Hüft- und Knieprothesen kommen millionenfach zum Einsatz. Aber wegen des Iran-Kriegs werden immer mehr Operationen aufgeschoben
Zimmer Biomet entlässt Mitarbeiter, der Gesundheitsriese Johnson & Johnson will seine Medtech-Sparte abspalten: Die häufigsten Operationen sind kein sicheres Geschäft mehr.
27.10.2026, 05.30 Uhr
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Mit Hüftimplantaten nehmen Medizintechnikfirmen weltweit über acht Milliarden Dollar ein.
Amélie Benoist / BSIP / Imago
Kaum eine Operation wird an europäischen oder amerikanischen Spitälern häufiger durchgeführt als eine am Knie oder eine an der Hüfte. Weil die Lebenserwartung stark gestiegen ist, benötigen immer mehr Personen ein künstliches Knie- oder Hüftgelenk. Über zwei Millionen solcher Prothesen werden laut Schätzungen weltweit pro Jahr verpflanzt.
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Die Hersteller der Implantate verdienen mit den Eingriffen sehr viel Geld. Im vergangenen Jahr hatte der Gesamtmarkt ein geschätztes Volumen von knapp 18 Milliarden Dollar. Dabei erreichten die künstlichen Kniegelenke ein leicht höheres Volumen als die Hüftimplantate.
Kritische Fragen von Investoren
Seit Jahren teilen sich lediglich vier Unternehmen den Markt weitgehend unter sich auf. Die drei amerikanischen Konzerne Johnson & Johnson (J&J), Stryker und Zimmer Biomet sowie der – kleinere – britische Hersteller Smith + Nephew kontrollieren zusammen über 70 Prozent des globalen Geschäftsvolumens.
Allerdings sind auch die Grosskonzerne gezwungen, laufend an ihrer Effizienz zu arbeiten. Zimmer Biomet kündigte im September an, bis zu 580 Stellen in der Produktion in Winterthur streichen zu wollen. Im Rahmen des gesetzlich vorgeschriebenen Konsultationsverfahrens mit den Mitarbeitenden wurde diese Zahl mittlerweile gesenkt. Doch dürften auch so noch bis zu 490 Stellen wegfallen.
Von Investoren müssen sich die Orthopädiekonzerne verstärkt kritische Fragen gefallen lassen. In den vergangenen fünf Jahren hat mit Ausnahme von J&J keiner von ihnen an der Börse geglänzt.
Am stärksten wurden in diesem Zeitraum die Aktien von Zimmer Biomet abgestraft. Sie verloren 30 Prozent an Wert. Mit Engagements in Smith + Nephew verloren Anleger beinahe 10 Prozent. Die Papiere von Stryker gewannen zwar um 15 Prozent, blieben damit im Vergleich zum haussierenden amerikanischen Gesamtmarkt aber ebenfalls deutlich zurück. Die J&J-Titel dürften ihren Kursgewinn von über 60 Prozent weitgehend der boomenden Pharmasparte des Konzerns verdankt haben.
Geschäftsziele verfehlt
J&J hat mittlerweile entschieden, den Medtech-Bereich zu verselbständigen. Auch das weltgrösste Gesundheitsunternehmen, das dieses Jahr erstmals einen Gesamtumsatz von über 100 Milliarden Dollar erzielen will, spürt an den Finanzmärkten den Druck in Richtung Fokussierung.
Die Geschäfte mit Konsumgütern wurden unter dem Firmennamen Kenvue schon vor drei Jahren separat an die Börse gebracht. Nun arbeite man auch für den Medtech-Bereich an diesem Schritt, so bekräftigte das Management von J&J vorletzte Woche bei der Präsentation der jüngsten Quartalszahlen. Es musste zugleich einräumen, die selbst gesetzten Ziele bei der Geschäftsentwicklung nicht erfüllt zu haben. «Wir schnitten unter unserem Standard ab», sagte Tim Schmid, der Chairman der Medizintechniksparte von J&J.
Zwischen Juli und September steigerte J&J den Gesamtumsatz gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp 6 Prozent auf 25,4 Milliarden Dollar. In der Medtech-Sparte, deren Einnahmen 8,6 Milliarden Dollar erreichten, beschränkte sich das Wachstum indes auf 2,5 Prozent. Laut Schmid entwickelte sich die Zahl der operativen Eingriffe weltweit zwar stabil. Doch offenbar unter dem Eindruck des Iran-Kriegs und seiner inflationären Auswirkungen begannen Spitäler in immer mehr Ländern, Beschaffungen zu verschieben. Anders als erwartet habe sich das Problem nicht auf eine Handvoll Märkte im Nahen Osten beschränkt, sagte Schmid.
Stryker steigert Einnahmen am stärksten
Die Umsatzzunahme wäre noch bescheidener ausgefallen, wenn es bei J&J nicht so gut im amerikanischen Heimmarkt gelaufen wäre. Dort steigerte die Medtech-Sparte, die neben Prothesen unter anderem auch Produkte für die Versorgung von Herz- und Schlaganfallpatienten sowie Kontaktlinsen im Angebot hat, die Einnahmen um fast 5 Prozent. Die USA sind für J&J mit Abstand der wichtigste Absatzmarkt. Branchenweit wurden dort 2025 fast 35 Prozent des Umsatzes mit Hüftimplantaten erzielt. Bei Knieprothesen war es sogar leicht mehr als die Hälfte.
Im dritten Jahresviertel stiegen bei J&J die Verkäufe von Hüft- und Knieprothesen um je rund 3 Prozent. Branchenweit setzte sich in Sachen Wachstum in letzter Zeit Stryker an die Spitze. Der Konzern hat seinen Aktionären für 2026 selbstbewusst eine organische Umsatzsteigerung von 8,3 bis 9,3 Prozent in Aussicht gestellt. Auf diesem hohen Niveau könne er sich kaum Fehler erlauben, so halten Marktbeobachter von Bloomberg Intelligence fest.
Smith + Nephew fehlt es an kritischer Grösse
Der kleinere Wettbewerber Smith + Nephew sah sich Mitte August gezwungen, die Prognose für das Wachstum im Gesamtjahr von 6 auf 4 Prozent nach unten zu korrigieren. Auslöser für diesen Schritt war die enttäuschende Geschäftsentwicklung im zweiten Quartal. Im Hauptmarkt USA verlor der britische Konzern sowohl bei Knie- wie auch bei Hüftimplantaten Umsatz und damit Marktanteile.
Die Medizintechnikfirma, die auch im Bereich der Sportmedizin und in der Wundversorgung aktiv ist, wird von Investoren seit Jahren gedrängt, den Orthopädieteil zu verkaufen. «Smith + Nephew ist in diesem Geschäft zu klein und zu wenig stark im wichtigen US-Markt aufgestellt», sagt Stefan Blum, Portfoliomanager beim Zürcher Vermögensverwalter Bellevue Asset Management.
Vergangene Woche schrieb die Zeitung «Financial Times», dass es Fusionsverhandlungen zwischen dem britischen Unternehmen und der Medtech-Sparte von Johnson & Johnson gegeben habe. Angeblich seien die Gespräche aber daran gescheitert, dass der Verwaltungsrat von Smith + Nephew die Geschäftsleitung der fusionierten Firma nicht Namal Nawana anvertrauen wolle.
Gut aufgestellt auch in der Robotik
Nawana führt seit einem Jahr die Tochterfirma DePuy Synthes, bei der das Orthopädiegeschäft von J&J angesiedelt ist. Er stand einst auch der Geschäftsleitung von Smith + Nephew vor, schied 2019 aber nach nur eineinhalb Jahren im Amt wegen unterschiedlicher Gehaltsvorstellungen aus. Der britische Konzern insistierte offenbar, dass nach einer Fusion mit der Medtech-Sparte von J&J sein bisheriger Chef Deepak Nath weiterhin die Geschäfte führen müsse.
Nach Einschätzung von Stefan Blum sind sämtliche drei amerikanischen Branchenschwergewichte für die Zukunft gut aufgestellt. Sie verfügten über die kritische Grösse und hätten auch die nötigen Investitionen in die Robotik getätigt. Diese werde in der Orthopädie ebenfalls immer wichtiger, sagt der Portfoliomanager.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Dominik Feldges
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