Hakeem Jeffries dürfte der erste afroamerikanische Vorsitzende im Repräsentantenhaus werden
Nach dem Erdrutschsieg der Demokraten wird der Fraktionschef aus New York wohl Geschichte schreiben. Zum ersten Mal könnte ein Schwarzer das dritthöchste Amt in den USA bekleiden.
05.11.2026, 05.30 Uhr
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Hakeem Jeffries in der Wahlnacht in Washington, nachdem sich der Sieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen abgezeichnet hat.
Tom Williams / Imago
Der Sieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen bedeutet auch für den Afroamerikaner Hakeem Jeffries einen historischen Aufstieg. Der bisherige demokratische Minderheitsführer wird aller Voraussicht nach der nächste Vorsitzende (Speaker) im Repräsentantenhaus. Der 56-jährige New Yorker wäre der erste Schwarze auf diesem Posten – dem dritthöchsten in den USA nach dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten.
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Jeffries hat das Amt des Fraktionschefs 2022 von der damals 82-jährigen Nancy Pelosi übernommen. Damals bildeten die republikanischen Abgeordneten die Mehrheit, und Jeffries war infolgedessen nur der Minderheitsführer. Aber auch in dieser Funktion war er der erste Schwarze. Nun wird er, wenn er am 3. Januar gewählt wird und den Republikaner Mike Johnson ersetzt, viel mehr zu sagen haben. Der Speaker legt die Agenda für die Gesetzgebung fest und bestimmt die Vorsitzenden der parlamentarischen Ausschüsse.
Dass er hart gegen die Republikaner vorgehen werde, kündigte Jeffries noch in der Wahlnacht an. «Wir werden diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die diesem Land beispiellose Korruption zugefügt haben», sagte er. «Das amerikanische Volk hat gesprochen und deutlich gemacht, dass es genug vom Extremismus und von Korruption hat.» Wenn Menschen in hohen Ämtern so sehr darauf bedacht seien, sich selbst, ihre Familienangehörigen, ihre Freunde oder ihre Spender zu bereichern, so Jeffries, dann konzentrierten sie sich nicht darauf, das Leben der amerikanischen Bevölkerung zu verbessern.
Er wollte Rapper oder Basketballspieler werden
Hakeem Jeffries wurde 1970 in Brooklyn geboren. Seine Mutter war Sozialarbeiterin, der Vater arbeitete in einer Anlaufstelle für Drogenabhängige. Der New Yorker Stadtteil war damals noch berüchtigt wegen der verbreiteten Kriminalität und der vielen Crack-Süchtigen. Jeffries studierte Politikwissenschaften und anschliessend Jura an der Law School der New York University, wo er mit dem Juris Doctor abschloss. Ab 1997 arbeitete er als Rechtsanwalt in renommierten Kanzleien. Nach harzigen politischen Anfängen in New York wurde er 2012 schliesslich ins Repräsentantenhaus gewählt.
Jeffries bezeichnet sich selbst als «schwarzen, progressiven Demokraten». Sein Urgrossvater wanderte aus dem westafrikanischen Inselstaat Kap Verde in die USA ein, in seinem Elternhaus wurden die Ideen von schwarzen Theoretikern und Aktivisten diskutiert, und er ist geprägt von der afroamerikanischen Kultur in Brooklyn. Als Jugendlicher träumte er davon, entweder ein Basketball-Profi oder, unter dem Namen «Kid Fresh», ein Hip-Hop-Star zu werden. Als Anwalt arbeitete er später auch in der Musikbranche und vertrat die Sängerin Lauryn Hill. In Reden zitiert er gerne Rapper wie The Notorious B. I. G. oder Jay-Z.
Seit seiner Jugend ist er aktives Mitglied der Baptist Church und bezeichnet seinen Glauben als Fundament, das ihm in den schwierigsten Situationen Gelassenheit gebe. In der Tat ist Jeffries bekannt für seine Coolness – er hält seine Reden ohne Notizen und verliert auch bei persönlichen Angriffen kaum je die Fassung. Er zieht das vertiefte Zwiegespräch dem publikumswirksamen, offenen Konflikt vor und gilt als geschickter Vermittler. Er ist verheiratet mit einer Sozialarbeiterin und hat zwei Söhne.
Jeffries engagiert sich in Rassismus-Fragen, grenzt sich jedoch von klassenkämpferischer Rhetorik ab. Er wird zum gemässigten Flügel der Partei gezählt und hält Distanz zu sozialistischen Aktivistinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez. Eine staatliche Krankenkasse lehnt er ab. Er gilt als wirtschaftsfreundlich, dialogbereit und offen, auch mit Republikanern zusammenzuarbeiten.
Einem neuerlichen Versuch zum Impeachment gegen Präsident Donald Trump steht er eher skeptisch gegenüber, er hat hingegen angedeutet, dass er ein Amtsenthebungsverfahren gegen Verteidigungsminister Pete Hegseth unterstützen werde. Als problematisch erkannt hat er offenbar auch Leute wie Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und Donald Trump Jr.; Jeffries wirft ihnen vor, sich dank ihrer Nähe zum Präsidenten massiv bereichert zu haben, indem sie Politik und Business skrupellos vermischten.
Ein Freund Israels
Im Gegensatz zu vielen im linken Flügel der Partei vertritt Jeffries eine Israel-freundliche Haltung. Sie dürfte mit seinem Aufwachsen in Brooklyn zusammenhängen, wo neben Afroamerikanern bis heute auch die grösste jüdische Gemeinschaft Amerikas lebt. Dort erlebte er einerseits, wie in der Bürgerrechtsbewegung schwarze und jüdische Anwohner oft Hand in Hand gegen Diskriminierung kämpften. Andererseits kam es immer wieder auch zu Auseinandersetzungen zwischen Ultraorthodoxen und Schwarzen, die in den Crown Heights Riots von 1991 gipfelten. In seinen Reden nimmt Jeffries oft Bezug auf diese historischen Erfahrungen. Als Abgeordneter des 8. Kongressdistrikts von New York, der Teile von Brooklyn und Queens umfasst, sah er sich immer als Vertreter von beiden Bevölkerungsgruppen.
Jeffries hat sich zwar gegen den Iran-Krieg ausgesprochen und tritt für eine Zweistaatenlösung im Nahen Osten ein, er verteidigt die militärische Hilfe an Israel jedoch klar – ein Thema, das in der Demokratischen Partei heftig umstritten ist. Palästina-Aktivisten im eigenen Lager ermahnt er, sie sollten sich darauf konzentrieren, die hohen Lebenshaltungskosten zu senken und das kaputte Gesundheitssystem zu reparieren. Aber er wird dem Israel-kritischen Flügel voraussichtlich Zugeständnisse machen müssen, wenn er am 3. Januar gewählt werden will.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · David Signer
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