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Nachschub im Nachbarland abgeladen

Die Regenzeit im Sudan ist vorbei. Bald könnten beide Seiten neue Grossoffensiven im verheerenden Bürgerkrieg starten. Schon jetzt hat der Krieg laut den Vereinten Nationen die weltweit grösste humanitäre Krise ausgelöst: Fast 34 Millionen Menschen benötigen Hilfe.

Die Rapid Support Forces (RSF), eine paramilitärische Miliz, bekämpfen seit über drei Jahren die sudanesische Armee. Uno-Ermittler bezichtigen die Miliz des Genozids, nachdem sie vor einem Jahr in al-Fashir in Darfur mutmasslich Tausende Zivilisten nichtarabischer Bevölkerungsgruppen massakrierten.

Satellitenbilder und Medienberichte deuten darauf hin, dass die RSF dennoch Unterstützung auf äthiopischem Hoheitsgebiet erhalten.

Im Februar berichtete Reuters unter Berufung auf äthiopische Regierungsmitarbeiter und Dokumente, dass ein geheimes Militärlager für die Ausbildung und Versorgung von Kämpfern der RSF genutzt werde. Rund 4300 Milizionäre sollen sich Anfang Januar im Westen Äthiopiens in militärischer Ausbildung befunden haben.

Laut den Quellen von Reuters haben die Vereinigten Arabischen Emirate die Ausbildung der RSF-Kämpfer in Äthiopien finanziert. Der Golfstaat dementiert jegliche Beteiligung am Konflikt.

Das Yale Humanitarian Research Lab kann hingegen die von Reuters beschriebene Nutzung dieses Lagers durch die RSF anhand der verfügbaren Satellitenbilder nicht bestätigen. Auf einer anderen Anlage, einer Armeebasis in Asosa, dokumentiert das Rechercheteam der Universität Yale jedoch Aktivitäten, die mit hoher Sicherheit auf militärische Unterstützung für die RSF hindeuten.

Die Spur der Toyotas

Im April berichtete das Humanitarian Research Lab von Aktivitäten auf dem Stützpunkt der äthiopischen Armee, der mutmasslich von den RSF genutzt wird. Er diene als Knotenpunkt für Versorgung, Betankung und Unterbringung.

Immer wieder tauchen Fahrzeuge auf der Basis auf und verschwinden dann wieder. «Die Muster auf den Satellitenbildern deuten auf eine klare strategische Planung und koordinierte Abläufe hin», sagt Olivia Mooney vom Humanitarian Research Lab der Universität Yale. «Das sieht nicht nach zufälliger Aktivität aus.»

Videos aus den sozialen Netzwerken geben Hinweise darauf, woher die Fahrzeuge kommen – und wo sie eingesetzt werden.

Ein im November 2025 veröffentlichtes Video zeigt zahlreiche blaue Autotransporter. Sie sollen über den Hafen von Berbera nach Äthiopien gelangt sein.

Ethiopian federal government has expanded its import and export activities through Somaliland’s Berbera Port due to congestion at Djibouti Port.

World Bank’s latest report on ports in the Horn of Africa criticised Djibouti Port for its inefficiency. pic.twitter.com/MqAfYqV97G

— Inside Africa (@afric_insde) November 12, 2025

Auf mehreren Lastwagen sind jeweils sieben khakifarbene Toyota Land Cruiser. Diese Pick-ups sind rund 5,2 Meter lang und etwa 1,8 Meter breit.

Etwa gleich gross sind die zahlreichen Fahrzeuge, die auf der äthiopischen Militärbasis aufgereiht sind. Auch Form und Schattenwurf stimmen mit dem Chassis der Toyotas überein. Die blauen Lastwagen auf den Satellitenbildern sind zudem ähnlich lang wie die Autotransporter im Video.

Auf den Satellitenbildern sind ausserdem Dutzende längliche schwarze Objekte zu sehen, die etwa 1,6 Meter lang sind. Das Yale-Team vermutet, dass es sich um Maschinengewehre handle, die auf Pick-ups montiert werden sollen.

Tatsächlich sieht man auf späteren Satellitenaufnahmen bei vielen Pick-ups ein schwarzes Objekt auf der Ladefläche – womöglich ein montiertes Maschinengewehr. Zahlreiche Videos in den sozialen Netzwerken zeigen Pick-ups mit schweren, etwa 1,6 Meter langen Maschinengewehren auf der Ladefläche.

Ein Video, das am Montag in einen RSF-nahen Telegram-Kanal hochgeladen wurde, zeigt Kämpfer in den typischen Tarnfarben der RSF. Sie stehen vor den Toren der Stadt Bakori am Blauen Nil. Die NZZ hat den Aufnahmeort des Videos verifiziert. Ein junger Mann filmt sich auf der Ladefläche eines Pick-ups und ruft: «Gott ist gross, Bakori ist frei. Seht ihr? Bakori ist frei!»

Telegram

Im Hintergrund sind zahlreiche Kämpfer zu sehen, die auf Toyota-Land-Cruisern sitzen. Bei mindestens zwei davon wurden auf der Ladefläche schwere Maschinengewehre montiert.

Das Video bestätigt, dass die RSF in diesem Gebiet kämpfen und dabei unter anderem auf die Autos setzen, die jenen auf den Satellitenbildern entsprechen.

Chancen ungewiss trotz Erfolgen

Bakori ist eine von mehreren Ortschaften, die die Kämpfer der RSF in den letzten Tagen angegriffen haben. Seither versuchen sie, weiter in Richtung al-Damazin, der Hauptstadt des Gliedstaates, vorzurücken. Dort griffen sie in den letzten Tagen einen Markt, Wohnquartiere und mehrere Armeestützpunkte an.

Die RSF und die mit ihr verbündete Sudan People’s Liberation Movement – North, eine bewaffnete sudanesische Rebellengruppe, sind schon seit längerem im Blauen Nil aktiv. Mit dem Ende der Regenzeit und dem mutmasslichen Nachschub aus Äthiopien dürften ihre Angriffe bald zunehmen.

Für die Zivilbevölkerung haben die Kämpfe bereits verheerende Folgen: Allein im Gliedstaat Blauer Nil wurden dieses Jahr bis Mitte Oktober fast 120 000 Menschen vertrieben.

Der Sudan-Analyst Ali Mahmud Ali vom Konfliktforschungsinstitut Acled bezweifelt jedoch, dass der Vorstoss weit komme. Die RSF müssten in der abgelegenen Region sichere Nachschubrouten aufbauen. Andernfalls seien ihre Truppen besonders anfällig für Hinterhalte und Luftangriffe. Zudem ist die Region hügeliger und waldreicher als Darfur.

Doch die RSF müssten hier schnell Fortschritte erzielen, um die sudanesische Armee dazu zu zwingen, Truppen in die Region zu schicken. Diese Truppen würden dann in Nordkordofan fehlen, wo die Armee gegen die RSF vorrückt. Ali sagt: «Schaffen die RSF keinen Durchbruch im Blauen Nil, geraten sie in grosse Schwierigkeiten und könnten an beiden Fronten einbrechen.»

Auch Olivia Mooney von der Universität Yale sieht hinter der neuen Offensive den Versuch der RSF, die sudanesische Armee abzulenken. Entscheidend sei nun al-Damazin: «Ob die RSF die Stadt ernsthaft bedrohen können, wird ein wichtiger Test ihrer verbleibenden militärischen Stärke sein.»

Es droht ein regionaler Krieg

Der Krieg im Sudan droht derweil die ganze Region weiter zu destabilisieren. Äthiopien dient den RSF als Hinterland – umgekehrt finden äthiopische Rebellen im Sudan Unterstützung. Kämpfer aus Tigray haben laut Chatham House bereits an der Seite der sudanesischen Armee gekämpft. Sie sollen zudem im sudanesischen Gliedstaat Gedaref stationiert gewesen sein.

Äthiopien dient den RSF als Hinterland – umgekehrt finden äthiopische Rebellen im Sudan Unterstützung. Kämpfer aus Tigray haben laut der britischen Denkfabrik Chatham House bereits an der Seite der sudanesischen Armee gekämpft. Sie sollen zudem im sudanesischen Gliedstaat Gedaref stationiert gewesen sein.

Michael Woldemariam, der an der University of Maryland zu Konflikten am Horn von Afrika forscht, sagt: «Sollten die schweren Kämpfe im Norden Äthiopiens anhalten, besteht die Gefahr, dass auch die Front zum Sudan ins Spiel kommt. Das könnte die im Sudan stationierten tigrayischen Kräfte, die sudanesische Armee und Eritrea in den Konflikt hineinziehen.»

Im schlimmsten Fall kann es zu einem direkten Konflikt zwischen dem Sudan und Äthiopien kommen – der die ganze Region noch mehr destabilisieren würde.

Inzwischen beschuldigen sich die Regierungen gegenseitig. Äthiopiens Armeechef Birhanu Jula wirft dem Sudan, Eritrea und Ägypten vor, bewaffnete Gegner Äthiopiens zu unterstützen. Die sudanesische Armee weist dies zurück – und wirft Äthiopien ihrerseits vor, Kämpfer der RSF auszubilden und zu versorgen und Drohnenoperationen von äthiopischem Gebiet aus zuzulassen. Äthiopien weist die Vorwürfe zurück.

Damit greifen die Konflikte auf beiden Seiten der Grenze immer stärker ineinander – und eine politische Lösung erscheint noch schwieriger.

Im Oktober tauchten erneut Videos von Fahrzeugtransporten auf. Sie zeigen, wie Dutzende khakifarbene Pick-ups auf Lastwagen verladen sind.

Die Transporter warten darauf, die Grenze zwischen Somalia und Äthiopien zu überqueren – und vielleicht schon bald jene zum Sudan.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Samuel Meier, Ida Götz, Seda Motie

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