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Tankrabatt drückt die Spritpreise – die aktuellen Zahlen zur Energieversorgung in Deutschland

Wie wirken sich Energiewende und globale Krisen auf Strom- und Gaspreise in Deutschland aus? Hier gibt es jeden Tag die aktuellen Zahlen.

Simon Off, Nicolas Staub, Michel Grautstück03.11.2026, 11.38 Uhr

8 Leseminuten

Aktualisiert


Wer heute einen Gas- oder Stromvertrag abschliesst, zahlt immer noch mehr als vor der Energiekrise im Jahr 2022. Die folgende interaktive Karte zeigt die tagesaktuellen Strom- und Gaspreise für eine vierköpfige Familie in Ihrem Ort sowie einen Vergleich mit dem Vorkrisenniveau.

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In Deutschland nutzt mehr als die Hälfte der Wohnungen Gas zum Heizen. Weitere 16 Prozent beziehen Fernwärme, die zu knapp der Hälfte aus Erdgas stammt. Der grösste Verbraucher ist allerdings die Industrie.

Auch die jüngsten Konflikte im Nahen Osten schlagen sich in höheren Gas- und Strompreisen für private Haushalte nieder.

Deutsche Stromkunden profitieren davon, dass der Staat die Förderung erneuerbarer Energien (EEG) inzwischen aus Steuermitteln finanziert und seit 2026 zusätzlich die Netzentgelte bezuschusst. Gaskunden zahlen seit Jahresbeginn keine Gasspeicherumlage mehr; auch diese Kosten trägt der Staat. Ohne diese Entlastungen wären Strom und Gas für die Verbraucher teurer.

Ein Grund für die weiterhin hohen Energiepreise sind gestiegene Beschaffungskosten für die Energieversorger: Am europäischen Terminmarkt liegen die Preise nach der Abkehr von billigem russischem Pipeline-Gas und dem Lieferstopp über die Ukraine dauerhaft über Vorkrisenniveau. Der Krieg im Nahen Osten sorgte für einen erneuten Preisanstieg.

Auch die Spritpreise waren zuletzt stark gestiegen. Seit dem 1. Oktober gilt erneut ein Tankrabatt: Bis Ende des Jahres sinkt die Steuerbelastung auf Benzin und Diesel um insgesamt 16,7 Cent je Liter. Eine Auswertung der NZZ zum Tankrabatt im Mai und Juni zeigte, dass die Entlastung nicht vollständig bei den Autofahrern ankam.

Besonders stark hatte zuvor der Preis für Diesel zugelegt. Mitte September lag er auf dem Niveau des Rekordwerts aus dem April.

Grosshändler, die sich kurzfristig Strom zu stark schwankenden Preisen am sogenannten Spotmarkt besorgen wollen, zahlen in der Regel ebenfalls mehr als vor Beginn der Energiekrise. Für die meisten Stromversorger sind langfristige Geschäfte am deutschen Terminmarkt allerdings wichtiger. Dort liegen die Preise ebenfalls deutlich höher als vor der Krise.

Warum verschenkt Deutschland Strom ins Ausland?

An sonnigen und windreichen Tagen, wenn der Strombedarf eher niedrig ist, kommt es in Deutschland wegen des Ausbaus der erneuerbaren Energien immer häufiger zu Überschüssen in der Stromerzeugung. Die Folge: Die deutschen Kraftwerksbetreiber müssen ihren Strom verschenken oder, wenn der Preis am Spotmarkt ins Negative rutscht, für die Abnahme sogar bezahlen. Nachbarländer wie die Schweiz oder Österreich können diesen Strom dann in ihren Pumpspeichern speichern und, wenn die Nachfrage wieder steigt, zu hohen Preisen an Deutschland zurückverkaufen. Deutsche Verbraucher mit einem dynamischen Stromtarif profitieren von diesem kurzfristigen Preisverfall. Betreiber älterer Photovoltaikanlagen erhalten in solchen Stunden teilweise weiterhin eine feste Vergütung. Droht das Überangebot das Netz zu destabilisieren, müssen manche Wind- und Solarparks sogar abgeschaltet werden; die Betreiber erhalten dafür Entschädigungszahlungen.

Die Zahl der Stunden mit negativen Preisen hat sich 2023 zwar mehr als verdreifacht im Vergleich zum Vorjahr, was kurzfristig immense Kosten verursachte. Dennoch bleiben sie übers Jahr gesehen die Ausnahme. Dass Deutschland Strom günstig exportieren und in wind- und sonnenarmen Zeiten aus dem Ausland teuer importieren muss, ist dagegen eher die Regel als die Ausnahme.

Private Haushalte in Deutschland zahlen ebenfalls hohe Strompreise: Im EU-Vergleich waren sie zuletzt nur in Irland höher. Kaufkraftbereinigt lagen die deutschen Strompreise auf Platz vier hinter Rumänien, Tschechien und Polen.

Zusammen mit Dänemark hat Deutschland seit vielen Jahren die höchsten Strompreise in der EU. Auch bei Neuabschluss liegt Deutschland regelmässig auf Platz eins, wie ein Tarifvergleich der jeweils drei grössten (Grund-)Versorger in den europäischen Hauptstädten zeigt.

Ein wichtiger Grund für die hohen Strompreise in Deutschland sind die Kosten der Energiewende: Die Integration von Wind- und Solarstrom erfordert Netzausbau und Eingriffe zur Stabilisierung des Stromsystems. Hinzu kommt der Ausstieg aus günstiger, CO2-armer Kernkraft.

Am stärksten betroffen von den hohen Preisen ist die energieintensive Industrie, die unter anderem Papier, Glas, Zement sowie Stahl und Aluminium herstellt; insgesamt sind dort rund 15 Prozent der deutschen Industriearbeiter beschäftigt. Seit dem Einbruch der Produktion im März 2022 haben sich diese Unternehmen nie vollständig erholt, dementsprechend gering ist ihr Energieverbrauch.

Auch mittelständische Unternehmen zahlen deutlich mehr für Strom als ihre Mitbewerber in den USA, Frankreich, Spanien oder China. Gas ist in Deutschland sogar vier Mal so teuer wie in den USA.

Um während der Heizperiode Gas in der Stromerzeugung einzusparen, hatte Deutschland zwei Jahre in Folge die Braunkohlereserve wieder hochgefahren. Anfang 2024 sind allerdings mehrere Kohlekraftwerke endgültig vom Netz gegangen. Im Koalitionsvertrag hat die neue Bundesregierung einen Kohleausstieg bis zum Jahr 2038 vereinbart.

Weil die rund 30 000 Windräder und mehrere Millionen Photovoltaikanlagen mangels Speichern nicht verlässlich Strom lieferten und zugleich weitere Kernkraftwerke vom Netz gingen, stieg der Anteil fossiler Energieträger zu Beginn der Energiekrise deutlich. Dass er im Jahr 2023 fast auf das Niveau des Corona-Jahres 2020 sank, lag in erster Linie am geringeren Stromverbrauch infolge der Rezession sowie an den stark gestiegenen Importen aus dem Ausland.

Auch absolut nimmt die Stromerzeugung aus Kohle, Gas und Öl seit Jahren ab – ebenso wie die gesamte deutsche Stromproduktion.

Obwohl Deutschland seit dem Jahr 2000 viele hundert Milliarden Euro in den Stromsektor investiert hat, verursacht das Land allerdings immer noch mehr Treibhausgasemissionen als die meisten EU-Länder. Das ist auch eine Folge des Atomausstiegs. Wäre Deutschland nicht aus der Kernkraft ausgestiegen, wäre der Strommix heute deutlich klimafreundlicher.

Auch auf die Preise am europäischen Strommarkt wirkte sich der deutsche Atomausstieg aus. Eine Ökonomengruppe der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg kam Ende 2022 in einer Studie zu dem Ergebnis, dass ein Weiterbetrieb der drei im April 2023 abgeschalteten Kernkraftwerke die Strompreise gesenkt hätte – sowohl in Deutschland als auch in den Nachbarländern. Die Autoren beziffern den dämpfenden Effekt auf den Strompreis auch heute noch auf 8,5 bis 12 Prozent.

Mitte April 2023 hat Deutschland die noch verbliebenen Kernkraftwerke abgeschaltet. Seither ist das Land wieder Netto-Importeur von Strom – auch weil jetzt im Inland Kapazitäten zur günstigen, CO2-armen Stromproduktion fehlen. Wegen des hohen CO2-Preises war es für Deutschland nach dem Atomausstieg günstiger, Strom aus CO2-armer Wasser- und Kernkraft zu importieren, statt diesen mit den im Inland verbliebenen steuerbaren Kohle- und Gaskraftwerken selbst zu erzeugen.

Auch in den Wintermonaten, wenn ein geringes Angebot und hohe Nachfrage aufeinandertreffen, exportiert Deutschland nun weniger Strom als früher – eine Folge des hohen CO2-Preises und der abgeschalteten Kernkraftwerke, die auch an wind- und sonnenarmen Tagen CO2-armen, günstigen Strom produzieren konnten.

Warum Deutschland nicht unbegrenzt (günstigen) Strom importieren kann

Grundsätzlich fliesst auf dem europäischen Markt Strom aus Ländern mit niedrigen Preisen in Länder mit hohen Preisen. Durch Handel zwischen den Marktteilnehmern gleichen sich die Preise in allen Ländern an. Weil die grenzüberschreitenden Übertragungskapazitäten begrenzt sind, steht günstiger Strom allerdings nicht unbegrenzt zur Verfügung. Perspektivisch könnte das für Deutschland ein Problem werden – wie ein Beispiel aus Skandinavien zeigt: Aus Sorge um höhere Preise im Inland hat die schwedische Mitte-rechts-Regierung den Bau einer neuen Leitung nach Deutschland gestoppt und so zusätzliche Stromexporte unterbunden. Frankreichs links- und rechtsnationalistische Parteien fordern sogar einen kompletten Ausstieg aus dem gemeinsamen Strommarkt. Einige Experten plädieren deshalb dafür, Deutschland in mehrere Strompreiszonen aufzuteilen.

Sollte Deutschland den Kohleausstieg vorantreiben, ohne neue regelbare Kraftwerke zu bauen, sind auch Extremszenarien denkbar, in denen die Importe wegen der beschränkten Übertragungskapazitäten nicht mehr ausreichen, um während einer langen Dunkelflaute die Nachfrage im Inland zu decken.

Strom importiert Deutschland in erster Linie aus Frankreich und den skandinavischen Ländern, wobei Dänemark häufig Transitland ist für schwedischen und norwegischen Strom aus Wasser- und Kernkraft.

Seit dem Atomausstieg haben sich die Atomstromimporte aus Deutschlands Nachbarländern im Schnitt mehr als verdoppelt. Zeitweise stammte rund ein Drittel des eingeführten Stroms aus regelbarer Kernkraft. Diese Importe dienen auch dazu, das deutsche Netz gegen Produktionsschwankungen von Wind- und PV-Anlagen zu stabilisieren.

Noch stärker stiegen die Importe von Strom aus Wasserkraft. Zwar fliesst auch deutlich mehr Windstrom ins Land, doch regelbare Energieträger machen weiterhin mehr als zwei Drittel der Einfuhren aus. In absoluten Zahlen haben auch die Importe von Strom aus Kohle, Gas und Öl deutlich zugenommen.

Wichtig sind Importe für Deutschland vor allem dann, wenn die wetterabhängige Erzeugung aus Wind und Sonne schwächelt. Daher sind diese häufig teuer, Deutschlands Exporte hingegen eher billig. Wegen fehlender Speicher muss das Land seinen Strom sogar verschenken, insbesondere in den Sommermonaten.

Beim Erdgas setzt Deutschland inzwischen vermehrt auf den Import von Flüssiggas (LNG), nachdem die über Pipelines gelieferten Mengen stark zurückgegangen sind im Vergleich zu den Vorjahren. Russisches Gas fliesst allerdings weiterhin nach Europa, etwa über die Pipeline Turkstream.

Beim Flüssiggas hingegen sind die EU-Importe aus Russland nicht gesunken – im Gegenteil: 2024 erreichten die russischen LNG-Lieferungen in die EU einen neuen Rekordwert. Im Januar 2026 erreichten sie den höchsten Monatswert seit dem Jahr 2020. Indirekt gelangt dieses Gas, etwa über die Benelux-Staaten, auch ins deutsche Netz.

Gleichzeitig konnten die USA ihre LNG-Exporte deutlich steigern; das Gas wird dort überwiegend durch Fracking gewonnen. Wegen langer Transportwege und Methanlecks könnte LNG sogar noch klimaschädlicher sein als Kohle.

Die EU hat inzwischen allerdings auch den Ausstieg aus russischem Flüssiggas beschlossen: Für kurzfristige LNG-Verträge gilt bereits ein Importverbot, langfristige Verträge dürfen ab Anfang 2027 nicht mehr bedient werden.

Warum fördert Deutschland kein eigenes Fracking-Gas?

Deutschland verbietet kommerzielles Fracking aus umweltpolitischen Gründen, obwohl die technischen und geologischen Voraussetzungen vorhanden wären. Mit den deutschen Schiefergasvorkommen könnte das Land den Eigenbedarf an Gas laut dem Umweltbundesamt mehr als ein Jahrzehnt lang vollständig decken und wäre in dieser Zeit nicht mehr auf Importe angewiesen. Im Jahr 2021 schätzte eine mit Umweltforschern und Geologen besetzte Expertenkommission das Risiko von Fracking für das deutsche Trinkwasser als «gering» ein.

Seit Dezember 2022 importiert Deutschland auch erstmals direkt geringe Mengen LNG über ein eigenes schwimmendes Terminal in Wilhelmshaven. In den kommenden Jahren sollen auch feste Terminals folgen.

Um eine «Gasmangellage» im Winter zu verhindern, schreibt die Bundesregierung den Betreibern von Gasspeichern Mindestfüllstände vor: Am 1. November müssen sie zu mindestens 70 Prozent, am 1. Februar zu rund 30 Prozent gefüllt sein.

Derzeit sind die Speicher sehr schwach gefüllt. Im Spätsommer 2026 waren sie so gering gefüllt wie noch nie seit Start der Aufzeichnungen im Jahr 2011. Zwei verstaatlichte Konzerne sollen nun Deutschlands Versorgung sichern.

Wie lange reicht das Gas in den Speichern?

Das lässt sich nur schwer abschätzen. Die Bundesnetzagentur hatte zwar regelmässig Modellrechnungen zu den Speicherständen veröffentlicht, lag damit aber immer deutlich daneben. Angenommen, die Speicher wären komplett gefüllt und Deutschland würde gleichzeitig gar kein Erdgas mehr importieren, dann wäre die Versorgung für ungefähr zwei Wintermonate gesichert. Allerdings ist das eingelagerte Gas nicht ausschliesslich für deutsche Haushalte reserviert; einen Teil davon können Händler jederzeit ins EU-Ausland verkaufen.

Die gesetzlichen Mindestfüllstände wurden als Reaktion auf die Energiekrise nach Beginn des Ukraine-Kriegs eingeführt. Damals reduzierte Gazprom die Lieferungen über Nord Stream 1 zunächst stark und stellte sie später ganz ein.

Der derzeit niedrige Füllstand hat mehrere Ursachen: Schon zu Beginn der Heizsaison 2025/26 waren die Speicher vergleichsweise schwach gefüllt. Kalte Witterung und Dunkelflauten erhöhten im Winter den Gasverbrauch zusätzlich. Seit dem Frühjahr wird zudem nur zögerlich Gas eingespeichert, weil hohe Preise es für Händler weniger attraktiv machen, Vorräte für den kommenden Winter anzulegen.

Wie hat Deutschland während der Energiekrise die Speicher gefüllt?

Das gelang durch zusätzliche Gasimporte vor allem aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien, einen deutlich niedrigeren Verbrauch sowie staatlich veranlasste Gaskäufe zur Befüllung der Speicher. Im Jahr 2022 hat die Netzbetreiberkooperation Trading Hub Europe (THE) im Auftrag der Bundesnetzagentur mehrere Milliarden Kubikmeter Gas an den Energiebörsen geordert. 15 Milliarden Euro bekam das Unternehmen dafür von der Staatsbank KfW. Das sorgte kurzfristig für volle Speicher, laut einem «Spiegel»-Bericht allerdings auch für unnötig hohe Preise. Gleichzeitig sorgten die milden Temperaturen dafür, dass nur wenig Gas ausgespeichert werden musste.

Datenanalyse, Grafiken, Text: Simon Off. Karte: Nicolas Staub. Dashboard: Michel Grautstück. Mitarbeit: Roland Shaw, Rico Klatte, Franco Gervasi.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Simon Off, Nicolas Staub

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