In Vaduz lässt man den Zehner «einfach machen»: wie Lutfi Dalipi zum zweitbesten Skorer der Super League avancierte

Vor einem Jahr spielte er noch in der dritthöchsten Liga. Jetzt ist Dalipi die grosse Entdeckung der bisherigen Saison – auch dank dem Mut des Vaduz-Trainers Marc Schneider.

31.10.2026, 05.30 Uhr

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«Mein Traum war immer, einmal für YB im Wankdorf zu spielen», sagt Lutfi Dalipi – doch vorerst helfen seine Skorerpunkte noch dem FC Vaduz.

«Mein Traum war immer, einmal für YB im Wankdorf zu spielen», sagt Lutfi Dalipi – doch vorerst helfen seine Skorerpunkte noch dem FC Vaduz.

Luka Kolanovic / Keystone

«Um wen geht es?», fragt Marc Schneider, als er am Montag das Sitzungszimmer im Vaduzer Rheinpark-Stadion betritt. Schneider, 46, ist der Coach des FC Vaduz, und seine Frage an den Journalisten ist natürlich scherzhaft gemeint. Denn selbstredend weiss auch er, weshalb der kleine Fussballklub aus dem Fürstentum gerade «so viele Medienanfragen wie noch nie» erhält.

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Nicht seinetwegen. Sondern wegen Lutfi Dalipi, der grossen Entdeckung der bisherigen Saison. Wobei dessen rasanter Aufstieg durchaus viel mit Schneider zu tun hat. Schliesslich war er es, der Dalipi einst in der Promotion League entdeckte. Und ihn später nach Vaduz lockte.

Berechtigt ist Schneiders Frage allemal. All die Journalisten hätten sich ja auch für ihn interessieren können. Für die vorzügliche Arbeit, die er hier leistet, seit er im Sommer 2024 den Trainerposten übernommen hat. Für die starken 81 Punkte, mit denen er die Vaduzer im Mai nach fünf Jahren Absenz zurück in die Super League führte. Nur: Ein Aufstieg des FC Vaduz in die Beletage löst in der Fussballschweiz noch keine Begeisterungsstürme aus. Vermisst hat den Aussenseiter aus Liechtenstein mit dem tiefen Publikumszuspruch jedenfalls kaum jemand.

Doch spätestens nach dem ersten Saisondrittel hat sich der Blick auf den Klub gewandelt. Was viel mit dem attraktiven Offensivfussball von Schneiders Equipe zu tun hat. Und noch mehr mit der YB-Leihgabe Lutfi Dalipi, die perfekt zu Schneiders mutiger Spielweise passt. Der Vaduzer Coach sagt: «Er ist ein Freigeist. Man sollte ihn nicht in ein enges taktisches Korsett stecken, sondern ihn einfach machen lassen.»

Dalipi nutzte die Freiheiten, die ihm sein Coach zugesteht, für fünf Tore und neun Assists, damit ist er der zweitbeste Skorer der Super League. Auch dank der Produktivität des 20-Jährigen sind die Vaduzer vor GC und Lausanne auf Rang 10 und machen «bella figura».

Der Rheinpark als Sprungbrett für Talente

Schneider war Dalipis Talent vor zwei Jahren aufgefallen, als er mit seinem Assistenztrainer Pascal Cerrone ein U-21-Spiel von YB in der Promotion League verfolgte. «Ich sah sofort dieses Intuitive in seinen Bewegungen. Er hat etwas Spielerisches, das den Fussballern heute eigentlich schon in der Ausbildung ausgetrieben wird», sagt Schneider.

Was er damit meint: Der Profifussball wird immer athletischer und taktisch uniformer. Spieler wie Dalipi haben es da zunehmend schwer. Der gebürtige Freiburger ist schmächtig, nicht der Schnellste. Was ihn auszeichnet, ist die Spielintelligenz, das Verständnis für den Raum. Er ist ein Ballkünstler, der sich zwischen den Linien bewegt. Der ins Dribbling geht und seine Mitspieler eine halbe Sekunde früher in Lücken vorstossen sieht als alle anderen. Schneider sagt: «Mir gefallen ‹Strassenkicker›. Ich will diese Spielertypen fördern und pushen.»

Aufgewachsen ist Dalipi im Freiburger Greyerzerland. Mit drei Jahren trat er dem FC Billens bei, später gelangte er via Freiburger Kantonsauswahl in die Nachwuchsabteilung der Young Boys. Hier durchlief er sämtliche Juniorenstufen, im Frühling unterschrieb er in Bern seinen ersten Profivertrag, er gilt bis 2030. «Ich hab immer schon mit viel Selbstvertrauen und Spass gespielt», sagt Dalipi, «aber früher fehlte mir noch die Effizienz.» Erst letzte Saison habe es «Klick» gemacht: 18 Skorerpunkte in 20 Partien mit der U 21.

Für Einsätze im Fanionteam reichte es trotzdem nicht – obwohl er siebenmal im Kader stand. YB hatte eine komplizierte letzte Saison, die Stimmung im Klub war schlecht. «Dass der Trainer in dieser Situation nicht auf junge Spieler gesetzt hat, verstehe ich», sagt Dalipi. Also liess er sich zunächst für ein halbes Jahr an den FC Wil in die Challenge League ausleihen. Dann folgte der Wechsel nach Liechtenstein – weil Schneider ihn unbedingt wollte. Und der Vaduzer Sportchef Franz Burgmeier hartnäckig blieb.

Dalipi steht exemplarisch für die Transferpolitik des FC Vaduz, der Klub hat das Geschäftsmodell mit Leihspielern perfektioniert. Weil die Liechtensteiner im Nachwuchs keinen Spitzenfussball unterhalten, sind sie seit je auf auswärtige Talente angewiesen. Auf Kicker, denen der Durchbruch anderswo verwehrt blieb.

Yann Sommer, Pascal Schürpf, Matteo Di Giusto – sie alle hatten ihre Karrieren einst in Vaduz so richtig lanciert. Der spätere Nationaltorhüter Sommer sagte dem «Tages-Anzeiger» vor zwei Jahren: «Der vielleicht wichtigste Entscheid meiner Karriere war, dass ich mich 2007 mit 18 vom FC Basel zum FC Vaduz ausleihen liess. Ich spielte eine starke Saison, wir stiegen auf. Von da an nahm alles seinen Lauf.»

In Bern der Nachfolger von Alvyn Sanches?

So ähnlich wird sich dereinst vielleicht auch Dalipi an seinen Umweg via Vaduz erinnern. Allzu lange dürfte er jedenfalls nicht mehr im Rheinpark-Stadion zu sehen sein; seine formidable Entwicklung ist längst auch im Ausland registriert worden. Was seine Top-Leistungen im dörflichen Umfeld und in der Super League tatsächlich wert sind, wird sich allerdings noch weisen müssen.

Wahrscheinlicher als ein direkter Auslandtransfer ist deshalb, dass Dalipi sich zunächst in Bern für höhere Aufgaben empfiehlt. Die Young Boys haben eine Rückholklausel in den Leihvertrag geschrieben; sollten sie Alvyn Sanches bereits im Winter ins Ausland verkaufen, könnte Dalipi ihn auf der Zehnerposition beerben.

«Mein Traum war immer, einmal für YB im Wankdorf zu spielen», sagt Dalipi. Für seine persönliche Entwicklung wäre eine ganze Saison auf höchstem Niveau in Vaduz aber wohl sinnvoller. Das sieht auch Schneider so: «Am schlimmsten wäre es, wenn er in Bern ein Spiel machen würde und den Rest der Saison dann auf der Bank sitzen würde.»

Noch aber hilft Dalipi mit seinen Skorerpunkten dem FC Vaduz, am Samstag steht das wichtige Auswärtsspiel gegen GC an (18 Uhr). Und eine andere Frage ist wohl sogar noch dringlicher. Die nämlich, für welches Nationalteam er sich entscheidet. Im September spielte Dalipi erstmals in der Schweizer U 21, aber er könnte auch für Kosovo, Albanien und Portugal, das Heimatland seiner Mutter, spielen.

Ob sich der Schweizer Nationaltrainer Murat Yakin bereits bei ihm gemeldet hat? Dalipi verneint. Was erstaunlich ist, schliesslich hat der Schweizerische Fussballverband jüngst gewiss nicht zu wenige Absagen talentierter Doppelbürger kassiert. Und es ist ja nicht so, dass es im Nationalteam nur so wimmeln würde vor Kreativität. Ein Buhlen um Dalipi dürfte aber ohnehin zwecklos sein; er hat sich bereits entschieden. Für welches Land – das behält Dalipi vorerst für sich. Aber Liechtenstein ist es nicht.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Benedikt Koller

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