Hackerangriff auf Binance: Wie der Raub von mehr als 6 Milliarden Dollar an Krypto-Vermögen ablief
Nordkoreanische Hacker sollen die Attacke auf die Krypto-Börse Binance verübt haben. Wie die Kriminellen dabei vorgingen – und was der Riesendiebstahl für Anleger in Kryptowährungen bedeutet.
01.11.2026, 17.39 Uhr
4 Leseminuten
Cyberkriminalität wird immer mächtiger, wie der jüngste Angriff auf die Krypto-Börse Binance zeigt.
Illustration Anja Lemcke / NZZ
Kryptowährungen haben in den vergangenen Jahren den Weg in den Mainstream gefunden. Mit Anlageinstrumenten wie Exchange-Traded Funds (ETF) legen immer mehr Sparer und Kleininvestoren ihre Geld in Bitcoin, Ether & Co. an. Manche etablierte Banken und Vermögensverwalter bieten ihren Kunden einen einfachen Zugang zu Kryptowährungen und ermöglichen ihnen, direkt im Online-Banking einen Teil des Anlageportfolios dort zu investieren.
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Viele Anleger handeln die digitalen Währungen aber auch direkt über Krypto-Börsen wie Binance, die aufgrund ihrer niedrigen Gebühren und der hohen Liquidität beliebt ist. Der jüngste Hackerangriff auf die weltweit grösste Krypto-Handelsplattform mit dort gelagerten Vermögen in Höhe von geschätzten 160 Milliarden Dollar hat indessen viele Nutzer aufgeschreckt. Die Attacke dient als Erinnerung, wie riskant solche Anlagen sind. Zudem ist sie ein weiteres Beispiel für immer gravierendere Cyberangriffe, die im Zeitalter der künstlichen Intelligenz (KI) noch destruktiver werden könnten.
Nordkoreanische Hacker sollen hinter Attacke stecken
Als Folge des Cyber-Angriffs stellt sich die Frage, wie gut sich Kryptowährungen als Wertaufbewahrungsmittel eignen. Bei der Attacke auf Binance erbeuteten die Angreifer am Donnerstagabend Krypto-Vermögen im Volumen von geschätzten 6,43 Milliarden Dollar, wie das Blockchain-Analyse-Unternehmen Elliptic schätzt. Binance und seinen Partnern in der Branche soll es laut dem Unternehmen gelungen sein, 2,85 Milliarden Dollar davon einzufrieren. Mittel in Höhe von 3,25 Milliarden Dollar seien indessen ausserhalb des Zugriffs, also unter Kontrolle der Hacker, gelangt.
Bei den Cyber-Kriminellen soll es sich um die vom nordkoreanischen Staat gesteuerte Gruppe Trader Traitor gehandelt haben. Diese soll bereits für mehrere weitere grosse Krypto-Attacken verantwortlich sein – darunter der Angriff auf die Börse Bybit im vergangenen Jahr, bei dem laut Elliptic 1,46 Milliarden Dollar erbeutet worden sein sollen. Der Binance-Hack hat angesichts der Volumina eine noch grössere Dimension. Die amerikanische Bundespolizei FBI hat derweil bestätigt, dass Nordkorea hinter dem Hack stecken soll.
Binance teilte derweil am Sonntag mit, die Vermögen seiner Nutzer seien sicher. «Binance wird die finanziellen Auswirkungen der gestohlenen Vermögen absorbieren, nicht unsere Nutzer», hiess es in der Mitteilung des Unternehmens.
Wie der Raub der Krypto-Vermögen ablief
Der Angriff auf Binance dürfte der mit Abstand grösste Krypto-Raub aller Zeiten sein. Schockierend dabei ist zudem, wie schnell dieser ablief. Er soll nur rund 30 Minuten gedauert haben.
Wie die Wirtschaftspublikation «Wall Street Journal» («WSJ») berichtet, entdeckte das Cybersicherheits-Team des Unternehmens am späten Donnerstagabend lokaler Zeit in Abu Dhabi, wo Binance einen Teil seiner Büros hat, dass mehr als 1 Milliarde Dollar von der Handelsplattform abgesaugt worden waren. Es benachrichtigte die Binance-Führung, die eine Krisensitzung mit rund 100 Mitarbeitenden einberief. Darunter soll auch die schwangere Binance-Co-Chefin und Mitgründerin Yi He gewesen sein.
Binance habe den Diebstahl ursprünglich mit einem kompromittierten Laptop eines Software-Ingenieurs in Verbindung gebracht, schreibt Elliptic. Das Unternehmen gebe nun aber an, es habe weitere Punkte identifiziert. Es handle sich um eine komplexe Attacke, die nicht von einer einzelnen Person ausgeführt worden sei. So sollen die Hacker laut einem Bericht der Wirtschaftspublikation «Financial Times» bereits am Tag vor dem Hack mit kleineren Transaktionen Tests gemacht haben.
Derweil floss am Abend des Hackerangriffs immer mehr Geld von Binance ab, was in der Krypto-Branche nach und nach immer mehr Aufmerksamkeit erregte und zu Reaktionen auf Social Media führte. So spielte sich das Drama weitgehend in der Öffentlichkeit ab.
Die Krypto-Börse benachrichtigte derweil die Herausgeber von Stablecoins, darunter Tether und Circle. Bei Stablecoins handelt es sich um Kryptowährungen, die an einen stabilen Basiswert wie nationale Währungen oder Vermögenswerte gekoppelt sind. Solche Unternehmen haben die Möglichkeit, Gelder einzufrieren und verdächtige Wallets zu sperren. Dies kann dabei helfen, Kapital sicherzustellen, bevor es von den Kriminellen gewaschen werden kann.
Ein Teil der Gelder wurde eingefroren
Doch die Hacker fanden andere Wege, das Geld zu stehlen. Wie das «Wall Street Journal» berichtet, platzierten die Akteure beispielsweise Stablecoins im Wert von 60 Millionen Dollar auf einer Krypto-Verleih-Plattform namens Aave. Die Stablecoins wurden dort als Sicherheit genutzt, um fast 20 000 Ether – die digitale Währung des Ethereum-Netzwerks – zu leihen. Diese hatten zu der Zeit einen Wert von rund 44,6 Millionen Dollar.
Da Ether nicht eingefroren werden könnten, sei es den Hackern mit diesem Trick letztlich gelungen, das Geld herauszulösen, schreibt das «WSJ» weiter. Aave und andere Plattformen hätten zwar letztlich agiert und keine weiteren Transaktionen mit verdächtigen Konten vorgenommen. Letztlich sei es den Hackern aber mit solchen Transaktionen gelungen, rund 2,4 Milliarden Dollar mit Krypto-Vermögenswerten, die sich nicht einfrieren lassen, zu erbeuten. Die Publikation beruft sich dabei auf Daten des Blockchain-Analyse-Unternehmens TRM Labs.
Binance setzte derweil aus Sicherheitsgründen alle Ein- und Auszahlungen aus, was weitere Reaktionen bei Nutzern der Social-Media-Plattform X hervorrief. Erinnerungen wurden wach an den Zusammenbruch von FTX, der Krypto-Börse des als Betrüger verurteilten Sam Bankman-Fried. Binance versuchte derweil, zu beschwichtigen, und schrieb auf X, jegliche Verluste von Anlegern würden gedeckt. Changpeng Zhao, der Binance 2017 gegründet hatte, zeigte sich ebenfalls sehr aktiv auf X. «Es tut weh, aber wir werden es überstehen», postete er unter anderem zu dem Krypto-Raub.
Kurz danach berichtete das «WSJ», die beiden Cybersicherheits-Research-Unternehmen TRM Labs und Pangolin Intelligence hätten Verbindungen der Hackerattacke zu der vom nordkoreanischen Staat unterstützten Gruppe Trader Traitor gefunden.
Der in der Branche unter dem Kürzel «CZ» bekannte Unternehmer Zhao ist derweil aufgrund der teilweise dunklen Vergangenheit seiner Firma krisenerprobt. Im Jahr 2023 bekannte sich Binance schuldig, Kriminellen Geldwäsche ermöglicht zu haben. Das Unternehmen bezahlte Bussen in Höhe von 4,3 Milliarden Dollar in den USA und Zhao wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung wurde er von US-Präsident Donald Trump begnadigt.
Bank Sygnum in Zürich nicht betroffen
In der Schweiz arbeitet die Bank Sygnum mit Sitz in Zürich mit Binance zusammen. Wie das Finanzhaus dieser Zeitung auf Anfrage mitteilte, sei sie von dem Cyber-Angriff auf die Krypto-Börse nicht betroffen. Die Infrastruktur funktioniere wie gewohnt, es würden aber verstärkte Zuflüsse in ihre ausserbörsliche Verwahrungslösung von Kryptowährungen verzeichnet.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael Ferber
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