Interview
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Der Wirtschaftsprofessor Richard Baldwin erklärt im Interview, warum die Republikaner die Midterm-Wahlen so deutlich verloren haben. Er sagt, die amerikanischen Wähler hassten die Inflation.
06.11.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Nicht nur an den Tankstellen, auch an den Kühltheken wurden die Midterm-Wahlen entschieden. Im Bild: ein Lebensmittelgeschäft in Austin, der Hauptstadt von Texas. Dort gewannen die Demokraten am Dienstag sowohl einen Sitz im amerikanischen Senat als auch den Gouverneursposten.
Brandon Bell / Getty
Frage: Herr Baldwin, Donald Trump sagt, die Republikaner hätten die Zwischenwahlen verloren, weil er selbst nicht auf dem Wahlzettel gestanden habe. Hat das etwas?
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Antwort: Nein. Die Wähler haben ganz klar mit dem Trumpismus abgerechnet. Der Präsident hatte versprochen, die Preise und die Inflation zu senken und Amerika mit seiner populistischen Handels- und Aussenpolitik wieder gross zu machen. Doch mit den Zöllen, dem Iran-Krieg und auch mit der Ausweisung ausländischer Arbeitskräfte bewirkte er genau das Gegenteil. Amerikanische Wähler hassen die Inflation, die so entstanden ist.
Frage: Wie erklären Sie die Deutlichkeit des Resultats?
Antwort: Trump bestritt, dass es überhaupt eine Krise der Lebenshaltungskosten gebe, obwohl die Menschen sie jeden Tag spüren. Er sagte Dinge, bei denen der durchschnittliche Wähler unmittelbar erkennen konnte, dass sie falsch waren. Für mich war es diese Kombination: sein offensichtliches Desinteresse an der Krise der Lebenshaltungskosten und die Tatsache, dass seine eigene Politik diese Krise verursacht hat. Das brachte sehr viele Amerikaner aus ganz unterschiedlichen sozioökonomischen Gruppen gegen ihn auf.
Frage: Welche Rolle spielte Trumps Handelskrieg?
Antwort: Die Zölle spielten eine Rolle, aber das war ein langsamer Prozess. Ab Herbst 2025 gab es Widerstand dagegen, weil die Einfuhrabgaben die Lebenshaltungskosten erhöhten. Aber die Unzufriedenheit über die Zölle schwelte unter der Oberfläche. Und dann wurde durch den Iran-Krieg Öl ins Feuer gegossen.
Frage: Trump könnte den Handelskrieg nun wieder eskalieren lassen – er muss keine Wahl mehr gewinnen. Die Demokraten kontrollieren zwar den Kongress, verfügen aber über keine Zweidrittelmehrheit, die nötig wäre, um ein präsidiales Veto zu überstimmen.
Antwort: Trump nutzte die Zölle als politisches Theater. Dieses ist inzwischen politisch toxisch geworden. Wie man in den Umfragen sieht, glaubt die Mehrheit der Amerikaner, dass Zölle die Preise erhöhen. Zölle sind also nicht länger ein tolles politisches Instrument, wie Trump einst glaubte. Man darf auch nicht vergessen: Trump ist weiterhin ein Populist. Er sieht sich als jemanden, der dem durchschnittlichen Bürger hilft. Ich glaube deshalb nicht, dass er wieder zu aggressiven Zollerhöhungen greift. Meine Analysen zeigen zudem, dass Trump die effektiven Zölle im Jahr 2026 durch Ausnahmeregelungen bereits schleichend gesenkt hat.
Frage: Das Schweizer Wirtschaftsdepartement ist weniger optimistisch. Es betonte am Mittwoch, dass das Wahlergebnis rechtlich nichts daran ändere, was Trump tun könne.
Antwort: Das Wirtschaftsdepartement hat vollkommen recht: Dass die Demokraten die Kontrolle über den Kongress übernehmen, gibt ihnen keine direkte Möglichkeit, diese Zölle abzuschaffen, ausser sie verabschieden ein Gesetz, gegen das Trump wiederum sein Veto einlegen könnte. Das Wahlergebnis ändert also nichts an der rechtlichen Grundlage.
Frage: Aber?
Antwort: Zölle sind unpopulär, und Trump möchte populär sein. Zudem glaube ich, dass die Demokraten mit ihrer Mehrheit im Kongress das tun werden, was man «wedge voting» nennt, also Abstimmungen erzwingen, mit denen sie die Republikaner politisch in die Enge treiben.
Frage: Wie funktioniert das?
Antwort: Sobald sie im Januar die Macht übernehmen, könnten die Demokraten sagen: Wir schaffen sämtliche Zölle auf Gütern aus Kanada ab. Dann müssten die Republikaner im Kongress die Karten offenlegen. Die Demokraten werden also die politischen Kosten weiterer Zollerhöhungen in die Höhe treiben. Deshalb glaube ich nicht, dass Trump die Zölle erhöhen wird.
Frage: Sie sagen also: Trumps Handelskrieg ist faktisch vorbei.
Antwort: Ich würde es so formulieren: Die blaue Welle hat Trumps Handelskrieg gestoppt. Die USA werden nicht sämtliche Zölle vollständig zurücknehmen. Aber wir befinden uns nun in einer wesentlich stabileren Situation.
Frage: Wie gross ist der langfristige Schaden, den Trump dem Welthandel zugefügt hat?
Antwort: Der Schaden ist da. Der Handel wird heute als Waffe eingesetzt, wie es das in Friedenszeiten noch nie gegeben hat. An dieser Instrumentalisierung ändern auch die Midterms nichts. Ich bin trotzdem ziemlich optimistisch, dass wir das Welthandelssystem neu aufbauen können. Regionale Handelsabkommen treten an die Stelle multilateraler Handelsabkommen. Wenn man sich die Zahlen ansieht, entwickelt sich der Welthandel derzeit sogar ziemlich gut.
Frage: Trump trifft den chinesischen Präsidenten Xi Jinping im November. Was erwarten Sie von diesem Treffen?
Antwort: Xi wird Trump zu weiteren Zollsenkungen drängen, und er wird nachgeben. Seit dem ersten Abkommen mit Peking im Mai 2025 haben die USA ihre Zölle auf chinesische Güter stark gesenkt. China hat die Amerikaner mit seinen Exportkontrollen für seltene Erden und Magnete in eine Ecke getrieben. Dieses Instrument lässt sich innenpolitisch billig und einfach einsetzen. Die Chinesen halten das Angebot knapp, beschränken es aber nicht übermässig. Gleichzeitig zeigen sie allen, dass sie es jederzeit könnten. Das hat Trump dazu gezwungen, China gegenüber sehr viele Zugeständnisse zu machen.
Frage: Und gegenüber dem Rest der Welt?
Antwort: Alle Handelspartner wissen, wie toxisch Zölle in den USA innenpolitisch geworden sind. Trumps Drohungen sind nicht mehr glaubwürdig, was dazu führen wird, dass sich ausländische Regierungen noch stärker gegen den amerikanischen Protektionismus wehren werden.
Frage: Wie wird sich das Verhältnis zwischen Peking und Washington langfristig entwickeln?
Antwort: Die USA und China beziehungsweise die G-7 und China werden einen Weg finden, miteinander auszukommen. So war es auch mit Japan in den 1970er und 1980er Jahren, als Japan in der gleichen Rolle war wie China heute. Japanische Autos, japanischer Stahl und japanische Halbleiter überschwemmten die Märkte. Irgendwann hat der Westen gelernt, damit zu leben und eine für beide Seiten vorteilhafte Beziehung aufzubauen.
Frage: So optimistisch wie Sie sind wenige.
Antwort: Die industriellen Strukturen der Welt sind heute wie ein Omelett. Alle Eier wurden aufgeschlagen und miteinander vermischt. Man kann die Eier nicht wieder voneinander trennen. Wir müssen also einen Weg finden, miteinander auszukommen, wenn wir selbstzerstörerisches Verhalten vermeiden wollen.
Frage: Eine neue Zutat in diesem Omelett ist die KI-Revolution. Welchen Einfluss hat das Aufkommen der grossen Sprachmodelle volkswirtschaftlich?
Antwort: Kurzfristig erleben wir einen enormen Investitionsboom. Er treibt die Aktienkurse nach oben und erzeugt einen Vermögenseffekt, der dazu führt, dass wohlhabende Menschen mehr konsumieren. Langfristig machen die Leute aber einen grossen Fehler, wenn sie Produktivitätssteigerungen durch KI mit industriellen Produktivitätssteigerungen vergleichen.
Frage: Warum?
Antwort: Wenn eine Fabrik mehr Toaster in kürzerer Zeit herstellt und man deshalb weniger Arbeitskräfte benötigt, dann ist das ein Produktivitätsgewinn. Bei KI müssen wir aber bedenken, dass es bei einem grossen Teil dieser Anwendungen um Dienstleistungen geht. Und Dienstleistungen funktionieren völlig anders. Man kann nicht plötzlich doppelt so viele Zeitungsartikel schreiben und sagen: Jetzt bin ich doppelt so produktiv. Die Menschen wollen nur fünf oder sechs Artikel pro Tag lesen. Deshalb wird sich ein grosser Teil der Produktivitätssteigerung in höherer Qualität zeigen und gar nicht im BIP sichtbar sein.
Frage: Sie rechnen also nicht mit KI-bedingter Massenarbeitslosigkeit, wie sie auch im Midterm-Wahlkampf ein Thema war?
Antwort: Nein, wir sollten grosse Sprachmodelle als eine Art Sofortbildung betrachten. Der neue Wettbewerb dreht sich um die Qualität. Schauen Sie sich beispielsweise die Onlineportale der Zeitungen an. Die Art, wie interaktive Grafiken gemacht werden, hat sich völlig verändert. Es ist unglaublich, was heute möglich ist. Wir sehen also bereits, dass KI in höhere Qualität übersetzt wird – nicht in grössere Mengen oder weniger Beschäftigte.
Frage: Welche Wirtschaftspolitik erwarten Sie von den Demokraten, wenn sie an der Macht sind?
Antwort: Nicht die Demokraten haben diese Wahl gewonnen, sondern Trump hat sie verloren. Diesen Satz hat man in den vergangenen zwei Tagen oft gehört, und ich halte ihn für richtig. Die Demokraten wissen selbst noch nicht, was sie mit ihrem Mandat anfangen sollen. Aber ich bin optimistisch. Wir vergessen manchmal, dass wir uns vor kurzer Zeit noch Sorgen machten, die USA könnten sich in Richtung des Systems Orban in Ungarn entwickeln und zu einer illiberalen Demokratie werden. Nichts dergleichen ist geschehen. Deshalb ging am Dienstag ein enormer Seufzer der Erleichterung durch das Land: Die amerikanische Demokratie hat funktioniert.
Zur Person
PD
Im Auge des Welthandels
Richard Baldwin ist Professor für internationale Ökonomie an der IMD Business School in Lausanne. Der 68-Jährige gilt als führender Experte für Welthandel und die wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung. Baldwin befasst sich auch mit den Folgen neuer Technologien für die Weltwirtschaft und die Arbeitswelt. Während der Präsidentschaft von George H. W. Bush war er als Ökonom im wirtschaftlichen Beirat des Präsidenten tätig. Sein Interesse am Welthandel entdeckte er Anfang der 1980er Jahre, als er als junger Doktorand den späteren Nobelpreisträger und Wirtschaftsprofessor Paul Krugman kennenlernte. Krugman betreute später Baldwins Doktorarbeit am Massachusetts Institute of Technology.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Lorenz Honegger
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