Hat dieses Video die Massen in Frankreich für den 17. Oktober mobilisiert?

Über eine halbe Million Menschen zog es an diesem Tag landesweit auf die Strassen. Wer nach dem Ursprung des Datums sucht, landet bei Tiktok – und stösst auf einige Merkwürdigkeiten.

28.10.2026, 16.02 Uhr

6 Leseminuten


Tiktok / @v2.95

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Es ist Montag, der 8. September, als um 1 Uhr 29 in der Nacht ein 53 Sekunden langes Video bei Tiktok hochgeladen wird. Ein junger Mann im weissen Shirt spricht direkt in die Kamera:

Antwort: Samstag, 17. Oktober 2026. Nein, weil ihr zu viel redet. Ihr redet zu viel. «Oh, wir haben kein Datum für die Demonstration, wir haben kein Datum, wir haben kein Datum.» Samstag, 17. Oktober 2026. Das ist ein Samstag, und es sind Ferien. Jeder kann dabei sein.

Insgesamt dreimal nennt der Nutzer mit dem Namen V2 das Datum, ausserdem platziert er es im Bild. Neben dem Datum hat V2 in dem Video noch eine weitere Botschaft: Die Demonstration soll legal sein. Er sagt:

Antwort: Dann stecken wir erst dann in der Scheisse, wenn es aus dem Ruder läuft.

Dieses Video gilt als Ursprung für die Massenmobilisierung auf den französischen Strassen vom 17. Oktober. Über vier Millionen Mal wurde es vor diesem Tag angeschaut. An den Protesten nahmen landesweit mehr als eine halbe Million Menschen teil. Aus dem Ruder lief es tatsächlich: Es kam zu Ausschreitungen, Gebäude wurden in Brand gesetzt und Geschäfte geplündert.

Die Social-Media-Konzerne stehen in Frankreich seitdem unter Druck. Ihren Plattformen wird vorgeworfen, die Ausschreitungen befördert zu haben. Die Digitalministerin Anne Le Hénanff bestellte Vertreter der Unternehmen für ein Krisentreffen ein. Der Finanzminister Roland Lescure kündigte an, dass es «wahrscheinlich Konsequenzen» geben werde. Auch die Europäische Union hat angekündigt, eine mögliche ausländische Einflussnahme in den sozialen Netzwerken zu untersuchen.

Die NZZ hat zur Geschichte des 17. Oktober und seines Ursprungs in den sozialen Netzwerken recherchiert. Über welche Social-Media-Kanäle lief die Mobilisierung? Welche Accounts haben sie vorangetrieben – und wer steckt dahinter? Manches lässt sich rekonstruieren, vieles bleibt aber unklar.

Der Ursprung

Die Geschichte des 17. Oktober beginnt bei Tiktok und dem User, der sich V2 nennt. Er ist kein Influencer, kein bekannter Vertreter der Generation Z, niemand, dessen Worte automatisch eine Wirkung entfalten könnten.

Seine Inhalte haben zum Teil Aufrufzahlen im vierstelligen Bereich, einige Videos wiederum wurden mehr als eine Million Mal angeschaut. Sie drehen sich häufig um Fussball («Neymar gehört nicht zu den besten 50 aller Zeiten») oder dokumentieren Alltagssituationen. Um politische Themen geht es wenig. Das älteste auf dem Account von V2 noch abrufbare Video stammt von Dezember 2025.

Die meisten seiner heute über hunderttausend Follower bei Tiktok kamen erst ab dem 17. Oktober dazu. Eine archivierte Version seines Profils zeigt, dass ihm am Tag vor den Protesten lediglich 20 000 Accounts folgten. Es lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wie viele schon am 8. September dabei waren, als V2 das Video mit dem Demonstrationsaufruf veröffentlichte.

Merkwürdig ist, dass der Name der Person hinter dem Account immer noch unbekannt ist. Dabei wurde das Video inzwischen über sechs Millionen Mal angeschaut. Obwohl Millionen das Gesicht von V2 gesehen haben, gibt es keinen Namen. Auf Anfragen französischer Medien reagierte er nicht.

Zwei Dinge sind an dem Video zum Verständnis der Hintergründe wichtig: Da ist einmal der Zeitpunkt. Die Schülerproteste begannen in Frankreich je nach Zählung zwischen dem 17. und 21. September. Das genannte Video erschien jedoch schon mehrere Tage früher. Der Nutzer namens V2 mobilisierte also schon für den 17. Oktober, als die Schülerproteste noch gar nicht begonnen hatten. Sein Aufruf auf Tiktok ist in einem anderen Kontext entstanden.

Hinweise auf diesen Zusammenhang geben die Hashtags, die V2 dem Video hinzugefügt hat. Darunter: #essence und #giletsjaune. Benzin und Gelbwesten. Die Gelbwesten-Bewegung entstand 2018 aus Protest gegen eine geplante Erhöhung der Steuer auf Treibstoff. Acht Jahre später, im September 2026, erreichten die Spritpreise in Frankreich wie in anderen europäischen Ländern einen Höchstwert.

Und es gibt da noch ein weiteres Video von V2, veröffentlicht in derselben Nacht, 25 Minuten vor dem Video mit der Bekanntgabe eines Datums. Es ist inzwischen gelöscht, aber noch im Internet abrufbar. In dem Video lässt sich V2 über die hohen Benzinpreise aus – und die Untätigkeit der Generation Z, zu diesem Thema eine Demonstration zu organisieren. Er sagt:

Antwort: Was ich euch vorschlage, ist eine Demo gegen die Benzinpreise. Leute, ich sag euch nur: In einer normalen Welt würden uns schon 1.06 € pro Liter in den Wahnsinn treiben. 1.06 € pro Liter, das ging uns schon auf die Nerven. Jetzt kostet es mindestens 2.25 €, Leute.

Die Verbreitung

Der Aufruf von V2 blieb nicht der einzige seiner Art. Noch am 8. September und in den Folgetagen werden auf Tiktok weitere Videos veröffentlicht, die für den 17. Oktober zu Demonstrationen aufrufen und Hunderttausende Aufrufe erhalten. Als Motiv werden auch hier die hohen Benzinpreise genannt. Und der Bezug zu den Gelbwesten ist in ihnen ebenfalls omnipräsent.

Die Bezugnahme auf die Gelbwesten ist auch deshalb bedeutsam, weil deren Akteure der ersten Generation den Aufrufen zunächst noch skeptisch gegenüberstanden. Erst nach einigen Wochen solidarisierten sie sich mit der Initiative und bewarben den 17. Oktober auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen.

Nicht alle Aufrufe in den sozialen Netzwerken sind authentisch. Laut Recherchen von «Le Monde» wurden am 9. September mehr als ein Dutzend neuer Tiktok-Accounts erstellt, die den 17. Oktober mit eindeutig KI-generierten Bildern bewarben. Gemäss den Recherchen steckte ein kommerzieller Ansatz dahinter, mit neuen Accounts Klicks zu generieren, und keine politische Motivation.

Konkreter wurden die Planungen mit der Veröffentlichung interaktiver Landkarten, auf denen Protestorte im ganzen Land eingetragen werden konnten. Am 17. September ging etwa die Website 17octobregiletjaune.net online. Der Initiator Benjamin Ball, der sich mit der Gelbwesten-Bewegung identifiziert, sagte der «NZZ am Sonntag», er habe damit die verschiedenen Strömungen des Widerstands zusammenführen wollen. Weitere ähnliche Websites kommen in den Folgewochen dazu. Die Franzosen haben nun nicht nur ein Datum, sondern konkrete Orte, an denen sie sich versammeln können.

Als französische Medien Mitte September über die Aufrufe zur Mobilisierung am 17. Oktober schrieben, wirkten sie hinsichtlich des Potenzials noch skeptisch. Auch Polizei und Geheimdienste schienen die Kraft der Mobilisierung bis zuletzt zu unterschätzen.

Denn die Wucht in den sozialen Netzwerken wuchs in den kommenden Wochen massiv. Nach Angaben des auf Social-Media-Monitoring spezialisierten Unternehmens Visibrain, das die Protestaufrufe über Wochen dokumentierte, verzeichneten die Beiträge zum 17. Oktober in der Woche vor der Demonstration mehr als 144 Millionen Aufrufe auf Tiktok.

In den sozialen Netzwerken sind zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr nur Demo-Aufrufe im Fokus. Berichte, dass die Polizei bei den Studentenprotesten Tränengas und Blendgranaten einsetze, stiessen auf starke Reaktionen. Auch Falschinformation spielte nun eine Rolle. Beispielsweise werden Videos aus früheren Jahren fälschlicherweise den gegenwärtigen Protesten zugeschrieben.

Kremltreue Bot-Netzwerke mischen ebenfalls mit. Ein Bericht der NGO Alliance for Europe hat herausgefunden, «dass ausländische Akteure sowohl vor als auch nach den Protesten aktiv daran arbeiteten, die öffentliche Empörung zu verstärken und anzufachen sowie Gewalt zu bejubeln». Vom 2. September bis zum 14. Oktober veröffentlichte das russische «Doppelgänger»-Bot-Netzwerk laut dem Bericht über 600 Beiträge auf Französisch, Deutsch, Englisch und Polnisch, die etwa 7,4 Millionen Aufrufe verzeichneten. Auch iranische Akteure sollen an der Stimmungsmache im Netz beteiligt gewesen sein.

Entscheidend könnte die Verschmelzung mit anderen Bewegungen gewesen sein – sowohl personell als auch bezüglich der Abdeckung von sozialen Netzwerken. Als sich etwa die Gelbwesten der ersten Generation den Aufrufen anschlossen, verbreiteten sie diese laut Visibrain auch bei Facebook weiter, indem alte Gruppen und Websites der Bewegung reaktiviert wurden. Am Ende stand eine Allianz aus Schülern, Studierenden, Gelbwesten, Gewerkschaftern, Landwirten.

Die Folgen

Dann kommt der 17. Oktober, der Tag der Mobilisierung, an dessen Ende fast 3000 geplünderte Geschäfte und 1000 Festnahmen standen. Am Tag danach veröffentlichte V2 ein weiteres Video bei Tiktok. Er sagt, er wolle loswerden, was ihm auf dem Herzen liege:

Antwort: Ihr filmt Leute, die Läden zertrümmern, und sagt: «V2, schau mal, was du angerichtet hast.» Habe ich sie dazu angestiftet, das zu tun? Nein. Habe ich gesagt: «Geht und zündet die Kehrichttonnen an, geht und zündet dies und das an?» Nein. Habe ich gesagt: «Ja, stellt euch der CRS [Spezialeinheiten der Polizei] entgegen, ja, werft Feuerwerkskörper, werft Pflastersteine, werft dies und das?» Ich habe nichts davon gesagt, aber ihr schafft es trotzdem zu sagen: «V2, schau dir an, was du angerichtet hast.»

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Eike Hoppmann, Seda Motie

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira