«Ich will den Herbst!»: Wenn die Blätter fallen, kommen nicht nur die Laubbläser, sondern auch die Gedanken
Der Herbst ist die Jahreszeit der grossen Melancholie. Doch Deutschland und mit ihm die deutschsprachige Literatur sollten sich locker machen.
Paul Jandl22.10.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten
«Das letzte Lächeln des Jahres auf den hellbraunen Blättern», so beschrieb die britische Schriftstellerin Jane Austen einmal den Herbst.
Sandra Ardizzone / CH Media
Er könnte der Krisengewinner unter den Jahreszeiten sein. Der Frühling längst zu warm, der Sommer zu heiss, der Winter zu mild. Aber der Herbst: verlässlich in seinem Zwischenklima und in den garderobeninkompatiblen Temperaturen. Verlässlicher, als es der von Friedrich Merz ausgerufene Herbst der Reformen des Jahres 2025 war, ist der meteorologische Herbst. In Deutschland bilanziert er immer mit deutlichem Überschuss. Er ist nicht nur die Jahreszeit der Laubbläser, sondern auch diejenige der Gedanken.
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Der Philosoph und Lyriker Friedrich Nietzsche hat den symbolischen Zusammenhang von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit auf den Punkt gebracht. Tagespolitisch ist das wohl immer noch aktuell: «Was ward die Welt so welk! / Auf müd gespannten Fäden spielt / Der Wind sein Lied. / Die Hoffnung floh – / Er klagt ihr nach.»
Als grosser Melancholiker geht der Herbst durch die deutsche, wenn nicht überhaupt durch die ganze deutschsprachige Literatur. Von dort hat er sich auf fast schlagerhafte Art bis in die Traueranzeigen vorgearbeitet. Mit Stefan George ist man «im totgesagten park» und schaut: «Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau / Von birken und von buchs, der wind ist lau.» Hölderlins «Hälfte des Lebens» steht nicht nur klimatisch vor kälteren Tagen, sondern ganz und gar metaphorisch. Der missvergnügte Winter des Daseins naht. Hermann Hesse findet es «seltsam im Nebel zu wandern».
Rainer Maria Rilke ist unter den berühmten Herbstdichtern natürlich der berühmteste: «Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren lass die Winde los.» Und dann, als wäre der Herbst schon ein Ende aller Tage: «Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.»
Dialektik aus Vergehen und Werden
Wenn sich das Jahr neigt, ist auch der Dichter selbst auf den Beinen. Das «viel zu fertige, das viel zu befriedigte», das «bürgerlich-behagliche Bild des Sommers» möchte Rilke gegen die anarchische Schaffenskraft der Nachsommermonate tauschen. «Ich will den Herbst!», schreibt er 1904 in einem Brief an seine Frau Clara. «Dieser grosse herrliche Wind, der Himmel auf Himmel baut; in sein Land möchte ich gehen und auf seinen Wegen.»
Wie niemand sonst hat Rainer Maria Rilke die Dialektik aus Vergehen und Werden in die Literatur eingeschrieben. Und er ist ein Wetterbeobachter, weil ihm die luftigen Elemente immer auch Morsezeichen höherer Ordnungen sind. Die idealen Flugbedingungen für die von ihm so oft beschworenen Engel sind konträr zu denen der gewöhnlichen Luftfahrt. Je mehr Gebrause, umso besser.
Herbst ist, wenn die Winde wehen und die Blätter fallen. Das jahreszeitliche Tempo und das Schweben sind in die Metrik der deutschen Poesie fest eingeschrieben. Das hat seinen unverkennbar romantischen Klang, den man unbedingt auch kontern muss. Jan Wagner hat das in seinem Gedicht «Herbstvillanelle» getan, in dem Georg Trakl und Stefan George mitschwingen, aber dann doch auch diese Sätze stehen: «eisblaue fenster – auf den wetterkarten / der fernsehgeräte die daumenabdrücke der tiefs. / den tagen geht das licht aus.»
Davor schon war es Bertolt Brecht, der die poetische Verklärung einer Jahreszeit auf den Boden ganz anderer Realitäten zurückgeholt hat. Kampf der Klassen, nicht nur der Elemente. «Alljährlich im September, wenn die Schulzeit / beginnt / stehen in den Vorstädten die Weiber in / den Papiergeschäften / Und kaufen die Schulbücher und Schreibhefte für ihre Kinder», schreibt Brecht. Und er fragt, warum das gekaufte Wissen für die «mit den letzten Pfennigen» so teuer sei. Und gleichzeitig so schlecht.
Prousts leerer Strand
Es ist nicht schwer, dem Herbst ideologiekritisch zu begegnen. Er ist ins bürgerliche Pflichtenheft eingetragen als Zäsur im Jahreslauf. Ferienende, Schulbeginn, offizielle Winterzeit, Heizkosten. Naturgemäss kein schönes Feld für die Literatur, die die Tage sinkender Temperaturen immer schon als Kulisse für den Gemütszustand der Menschen eingesetzt hat.
Was wäre «Wuthering Heights» («Sturmhöhe») von Emily Brontë ohne die aufwühlend beschriebenen Stürme über den Hochmooren von Yorkshire? Was wäre Jane Austens «Persuasion» («Anne Elliot») ohne den für die Hauptfigur seelenkompatiblen Herbst, ohne «das letzte Lächeln des Jahres auf den hellbraunen Blättern und verwelkten Hecken» der Grafschaft Somersetshire?
Marcel Proust hat aus der meteorologischen Nachsaison in der Normandie eine grossartige Szene gemacht. Badeschluss in Balbec, das in der «Suche nach der verlorenen Zeit» dem realen Ort Cabourg nachempfunden ist. «Im Schatten junger Mädchenblüte», im zweiten Band des Romans, hat der junge Held erste sommerlich-erotische Erfahrungen gemacht. Jetzt ist der Strand leer. Die Freundinnen sind weg. Durchs entvölkerte Grand-Hotel hallt der Katzenjammer der Einsamkeit. Fröstelnd sitzt man in den Salons, keine Kurkonzerte mehr, nur noch schlechtes Wetter. Der Hoteldirektor ist auch schon ganz genervt.
Die europäische Literatur hat den Herbst in den seltensten Fällen enthusiastisch begrüsst. Die Unerbittlichkeit, mit der er den Menschen nach dem Sommer in die Glieder fahren kann, ist Kränkung und sinnbildliche Todeswarnung zugleich. Auf anderen Kontinenten ist das anders.
Ostasien kennt einen in der Literatur häufig verewigten zweiten Frühling. Kennt den Herbst als Erzeuger wahrer Pracht. Wenn die Blätter des Japanischen Ahorns ihre Farbe wechseln, in Rot, Orange, Karmesin oder Magenta leuchten, dann ist das ein Volksfest. Momijigari heisst die Laubschau, die mehr ist als nur die Begeisterung für ein Ereignis der Natur. Es ist Natur-Hermeneutik. Ein Lesen in den Bäumen und dem Blattwerk, das in den Wäldern auf den Moosboden fällt.
Die Euphorie der Bäume
Das Schauen dient auch der ästhetischen Selbstverfeinerung und ähnelt damit dem überlebensgrossen Projekt des amerikanischen Schriftstellers, Philosophen und Naturfreundes Henry David Thoreau im 19. Jahrhundert. In einem Buch, das er «October, or Autumnal Tints» («Oktober, oder Herbstfarben») nennen wollte, hätte es von jeder Laubbaumart in seiner Heimat ein als Beispiel ausgewähltes Blatt gegeben. Handgezeichnet. Das Blatt am Höhepunkt eines Farbenspiels, das im nördlichen Amerika unvergleichlich leuchtet: Wilder Wein, alle Ahornarten, Hickorybäume, Essigbäume, Ulmen, Eichen, Espen. Dann noch die Gewächse auf dem Boden. Blaues Pfeifengras, die China-Astern im eigenen Garten. Aus dem grossen grafischen Projekt wurde nichts, sondern es wurde Literatur daraus.
Der 1862 in «The Atlantic» erschienene Essay «Autumn Tints», bei dem sich nicht die zeichnende Hand am Vorbild aus der Natur schult, sondern der Blick des Schreibenden. Thoreau, der übrigens zur politischen Querköpfigkeit neigte, war von der Natur euphorisiert und las ihre herbstlichen Veränderungen in Korrespondenz zu seinen eigenen Gefühlen. Die Bäume, wie sie in blendender Farbenpracht vor ihm standen, waren selbst in einem Zustand der Euphorie.
Thoreau schreibt: «Die Natur wirft ihre Perlen nicht vor die Säue. In der Landschaft offenbart sich uns nur so viel Schönheit, wie wir auch zu würdigen wissen – kein Quentchen mehr. Was ein Mensch von einem bestimmten Hügel aus erblickt, unterscheidet sich ebenso sehr von dem, was ein anderer dort sieht, wie sich die Betrachter selbst voneinander unterscheiden. Man muss die Scharlach-Eiche gewissermassen schon im Auge haben, wenn man sich auf den Weg macht. Wir können erst dann etwas wahrnehmen, wenn wir von der Vorstellung davon erfüllt sind – wenn sie sich in unserem Geist festgesetzt hat –, und dann sehen wir oft kaum noch etwas anderes.»
Die Kehrseite von alledem: Thoreau war auch ein Verächter der Zivilisation. Er spottete über die Menschen in den Städten, die keine Ahnung von dem haben, was sich ein paar Kilometer weiter in den Wäldern tut. Seit den Zeiten des Naturschriftstellers hat sich allerdings einiges geändert. Das «leaf peeping» im Herbst ist in Amerika zum massentouristischen Volkssport geworden. Das wäre Thoreau sicher auch nicht recht gewesen. Ebenfalls ein schönes Zitat von ihm: «Ich sitze lieber auf einem Kürbis und habe ihn ganz für mich allein, als mich neben andere auf ein bequemes Samtkissen zu drängen.»
Laub als Gefahr und Ärgernis
In Sachen Herbst hat sich die deutsche Literatur, neben den nasskalt verwitterten Briten, auf dem gemütlichen Samtkissen der Melancholie eingerichtet. «Völlig dunkel ist’s geworden, / Schärfer bläst der Wind aus Norden, / Und dies Blatt, dies kalt benetzte, / Ist vielleicht vom Baum das letzte», schreibt Friedrich Hebbel. Googelt man in Deutschland das Wort «Herbstlaub», so landet man nicht bei beglückter und darum beglückender Poesie, sondern es geht um gefährlich rutschiges und deshalb der Räumpflicht unterliegendes Laub auf den Gehwegen, um Laubbläserlärm und Entsorgungsfragen.
In ihrem preisgekrönten Essay «Laubwerk» hat die deutsche Schriftstellerin Marion Poschmann das kulturelle Gefälle zwischen den Herbstenthusiasten und ihrem deutschen Gegenteil sehr schön beschrieben. In den sozialen Netzwerken würden ausschliesslich die Amerikaner über schöne Baumfarben in Deutschland posten. «Amerikaner schwärmen von herbstlichen Fahrten durchs Rheintal oder von Wanderungen in hessischen Märchenwäldern. Sie sind beeindruckt vom konstant schwarzfärbenden Schwarzwald und haben einen Blick für die feinen Abstufungen von Gelb, die in unseren Breiten tatsächlich einmalig sind.»
Deutschland und mit ihm die deutsche Literatur sollten sich locker machen und den Herbst geniessen. Um es mit dem persischen Dichter Rumi zu sagen: «Sei wie ein Baum, und lass die toten Blätter fallen.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Paul Jandl
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