Hulda Zumsteg zieht als 18-Jährige mit 50 Rappen in der Tasche nach Zürich – Jahre später wird sie zur schillernden «Kronenhalle»-Wirtin

Sie trifft auf den Papst, Andy Warhol und Friedrich Dürrenmatt. Nun wird Zumstegs Lebensgeschichte neu erzählt.

30.10.2026, 05.07 Uhr

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Den 90. Geburtstag feiert Hulda Zumsteg 1980 mit einer grossen Feier in der «Kronenhalle».

Den 90. Geburtstag feiert Hulda Zumsteg 1980 mit einer grossen Feier in der «Kronenhalle».

Ruedi Bliggenstorfer / RDB / Getty

Hulda Zumsteg schenkt Friedrich Dürrenmatt Wein nach. Sie füttert den mittellosen James Joyce durch. Joan Miró weist sie selbstverständlich an den Familientisch, den Ecktisch vor dem Buffet. Und mit Alberto Giacometti stösst sie auf dessen Geburtstag an.

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Als Papst Johannes XXIII. 1958 im Petersdom gekrönt wird, sitzt Hulda Zumsteg, die «Kronenhalle»-Wirtin aus Zürich, in der Diplomatenloge. Sie trägt ein Kleid, das der Modedesigner Cristóbal Balenciaga eigens für sie entworfen hat.

Hulda Zumsteg ist bis zu ihrem Tod 1984 im Alter von 94 Jahren eine der schillerndsten Personen der Stadt Zürich. Diese Rolle gesucht hat sie nie.

Sechzig Jahre lang führte sie zuerst mit ihrem Mann und nach dessen Tod mit ihrem Sohn die «Kronenhalle» am Bellevue, das wohl bekannteste Restaurant Zürichs. Sie machte aus einem heruntergekommenen Hotel einen Treffpunkt, der die High Society und Grössen aus der Kultur wie Mick Jagger, Andy Warhol und Yves Saint Laurent anzog.

Der Modedesigner Yves Saint Laurent ist regelmässig Gast in der «Kronenhalle» gewesen.

Der Modedesigner Yves Saint Laurent ist regelmässig Gast in der «Kronenhalle» gewesen.

Blick / RDB / Getty

Und auch der populäre Balletttänzer Rudolf Nurejew hat bei Hulda Zumsteg diniert. Hier feiert er mit ihr ihren 90. Geburtstag.

Und auch der populäre Balletttänzer Rudolf Nurejew hat bei Hulda Zumsteg diniert. Hier feiert er mit ihr ihren 90. Geburtstag.

Ruedi Bliggenstorfer / RDB / Getty

Zu ihrem 50-Jahr-Jubiläum als Wirtin schrieb die NZZ: «Die Bezeichnung Wirtin wird der Jubilarin jedoch nicht gerecht, denn sie ist viel mehr: Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine vollendete Gastgeberin, bei der sich sämtliche Gäste, ob jung oder alt, wohlfühlen.»

Ihre charakteristische Persönlichkeit habe wesentlich zum Erfolg des Restaurants beigetragen, heisst es weiter. Zumsteg hat die «Kronenhalle» weltweit bekannt gemacht. Und der Stadt Zürich Glanz verliehen.

Derzeit wird ihre Lebensgeschichte im Zürcher Friedhof-Forum gewürdigt. In einer Rauminstallation ist die Geschichte der Stadt zu hören – erzählt anhand der Leben von zehn Menschen, die auf dem Friedhof Sihlfeld bestattet wurden. Hulda Zumsteg ist eine von ihnen.

Ein Traum platzt

Ihr Leben beginnt wenig glamourös. Sie kommt am 12. November 1890 in Winterthur zur Welt. Der Vater ist ein orthopädischer Schuhmacher aus Deutschland mit Nachnamen Durst. Die Mutter stirbt früh. Der Vater heiratet wieder, und für Zumsteg beginnen schwierige Jahre. «Mein Vater tat für mich alles, was in seinen Kräften stand, doch von meiner Stiefmutter empfing ich wenig Liebe», wird Zumsteg im 2005 erschienenen Buch «Kronenhalle Zürich» zitiert.

Mit 14 Jahren zieht sie aus. Sie will Lehrerin werden. Doch der Vater sei zu stolz gewesen, ein Stipendium für die Tochter anzunehmen, steht in der Begleitpublikation zu der Rauminstallation im Friedhof-Forum. Also schickt er Hulda zwar zu einem Lehrerehepaar in die Ausbildung, allerdings als deren Haushälterin.

Vier Jahre später zieht sie mit dem Segen des Vaters nach Zürich. Hulda Zumsteg ist 18 Jahre alt, als sie in Winterthur den Zug besteigt, der sie nach Zürich fährt. Zum Abschied drückt er ihr 50 Rappen in die Hand. 10 Rappen seien für die erste Tramfahrt ihres Lebens, sagt der Vater. Der Rest ihr bescheidenes Startkapital für die Unabhängigkeit.

Hulda Zumsteg um 1925 mit Mitte dreissig.

Hulda Zumsteg um 1925 mit Mitte dreissig.

RDB / Ullstein / Getty

Zumsteg arbeitet zuerst als Serviertochter in der «Schöchlischmiede» beim Hirschenplatz. Es ist eine marode Herberge, in die Gäste mit Jahrmarktattraktionen gelockt werden sollen. Eine Niederländerin mit Vollbart tritt auf und ein Knabe mit sechs Fingern.

Zumsteg ist erleichtert, als sie ein paar Gassen weiter eine andere Stelle findet: im Gasthof Mühle. Dort serviert sie den Handwerkern aus dem Niederdorf Würste, Gulaschsuppe und Bier zum Znüni. Jahrzehnte später, Zumsteg ist da längst weitergezogen, wird aus der «Mühle» die legendäre Haifisch-Bar, ein Striplokal.

Im Restaurant Mühle lernt Hulda Zumsteg ihren zukünftigen Mann kennen. Bild von 1934.

Im Restaurant Mühle lernt Hulda Zumsteg ihren zukünftigen Mann kennen. 
Bild von 1934.

Baugeschichtliches Archiv

Zumsteg steht als junge Frau finanziell unter Druck, sie muss allein für zwei kleine Kinder sorgen: die Tochter Hedi und den jüngeren Sohn Gustav. Dessen Vater starb, als der Bub acht Wochen alt war. Zu Hedis Vater sei nichts bekannt, heisst es im Buch «Kronenhalle Zürich».

Im Gasthof Mühle steigt Zumsteg bald von der Serviertochter zur Buffetdame auf. Weil sie Geld verdienen muss, lässt sie die Kinder von einer Witwe im Zürcher Arbeiterviertel betreuen. Zumsteg ist fleissig, packt an, wo sie gebraucht wird. Das fällt auch dem Wirt der «Mühle» auf: Gottlieb Zumsteg. Er ist beeindruckt von der jungen Frau. Zwei Jahre später heiraten die beiden.

1924 kauft das Ehepaar das Hôtel de la Couronne beim Bellevue. Bald stellt sich heraus, dass der Zustand der Liegenschaft schlechter ist als erwartet. Die Kosten für die Renovation steigen, dazu brauchen die beiden neues Geschirr, Besteck und Tischwäsche. Sie überstehen die Anfangszeit nur, weil sie sparsam leben und viel arbeiten.

«Ich war damals so eingespannt, dass ich mir weder Ferien noch einen freien halben Tag leisten konnte und während der ersten Jahre so gut wie nie aus dem Hause kam. Ich glaube, ich war zu jener Zeit nicht ein einziges Mal jenseits der Seebrücke», wird Zumsteg in der Begleitpublikation des Friedhof-Forums zitiert.

Die NZZ bezeichnete sie als guten Geist des Betriebs. Und schrieb: «Dass sie trotz unermüdlichem Einsatz in Küche, Restaurant und beim Einkauf immer noch Zeit findet, die Probleme und Sorgen ihrer Gäste sowie des Personals anzuhören, ist bewundernswert und zeugt von ihrer menschlichen Grösse.»

Sie habe ihren Gästen, den Angestellten und der Familie das gegeben, was sie bei ihrer Stiefmutter vermisst habe: Herzlichkeit.

Die Angestellten nannten sie «Müeti». Dem Sohn Gustav, der sich mehr für Kunst und Mode interessierte als für das elterliche Restaurant, habe sie ermöglicht, eine Laufbahn einzuschlagen, die seinen Wünschen entsprochen habe. Er wurde zu einem erfolgreichen Seidenhändler und Kunstsammler. Und er brachte Christian Dior und Andy Warhol in die «Kronenhalle».

Lokale Politiker haben gerne bei Zumsteg gegessen. Hier etwa die Stadträtin Regula Pestalozzi (rechts).

Lokale Politiker haben gerne bei Zumsteg gegessen. Hier etwa die Stadträtin Regula Pestalozzi (rechts).

Blick / RDB / Getty

Und Zumsteg hat auch viele internationale Gäste begrüsst. Hier den japanischen Modedesigner Kenzo Takada.

Blick / RDB / Getty

Leben, die Zürich geprägt haben

Auch der Dadaist Walter Mehring und der Filmproduzent Lazar Wechsler verkehrten einst in der «Kronenhalle». Sie sind beide ebenfalls Teil der Erzählungen im Friedhof-Forum. Neben ihnen werden die Leben der «Heidi»-Autorin Johanna Spyri, des Stadtingenieurs Arnold Bürkli, der Schriftstellerin Mariella Mehr, der Stadträtin Emilie Lieberherr, des Arbeitsmigranten Mario Brusadin, der Heroinabhängigen Brigitte B. und des Heavy-Metal-Musikers Martin Stricker beleuchtet und sorgsam verwoben.

«Einzelne sind auf der ganzen Welt ein Begriff, andere vollkommen unbekannt. Alle aber haben ihren Beitrag dazu geleistet, dass Zürich die Stadt wurde, wie wir sie heute kennen», heisst es in der Begleitpublikation zur Rauminstallation. Sie ist eine Kooperation des Forums mit dem Verein Einfach Zürich.

In der Rauminstallation im Friedhof-Forum kann die Geschichte von Hulda Zumsteg noch bis im nächsten Sommer gehört werden.

PD

Neun der Gräber dieser Protagonisten können auf dem Friedhof Sihlfeld besucht werden. Eines jedoch fehlt. Das von Brigitte B., der Frau die am Platzspitz in die Heroinsucht stürzte, die später den Entzug schaffte und beim Bestattungsamt arbeitete. Sie starb 1996 wie viele ihrer Weggefährten an Aids. Brigitte B. wurde 34 Jahre alt.

Ihr Grab wurde vor einigen Jahren aufgehoben. In Zürich endet die Ruhezeit nach zwanzig Jahren. Gräber bleiben nur erhalten, wenn Angehörige sie verlängern. Brigitte B. hatte niemanden, der das tat.

Auf Hulda Zumstegs Grab blüht 42 Jahre nach ihrem Tod ein Stöckchen mit Dipladenien. Es ist das Familiengrab der Familie Zumsteg. Auch Zumstegs Mann Gottlieb und ihr Sohn Gustav, der 2005 im Alter von 90 gestorben ist, wurden dort beerdigt.

Die Ausstellung «Zehn Leben – die Geschichte einer Stadt» kann noch bis am 15. Juli 2027 im Friedhof-Forum besucht werden.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Claudia Rey

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