Interview
«Europa muss endlich aufwachen»
Israels Staatspräsident Yitzhak Herzog rechnet mit dem alten Kontinent ab: Dieser verkenne die jihadistische Bedrohung, messe mit zweierlei Mass und lasse Israel im Stich. Im Interview erklärt er zudem, warum die bevorstehende Wahl einen Neuanfang ermöglichen könnte.
23.10.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Erwartet eine hohe Wahlbeteiligung: Israels Staatspräsident Yitzhak Herzog.
Noch vier Tage, dann wird in Israel ein neues Parlament gewählt. Es ist die erste Abstimmung seit dem 7. Oktober 2023, dem blutigsten Tag in der Geschichte des jüdischen Staates. Rund 1200 Menschen wurden damals von islamistischen Terroristen ermordet, etwa 250 als Geiseln nach Gaza verschleppt.
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Staatspräsident Yitzhak Herzog sieht in der Wahl deshalb auch eine «nationale Katharsis», eine Gelegenheit, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und den Blick wieder in die Zukunft zu richten. Dem 66-Jährigen, den seine Landsleute meist liebevoll beim Spitznamen «Bougie» nennen, kommt dabei eine besondere Rolle zu: Er entscheidet nach Beratungen mit den Parteien, wen er mit der Regierungsbildung beauftragt.
Herzog stammt aus einer der bekanntesten politischen Familien Israels. Schon sein Vater Chaim war Staatspräsident, sein Grossvater Oberrabbiner des Landes. Der frühere Vorsitzende der sozialdemokratischen Arbeitspartei gilt als ausgleichender Politiker, der sich um Verständigung zwischen den zerstrittenen Lagern bemüht. Im Gespräch mit der NZZ zeigt er sich nun allerdings ungewöhnlich angriffslustig – vor allem gegenüber Kritikern aus Europa.
Frage: Herr Präsident, wer mit den Menschen in Israel spricht, spürt eine tiefe Erschöpfung. Man könnte beinahe von einer kollektiven Depression sprechen. Wie bewältigt ein Land drei Jahre Krieg?
Antwort: Da bin ich etwas anderer Meinung. Natürlich gibt es Niedergeschlagenheit und Erschöpfung. Aber es gibt auch eine enorme Widerstandskraft. Die Menschen wissen, dass wir einen Wendepunkt in der Geschichte des Nahen Ostens erleben. Wir mussten uns gegen den Angriff vom 7. Oktober verteidigen, der barbarisch war, im schlimmsten Sinne des Wortes. Nun steht das Land vor einer Wahl, die auch eine nationale Katharsis ist. Erstmals seit dem 7. Oktober stellen sich die unterschiedlichen politischen Positionen dem Urteil der Wähler. Ich rechne mit einer beispiellosen Wahlbeteiligung. Das ist Teil des Heilungsprozesses. Natürlich gibt es Spannungen, Frustration und Streit. In Kriegszeiten ist das legitim. Aber wir müssen auch an den Tag danach denken.
Frage: Die Umfragen zeigen allerdings auch, wie gespalten Israel ist. Zwei annähernd gleich grosse Lager stehen sich gegenüber: die Anhänger Benjamin Netanyahus und seine Gegner. Was hält diese Gesellschaft noch zusammen?
Antwort: Das können Sie doch jedes Land fragen. Was hält Amerika zusammen? Was Frankreich, was Grossbritannien? Wenn Sie alles auf «Bibi oder nicht Bibi» reduzieren, ist Israel gespalten. Aber bei uns treten rund vierzig Parteien zur Wahl an. Wir feiern die Demokratie in grossem Stil. Schauen Sie sich im Nahen Osten um: Wo sonst finden Sie eine solche Vielfalt politischer Stimmen und eine solche Wahlbeteiligung?
Frage: Eine tiefe Spaltung sehen Sie also nicht?
Antwort: Was die internationale Presse und all die Meinungsmacher nicht verstehen, die so schnell über uns urteilen: In Israel streiten wir darüber, ob wir unseren Nachbarn noch vertrauen können. Es waren ausgerechnet die grössten Friedensfreunde, die am 7. Oktober als Erste vergewaltigt, abgeschlachtet, verbrannt oder als Geiseln verschleppt wurden. Wie also soll der Tag nach dem Krieg aussehen? Das ist die grosse Frage dieser Wahl, und die Kandidaten geben darauf unterschiedliche Antworten.
Frage: Können diese beiden Lager nach der Wahl überhaupt noch zusammenarbeiten?
Antwort: Absolut. Man darf nicht vergessen, dass beide Lager aus mehreren Parteien bestehen. Da sind Annäherungen möglich. Entscheidend ist das Wahlergebnis: Vielleicht gewinnt eines der Lager deutlich, vielleicht kommt es zu einer Pattsituation. Dann wird viel davon abhängen, was hier in diesem Raum geschieht. Ich werde die Vertreter aller Parteien, die den Einzug in die Knesset schaffen, zu mir einladen und mit ihnen beraten, wer die nächste Regierung bilden soll.
Frage: Netanyahu und führende Oppositionspolitiker schliessen eine Koalition mit arabischen Parteien aus. Dabei ist jeder fünfte Israeli Araber. Ist es für eine Demokratie gesund, einen so grossen Teil der Bevölkerung von der Regierungsbildung auszuschliessen?
Antwort: Zunächst muss man verstehen, wie breit das politische Spektrum in Israel ist. Es reicht von extrem rechten Parteien, die an den Faschismus grenzen, bis zur extremen Linken und zu Parteien, die als der Muslimbruderschaft nahestehend gelten. Manche arabische Parteien wollen gar nicht Teil einer Regierung werden. Denn dafür müssten sie auch die Grundsätze des Zionismus akzeptieren und Militäreinsätze mittragen. So einfach ist es also nicht. Unter Naftali Bennett war bereits eine arabische Partei an der Regierung beteiligt. Welche Koalitionen diesmal möglich sind, wird sich nach der Wahl zeigen. Für mich ist allerdings eine andere Entwicklung viel interessanter.
Frage: Welche?
Antwort: Die muslimische Partei Raam hat einen Juden, einen früheren Polizeichef, auf den zweiten Platz ihrer Wahlliste gesetzt. Zugleich kandidiert der arabische Israeli Yosef Haddad auf Listenplatz zwei der rechten jüdischen Partei Amcha Yisrael. Das ist eine bedeutende Entwicklung. Sie zeigt, dass Juden und Araber in der israelischen Politik zunehmend zusammenarbeiten.
Frage: Der Wahlkampf steht im Schatten des Krieges. Gegen Iran, die Hamas und den Hizbullah hat Israel militärische Erfolge erzielt. Hat es auch diplomatisch genug getan, um die Beziehungen zu seinen Nachbarn zu verbessern?
Antwort: Wir stehen mit vielen arabischen Staaten im Gespräch. Ein Teil dieses Dialogs findet öffentlich statt, etwa mit unseren Partnern der Abraham-Abkommen. Anderes läuft aus politischen Gründen hinter den Kulissen. Ein Abkommen mit Libanon wird derzeit verhandelt, auch eine langfristige Vereinbarung mit Syrien ist möglich. Für Gaza liegt ebenfalls ein Plan vor, auf Grundlage einer Resolution des Uno-Sicherheitsrats und des 20-Punkte-Plans von Präsident Donald Trump. Gemäss dem Plan soll zunächst die Hamas entwaffnet werden, bevor eine Regierung aus Technokraten übernimmt.
Herzog wurde 2021 als israelischer Präsident vereidigt.
Mit den Palästinensern selbst gibt es dagegen kaum noch einen politischen Dialog.
Antwort: Wir müssen Wege finden, wieder miteinander zu sprechen. Das ist schwierig, weil das Misstrauen in Israel gegenüber unseren Nachbarn enorm ist. Aber wir sollten es versuchen und dabei auch Saudiarabien in den Friedensprozess einbeziehen. Ich bin fest überzeugt: Es muss einen Moment geben, in dem Jerusalem und Mekka miteinander sprechen.
Frage: Im Westjordanland hält derweil die Gewalt extremistischer Siedler an. Sie haben die Übergriffe scharf verurteilt. Aber reichen Worte allein?
Antwort: Nein. Das Sicherheitskabinett hat in den vergangenen Wochen mehrere Beschlüsse gefasst, um entschieden dagegen vorzugehen. Dafür braucht es die Zusammenarbeit von Armee, Polizei und Geheimdienst – und die Rückendeckung der Regierung. Man muss allerdings auch verstehen, wie schwierig die Lage vor Ort ist. Das Gebiet ist gross, gerade während der Olivenernte kommt es an weit verstreuten Orten zu Zusammenstössen. Bis die Polizei eintrifft, sind die Beteiligten manchmal schon verschwunden. Ich habe diese Gewalt aufs Schärfste verurteilt. Und ich glaube, alle Israeli sind sich einig: Das sind bösartige Übergriffe, die wir nicht hinnehmen dürfen.
Frage: Der für das Westjordanland zuständige General Avi Bluth sprach sogar schon von «jüdischem Terrorismus». Teilen Sie seine Einschätzung?
Antwort: Avi Bluth ist ein sehr ernsthafter Mann, und ich unterstütze sein Vorgehen uneingeschränkt. Ich bin eigens in sein Hauptquartier gefahren, um ihm und seinen Offizieren den Rücken zu stärken. Ich habe ihnen gesagt: Macht eure Arbeit, nehmt die Leute fest, und stoppt das.
Frage: In Europa wird inzwischen über weitere Sanktionen gegen Israel diskutiert. Hat Israel den Rückhalt seiner europäischen Verbündeten verloren?
Antwort: Viele Menschen in Europa, auch in der Schweiz, urteilen vorschnell. Sie begreifen nicht, dass wir hier auch Europa schützen. Wir sind der Puffer. Ein Blick auf die Landkarte genügt: Wir halten einen gewaltigen Angriff des jihadistischen Islam auf, der Europa erobern und uns alle von hier vertreiben will. Das liberale Europa versteht diese Gefahr nicht. Ich bin selbst ein liberaler Demokrat. Aber ich sehe die Bedrohung. Und ich sehe, wie sich mein Land wie ein Löwe erhoben hat, um seine Feinde an sieben Fronten zu bekämpfen.
Frage: Sie werfen den Europäern also Naivität vor?
Antwort: Ich kann jedenfalls nicht nachvollziehen, wie es Europa hinnimmt, dass die Huthi-Miliz eine internationale Schifffahrtsroute im Roten Meer blockiert. Diese Terrorgruppe wird von Iran finanziert und bewaffnet. Sie verfügt über Marschflugkörper und ballistische Raketen, also über Waffen, die wahrscheinlich nicht einmal die Schweizer Armee besitzt. Gleichzeitig verteuert ihre Blockade Waren und Dienstleistungen für jeden Europäer. Europa muss endlich aufwachen. Alle Staaten, die Frieden und Mässigung wollen, auch die muslimischen, müssen gemeinsam gegen diese Terroristen vorgehen.
Frage: Auf Europas Strassen kommt es derweil immer wieder zu antisemitischen Übergriffen. Sind Juden in Zürich, Berlin oder Paris noch sicher?
Antwort: Diese Welle des Antisemitismus ist entsetzlich. Ich verfolge die Lage sehr genau. In der jüdischen Welt gibt es zwei Denkschulen. Die eine sagt: Europa ist ein verlorener Fall. Ich gehöre zur anderen. Wir dürfen nicht aufgeben, wir müssen kämpfen und das jüdische Leben in Europa bewahren.
Frage: Was raten Sie einer jungen jüdischen Familie in Europa, die erlebt, wie gerade in Paris eine Synagoge verwüstet wird? Sollte sie nach Israel auswandern?
Ich ermutige Juden immer, nach Israel zu kommen. Zugleich muss jüdisches Leben überall auf der Welt bewahrt und geschützt werden. Die Entscheidung muss letztlich jeder selbst treffen. Kommen Sie nach Israel, und sehen Sie selbst: Juden und Araber aller Konfessionen leben hier zwar nicht konfliktfrei, aber in einem guten Miteinander. Und dann blickt man nach Frankreich. Hätten jene Europäer, die Israel so schnell verurteilt haben, nicht zuerst vor der eigenen Haustür kehren sollen? Europa sollte mit all diesen Boykotten, Verurteilungen und der ständigen Notenvergabe aufhören. Schau in den Spiegel, Europa!
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Johannes Bockenheimer, Fotografinnen und Fotografen
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