist das Band, das uns zusammenhält? Ich denke, dieses Band besteht aus unseren gemeinsamen Interessen in einer immer komplizierter werdenden Welt. Zusammen können wir unsere Anliegen besser vertreten als allein.

Frage: Wie würden Sie den momentanen Zustand der transatlantischen Beziehungen bewerten, auf einer Skala von 1 bis 10?

Antwort: Die Beziehungen sind vielschichtig. Auf der militärischen Ebene funktioniert die Zusammenarbeit beispielsweise noch gut. Auf der politischen Ebene ist die Krise dagegen ziemlich ausgeprägt.

Frage: 1 beschreibt ein totales Zerwürfnis, 10 eine harmonische Zukunft.

Antwort: 3. Auf der politischen Ebene.

Frage: Warum gerade 3?

Antwort: Trump sieht in Europa einen Trittbrettfahrer, der an den Kräften der USA zehrt. Doch es gibt in seiner Regierung auch Stimmen, die den Wert der Partnerschaft betonen. Elbridge Colby zum Beispiel, Staatssekretär im US-Kriegsministerium, will die Nato auf ein neues Fundament stellen: mit weniger amerikanischer Unterstützung, aber mit einem klaren Bekenntnis der USA zum Bündnis. In Amerika höre ich jetzt ganz viel Lob für Europa und allen voran für Deutschland. Wir investieren endlich in unsere eigene Verteidigung. Das kommt gut an.

Frage: Das klingt doch nach einem besseren Zustand als eine 3.

Antwort: In Amerika ja, in Europa nein.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Europa hat auf Trumps Forderungen reagiert und ertüchtigt sich, so sieht man das in Washington. Für Amerika entwickelt sich die Beziehung in eine positive Richtung. Die Europäer sehen vor allem, dass die USA unzuverlässig oder gar zum Problem werden. Jetzt mehren sich in Europa die Stimmen, sich von Amerika zu lösen.

Frage: Sehen die Amerikaner den Frust der Europäer nicht?

Antwort: Viele Amerikaner begreifen nicht, wie viel Vertrauen in Europa durch Trump verspielt wurde. Die amerikanische Regierung hat mit Russland verhandelt, ohne Europa und die Ukraine einzubeziehen. Wenig später hat Trump mit der Annexion Grönlands gedroht. Die Ängste der Europäer sind gerechtfertigt. Aber am Ende müssen wir uns fragen, wo wir in der Welt ohne die USA stünden.

Frage: Und wo stünde Europa?

Antwort: Europa steht ziemlich schwach da. Bei allen Indikatoren der Macht verlieren wir an Kraft. Wir haben weniger Einfluss in der Welt, technologisch fallen wir zurück, wirtschaftlich straucheln wir. Wir rüsten zwar auf, doch bis wir in eine Position der Stärke kommen, dauert es noch. Wir sind daher auf Partner angewiesen.

Frage: Europa schaut jetzt nach Kanada.

Antwort: Kanada, Japan, Südkorea. Europa sucht überall auf der Welt nach gleichgesinnten Partnern. Aber ich bin wenig optimistisch, dass ein Verbund von Mittelmächten die Rolle Amerikas ersetzen kann. Ohne die USA lässt sich kaum verhindern, dass sich das Recht des Stärkeren in der Weltpolitik durchsetzt.

Frage: Warum nicht?

Antwort: Ich bin Realistin. Auch eine regelbasierte Weltordnung muss auf Stärke beruhen, damit sie Bestand hat. Die Idee einer assoziierten Mitgliedschaft Kanadas in der EU ist vor allem Symbolpolitik.

Frage: Wie könnte sich das Verhältnis Europas zu Amerika in Zukunft entwickeln?

Antwort: Im schlimmsten Fall zerbricht das Verhältnis mit Amerika. Europa und der Nato gelingt es nicht, einen Krieg mit Russland zu verhindern. Im besten Fall erneuern wir die transatlantischen Beziehungen. Dann würden wir sie als eine Beziehung des gemeinsamen Nutzens statt der Abhängigkeit begreifen.

Frage: Wie können wir die Beziehungen erneuern?

Antwort: Wir müssen bei uns selbst anfangen. Die Schwäche Europas beginnt im Inneren. Populisten gewinnen an Einfluss, die Gesellschaften sind gespalten, die Politik blockiert sich bis zur Handlungsunfähigkeit. Europas Politiker sollten Innenpolitik und Aussenpolitik endlich zusammendenken. Wir müssen das Verbindende und die freiheitliche Grundlage der Demokratie stärken. Erst wenn sich Europa im Inneren stabilisiert, kann es nach aussen stark auftreten. Wenn Europa das verstanden hat, dann kann es gemeinsame Interessen mit den USA ausloten.

Frage: Die Amerika-Kritiker würden jetzt sagen, dass es kaum Gemeinsamkeiten gebe.

Antwort: Doch, da gibt es viele. Vor allem mit Blick auf die Alternativen. China und Russland sind zu Systemrivalen des freiheitlichen Westens geworden. Wir haben kein Interesse daran, dass Amerika den Wettstreit mit China verliert. Und die USA haben kein Interesse daran, dass Europa den Aggressionen Russlands unterliegt. Wir stehen mit den USA vor gemeinsamen Problemen, wir sollten sie gemeinsam angehen.

Frage: Wird das Europa gelingen?

Antwort: Europa wird noch lange mit sich selbst beschäftigt sein. Vor lauter tagespolitischen Problemen schaut es kaum auf die grossen Fragen. Europa will die liberale internationale Ordnung erhalten. Das ist ein hehres Ziel, aber auch Ausdruck intellektueller Trägheit. Wir brauchen eine positive, realistische, den Bürgern dienende Ordnungsvision, wohin es mit Europa gehen soll. Wir können die Zukunft nur gestalten, wenn wir auch eine Vorstellung von ihr haben.

Frage: In zwei Jahren wählt Amerika einen neuen Präsidenten. Spielt das eine Rolle für die Zukunft der transatlantischen Beziehungen?

Antwort: Donald Trump ist nicht das Hauptproblem für die gegenwärtige Krise der Beziehungen. Die USA verstehen sich nicht mehr als Dienstleister für die Sicherheit anderer Länder. Das wird so bleiben, egal, ob in zwei Jahren ein Republikaner oder ein Demokrat Präsident wird. Amerikas Politiker denken instrumentell. Das unterscheidet sie von vielen europäischen Politikern, die von Prinzipien getrieben sind. Partnerschaft und Multilateralismus sind für sie ein Selbstzweck. Die Amerikaner suchen dagegen nach Partnern, die ihnen nützen.

Frage: Trump hat mit seinen aussenpolitischen Entscheidungen bisher vor allem Amerikas Schwäche offenbart. Ist das die multipolare Weltordnung, von der alle sprechen?

Antwort: Ganz eindeutig: nein. Multipolarität bedeutet, dass sich verschiedene gleich starke Mächte gegenseitig ausbalancieren. Davon kann keine Rede sein. Die USA sind noch immer der mit Abstand mächtigste Staat auf der Welt. Danach folgt China. Doch auf Augenhöhe mit Amerika steht es nicht. Russland oder Indien sind noch weiter davon entfernt. Was wir momentan beobachten, ist eine Auflösung der alten Regeln. Materielle Macht übersetzt sich nicht mehr automatisch in Einfluss. Deswegen wirkt Amerika für viele so schwach. Zugleich haben Amerika und China keine gemeinsame Vorstellung davon, wie die Weltordnung aussehen soll.

Frage: Wie könnte eine neue Weltordnung denn aussehen?

Antwort: Für China wäre es eine Errungenschaft, ebenbürtig mit den USA zu sein. Es strebt daher eine G-2-Formation an. Amerika will dagegen die eigene Überlegenheit in der Welt erhalten. Es betreibt daher eine Art Grossmachtmanagement. Es verwehrt China den Zugang zu Hochtechnologie, es versucht von Chinas seltenen Erden unabhängig zu werden und setzt zugleich auf Diplomatie.

Frage: Wie kann Amerika seine Macht erhalten?

Antwort: Bei den klassischen Indikatoren der Macht ist Amerika nach wie vor stark. Ich denke da an die wirtschaftliche Stärke, die militärische Kraft, die Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen. Die Schwäche Amerikas liegt in der Politik. Trump agiert nicht zielgerichtet. Das sehen wir zum Beispiel an Iran. Wenn die USA Weltmacht bleiben wollen, brauchen sie unbedingt eine klare Strategie. Momentan herrscht jedoch eine Vielstimmigkeit an Ideen. Wenn man China eindämmen möchte, ist es etwa wenig hilfreich, Freund und Feind handelspolitisch gleich zu behandeln.

Frage: Die USA sind also stark und schwach zugleich?

Antwort: Amerika hat zwar die Vormacht, kann das internationale Geschehen aber weniger kontrollieren. Für kleinere Akteure ist es leichter, Regeln zu brechen. Für grössere Akteure ist es schwieriger, Regeln nach ihren Vorstellungen durchzusetzen. Jahrzehntelang haben die USA auf die Einhaltung der Ordnung geachtet, das ändert sich nun.

Frage: Was heisst das?

Antwort: Der Dschungel der Regellosigkeit wird zurückkehren. Der Eigenschutz wird damit stärker in den Mittelpunkt der Politik rücken. Und wo es mehr Konflikte und keine verlässlichen Regeln gibt, wird auch die Globalisierung zum Problem. Beide Entwicklungen können wir seit einigen Jahren beobachten.

Frage: Was bedeutet das für Europa?

Antwort: Es gibt zwei Optionen. Entweder ertüchtigt sich Europa machtpolitisch selbst, oder es muss mit den Konsequenzen leben.

Frage: Was braucht ein starkes Europa?

Antwort: Ein starkes Europa braucht starke Nationalstaaten. Wenn die Staaten handlungsfähig sind, ist es auch der Kontinent. Ich störe mich daran, dass viele in der Stärkung der Europäischen Union den einzig möglichen Weg für den Kontinent sehen. «Mehr EU» ist kein Selbstzweck. Für die Verteidigung bleibt die Nato unersetzlich. Jenseits davon braucht es ein neues Führungsmodell fähiger europäischer Staaten.

Frage: Und was braucht das stärkste Land auf dem Kontinent: Deutschland?

Antwort: Deutschland fehlt es an geopolitischem Denken. Das zeigt sich bereits an meiner Disziplin: der Wissenschaft. Sicherheitspolitische Lehrstühle sind in Deutschland Mangelware, in den internationalen Beziehungen hat man sich lange auf die Friedens- und Konfliktforschung konzentriert, die Geopolitik wurde in die Schmuddelecke verbannt. Auch in der Politik hatte man die Machtpolitik völlig vergessen.

Frage: Aber Deutschland und Europa ändern sich doch gerade.

Antwort: 2022 hat sich die Erzählung von der Zeitenwende durchgesetzt. Aber die Welt hat sich nicht verändert. Regelbruch und Konflikte waren auch vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine Teil der Realität. Wir reden in Europa zu wenig über die eigenen Versäumnisse und unterschätzen die Dimensionen der Macht. Auch wenn plötzlich alle von Geopolitik sprechen, es gibt noch viel zu tun.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Leon Igel

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