Wer ersetzt Parmelin im Bundesrat? Das sind die Kandidatinnen und Kandidaten im Überblick

In der Schweizerischen Volkspartei positionieren sich die aussichtsreichsten Papabili. Das Kandidatenkarussell.

Adrien Woeffray, Samuel Tanner

21.10.2026, 16.13 Uhr

8 Leseminuten

Aktualisiert


Wird es mit Céline Amaudruz die ewige Kronfavoritin aus der Romandie, oder betritt ein Überraschungsgast die Bundesratsparty?

Wird es mit Céline Amaudruz die ewige Kronfavoritin aus der Romandie, oder betritt ein Überraschungsgast die Bundesratsparty?

Anthony Anex / Keystone

Das Ende eines Bundesrats ist der Anfang der Spekulationen: Wer könnte ihm nachfolgen? Für die SVP ist die Wahl strategisch entscheidend. So fragt sich, ob sie ihren zweiten Sitz wieder mit einer welschen Kandidatur besetzen will, um als grösste Partei nicht primär als Partei der Deutschschweiz wahrgenommen zu werden. Sicher ist: Die SVP wird besonders nach geeigneten Personen für das Justiz- und Polizeidepartement sowie das Verteidigungsdepartement suchen, das sie in einem Communiqué mitgeteilt. Die Partei rechnet folglich damit, dass entweder Beat Jans oder Martin Pfister ins Wirtschaftsdepartement wechseln wird.

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Die SVP hat eine Findungskommission eingesetzt, die der ehemalige Fraktionspräsident und Alt-Nationalrat Caspar Baader präsidiert. Bis am 23. Oktober können die Kantonalparteien der Kommission ihre Kandidaten melden. Die Nomination der Kandidaten erfolgt am 20. November.

Sie haben ihre Kandidatur bekanntgegeben:

Die Vizepräsidentin aus der Romandie

Céline Amaudruz, Nationalrätin GE, 47 Jahre

Nationalrätin Céline Amaudruz.

Nationalrätin Céline Amaudruz.

Keystone

Die Genfer Nationalrätin gilt seit geraumer Zeit als potenzielle Kandidatin, als Favoritin aus der Romandie.

Amaudruz, Vermögensverwalterin bei einer Privatbank und seit 2011 Nationalrätin, gilt als «fleissige und loyale» Vizepräsidentin der SVP Schweiz («Tribune de Genève»). Entsprechend stramm politisiert sie auf Linie. Ausnahmen macht sie in gesellschaftspolitischen Fragen, etwa bei der «Ehe für alle» oder beim Vaterschaftsurlaub. Manche attestieren ihr dadurch einen schweren Stand für das offizielle SVP-Ticket. Tatsächlich scheint sie in der Fraktion nicht den vollständigen Rückhalt zu geniessen. Andere sehen darin höhere Wahlchancen vor der vereinigten Bundesversammlung.

Einholen könnte sie eine alte Anekdote: 2016 wurde sie mit 1,92 Promille am Steuer von der Genfer Polizei angehalten. Erst versuchte sie, den Genfer Oberstaatsanwalt zu erreichen, dann, sehr früh morgens, Guy Parmelin. Nicht Bundesrat Parmelin, liess sie über ihren Anwalt und Genfer Nationalratskollegen Christian Lüscher ausrichten, sondern ihren guten Freund Guy: «In einem Moment der Verzweiflung suchte sie Rat bei jemandem, der ihr nahesteht.»

Und dennoch dürfte an Amaudruz derzeit kein Romand vorbeikommen. Von potenziellen Anwärtern aus der Romandie, heisst es, wolle ihr niemand im Weg stehen. Sollte sie dereinst auf Parmelin folgen, schlösse sich der Kreis: 2015 hatte sie für seine Kandidatur lobbyiert, Hearings geübt, und sie soll sogar dessen Krawatten ausgesucht haben. Nun könnte sein Rücktritt ihr den Weg ebnen.

Hier geht es zum ausführlichen Porträt von Céline Amaudruz:

Vor elf Jahren hat sie schon einmal einen Westschweizer zum Bundesrat gemacht, nun könnte die Vizepräsidentin der SVP Schweiz selbst gewählt werden – vorausgesetzt, sie überzeugt ihre eigene Fraktion.

Der Rechtsanwalt aus Solothurn

Rémy Wyssmann, Nationalrat SO, 59 Jahre

Der Solothurner Nationalrat hat seine Absicht, als Bundesrat zu kandidieren, an einer Medienkonferenz der SVP Solothurn bekanntgegeben.

Nationalrat Rémy Wyssmann.

Nationalrat Rémy Wyssmann.

Keystone

Wyssmann ist als Rechtsanwalt und Notar in einer eigenen Kanzlei tätig. Sein Grossvater sass einst für die SP im Solothurner Ständerat. Wyssmann selbst war von 2016 bis 2023 Gemeinderat in Kriegstetten. Von 2017 bis 2023 sass er zudem im Solothurner Kantonsparlament. Seit Dezember 2023 politisiert er für den Kanton Solothurn im Nationalrat.

In Solothurn hat Wyssmann in den vergangenen Jahren verschiedene kantonale Abstimmungsvorlagen teilweise heftig bekämpft. Er organisierte Referenden und brachte gewichtige Geschäfte zu Fall. Die Solothurner Staatskanzlei bezichtigte die Nein-Komitees im Abstimmungskampf im September 2025 und im Februar 2026 gar der Verbreitung von Falschinformationen. Wyssmann gehörte beiden Komitees an.

Über ihre Kandidatur wird weiterhin spekuliert

Der Geheimfavorit

Jean-Pierre Gallati, Regierungsrat AG, 60 Jahre

Regierungsrat Jean-Pierre Gallati.

Regierungsrat Jean-Pierre Gallati.

Keystone

Er war Schiedsrichter, Jungfreisinniger, Scharfmacher, Staatsmann, und nun vielleicht bald Bundesrat?

Nachdem mehrere Favoriten abgesagt hatten, brachte der Aargauer FDP-Ständerat Thierry Burkart am Dienstag (20. 10.) in der «Aargauer Zeitung» seinen Parteikollegen Jean-Pierre Gallati ins Spiel. Er bringe alle Voraussetzungen für das Amt als Bundesrat mit, sagte Burkart über Gallati. Auch die Zürcher SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli sagte, Gallati wäre «ein fähiger, führungserfahrener Bundesrat».

Gallati wird voraussichtlich am Donnerstag oder Freitag darüber informieren, ob er antreten will oder nicht. Das Amt des Bundesrates wäre eine weitere überraschende Entwicklung in einer Karriere mit vielen Wendungen.

Der Aargauer SVP-Regierungsrat scheint nach den vielen Absagen gute Chancen auf eine Nomination zu haben.

Der Überraschungsgast

Sylvain Freymond, Nationalrat VD, 42 Jahre

Nationalrat Sylvain Freymond.

Keystone

Es gibt sie, diese Namen, an die im Vorfeld kaum jemand denkt. Zum Beispiel Guy Parmelin selbst: Wer hätte dem «Alibikandidaten» (sagten so ziemlich alle) damals tatsächlich Chancen zugetraut?

Stellvertretend für viele andere – etwa den Waadtländer Yvan Pahud oder Nicolas Kolly aus Freiburg – soll hier Sylvain Freymond als Überraschungsgast auf der Party genannt werden. Der Name zumindest zirkuliert in gewissen Kreisen. Seine Ambitionen auch.

Freymond gelang bisher alles. Und es gelang ihm rasch: 2017 holte er auf Anhieb einen zusätzlichen Sitz für die SVP im Waadtländer Grossen Rat. 2023 wiederholte er den Exploit mit seiner überraschenden Wahl in den Nationalrat. Am meisten überrascht war er selbst: «Als die Endergebnisse bekanntgegeben wurden, war ich gerade dabei, meine Kühe zu melken», sagte er gegenüber «Le Temps».

Freymond sagte aber auch: «Ich stand schon immer mit beiden Beinen fest auf dem Boden, und daran wird sich auch jetzt nichts ändern.» Ob er nun Bundesrat wird oder nicht.

Definitiv aus dem Rennen genommen haben sich:

Pascal Schmid, Nationalrat TG, 50 Jahre

Nationalrat Pascal Schmid.

Keystone

Pascal Schmid galt als Liebling der Parteileitung und wurde sogar von SVP-Urvater Christoph Blocher unterstützt. Nun hat er in einem Gespräch mit den Tamedia-Zeitungen bekannt gemacht, dass er nicht für den Bundesrat kandidieren will. Den Entscheid habe Schmid gemeinsam mit seiner Frau nach intensiver persönlicher Abwägung getroffen, heisst es.

Pascal Schmids Aufstieg in der SVP verlief rasant: Kaum in den Nationalrat gewählt, wurde Pascal Schmid sofort Asylchef. In dieser Funktion hat er Andreas Glarner abgelöst, der auch innerhalb der Partei als «unguided missile» galt. Schmid hingegen hat sich in den Führungszirkeln der Partei einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Er sei unabhängig und dossiersicher, scharf und dennoch «schwiegermuttertauglich». Er kennt alle Zahlen zum Asylsystem, und er trägt sie nicht polemisch, sondern eher klinisch vor. Seine Frau sagt über ihn, er sei ein «durchorganisierter Kopfmensch». Seit Schmid im Nationalrat sitzt, hat er viel kritisiert und gefordert, etwa eine «Ausschaffungs-Task-Force» – als konkordanter Kompromissfinder hat er bisher keine grossen Spuren hinterlassen.

Schmid hat grosse Erfahrung als Jurist: Bereits mit 32 Jahren wurde er Präsident des Bezirksgerichts in Weinfelden, er leitete etwa den aufsehenerregenden Prozess gegen den ehemaligen Velostar Jan Ullrich. Seit zwölf Jahren ist er Anwalt. Als Politiker hat er verhältnismässig wenig Erfahrung: Er war Grossrat im Kanton Thurgau, bis er 2023 in den Nationalrat gewählt wurde. Seine Wahlchancen schienen in der SVP grösser als in der Bundesversammlung. Und: Schmid hat erst kürzlich bekanntgegeben, dass er 2027 für den Ständerat kandidieren will.

André Rüegsegger, Regierungsrat SZ, 50 Jahre

Regierungsrat André Rüegsegger.

André Rüeggsegger ist von seiner Kantonalpartei als möglicher Nachfolger von Guy Parmelin ins Rennen geworfen worden. Rüegsegger gelte als «akribischer und enorm fleissiger Schaffer», dem über die Parteigrenzen hinaus grosse Dossierkenntnis attestiert wird, argumentierte die SVP Schwyz ihre Nomination am 6. Oktober. Fast zwei Wochen äusserte sich Rüegsegger nicht dazu. Und sagte dann ab. Das Amt als Bundesrat habe nie zu «seinen persönlichen Zielen» gehört, begründet Rüegsegger die Absage. Er wolle sich lieber auf die kantonale Politik konzentrieren.

Rüegsegger ist seit 2012 Mitglied des Schwyzer Regierungsrates. Zuvor amtete er von 2008 bis 2012 als Kantonsrat und von 2010 bis 2012 als Fraktionspräsident der SVP Kanton Schwyz sowie als Mitglied der Ratsleitung. Seine politische Laufbahn begann er 1996 in verschiedenen Kommissionen der Gemeinde Ingenbohl.

Einen Text über die eigenartige Nomination von André Rüeggsegger finden Sie hier:

Natalie Rickli, Regierungsrätin ZH, 49 Jahre

Regierungsrätin Natalie Rickli.

Keystone

Sie wäre die logische Nachfolgerin von Ueli Maurer gewesen, als dieser 2022 aus dem Bundesrat zurücktrat: eine Zürcherin und eine Vertreterin des Zürcher SVP-Flügels, kaufmännische Lehre im erweiterten landwirtschaftlichen Umfeld (bei Fenaco), danach eine steile politische Karriere. 2007 wurde Rickli als 30-Jährige in den Nationalrat gewählt, wo sie sich als Medienpolitikerin einen Namen machte. Unzählige Tele-Züri-Auftritte trugen zu ihrer Popularität bei.

Im Jahr 2019 wurde sie Regierungsrätin des Kantons Zürich, wo sie der Gesundheitsdirektion vorsteht. Sie gilt als sehr imagebedachte, aber durchsetzungsstarke Regierungsrätin. Zuletzt überlegte sie sich eine Kandidatur als Ständerätin, sagte schliesslich aber ab. Auch Nachfolgerin von Ueli Maurer wollte sie nicht werden. Nun will sie auch nicht Nachfolgerin von Guy Parmelin werden, wie sie im Interview erklärt.

Esther Friedli, Ständerätin SG, 49 Jahre

Ständerätin Esther Friedli.

Keystone

Sie gehörte 2022 zu den prominentesten Namen, die auf eine Kandidatur für die Nachfolge von Ueli Maurer verzichteten. Erstaunlich war nicht zwingend der Verzicht (sie zielte auf den frei werdenden Ständeratssitz), sondern, dass Esther Friedli damals erst drei Jahre im Nationalrat sass.

Friedli gilt seit je als konziliant im Ton und hart in der Sache. Ein Rezept, das sie weit über die eigene Parteibasis wählbar machte: Nach knapp vier Jahren im Nationalrat wurde die gebürtige Bernerin Friedli nach dem Rücktritt des St. Galler Urgesteins Paul Rechsteiner im Frühjahr 2023 in den Ständerat gewählt – mit einem Wähleranteil, der deutlich über jenem der (in St. Gallen) bereits starken SVP lag.

Doch Friedli hat ein Problem: Mit Karin Keller-Sutter ist der Kanton St. Gallen bereits im Bundesrat vertreten. Die Kantonsklausel ist längst Geschichte, trotzdem bleibt die Doppelvertretung die Ausnahme: Nur Zürich (zwischen 2004 und 2007 mit Christoph Blocher und Moritz Leuenberger) und Bern (zwischen 2010 und 2018 mit Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann) haben dieses Kunststück seit 1999 geschafft.

Nun sagt sie einem Portal namens «Toggenburg 24», sie wolle sich lieber auf ihr Amt als Ständerätin konzentrieren – und Toni Brunner, mit dem sie das Gasthaus zu Sonne in Ebnat-Kappel führt. Da bleibt einem wenig Zeit für die Landesregierung.

Magdalena Martullo-Blocher, Nationalrätin GR, 57 Jahre

Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher.

Keystone

Als Milliardenunternehmerin und Dossierchefin im Kampf gegen die EU-Verträge ist Magdalena Martullo-Blocher eine logische Kandidatin der SVP für den Bundesrat – und gleichzeitig eine unwahrscheinliche. Dass sie die Ems-Chemie verlässt, die sie seit Jahren erfolgreich leitet, gilt als wenig wahrscheinlich. Sie müsste einen starken blocherschen Auftrag spüren.

Zumal es in Bundesbern heisst, sie priorisiere die Politik weniger hoch, als es ihr Vater Christoph Blocher in seiner Aktivzeit tat. Legendär ist, wie oft sie sich in der wichtigen Wirtschaftskommission vertreten lässt: weil sie als Unternehmerin engagiert ist. Zudem weiss Martullo-Blocher selbst am besten: Ihre Wahlchancen in der Bundesversammlung wären klein, zu sehr wird sie sowohl aufgrund ihrer Power als auch aufgrund ihres mitunter etwas polterigen Stils im Parlament gefürchtet. Wohl deshalb hat sie sich früh selbst aus dem Rennen genommen. Am Abend von Parmelins Rücktritt sagte sie in der Politsendung Arena: Sie trete nicht an, aber sie sei überzeugt, dass sich jemand Gutes finden lasse.

Marcel Dettling, Nationalrat SZ, 45 Jahre

Parteipräsident und Nationalrat Marcel Dettling.

Karin Hofer / NZZ

Anfang Oktober hat auch der Parteipräsident, Marcel Dettling, seinen Verzicht auf eine Bundesratskandidatur mitgeteilt. Dettling sagte den Zeitungen von CH Media: «Meine Aufgabe ist das Führen der Partei.» Er wolle seine Kraft für den Kampf gegen die EU-Verträge einsetzen.

Das klingt kongruent. Dettling sagte schon im Jahr 2025 in einem Interview mit der NZZ am Sonntag: «Einen Bundesrat Dettling wird es nie geben.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Adrien Woeffray, Samuel Tanner

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