25 Jahre ist es her – im Gotthard-Strassentunnel kollidierten am 24. Oktober 2001 zwei Lastwagen frontal. Es kam zum Brand, Panik brach aus im Tunnel – elf Menschen starben. Xaver Bühlmann aus Andermatt UR war damals als Feuerwehrmann im Einsatz. Auch ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe sind ihm die Ereignisse noch in schmerzlicher Erinnerung.

Xaver Bühlmann

Ex-Feuerwehrmann

Xaver Bühlmann aus Andermatt war 2001 beim Festungswachtkorps und hatte regelmässig Pikettdienst bei der Schadenwehr Gotthard im Werkhof Göschenen. Damals 43 Jahre alt, sass er als Zivil-Feuerwehrmann im ersten Löschfahrzeug, das von Norden her zum Brand im Gotthardtunnel ausrückte.

SRF: Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als der Notruf kam?

Xaver Bühlmann: Nach der Znünipause kam die Meldung auf meinen Pager: «Unfall im Gotthardtunnel. Zwei Lastwagen sind zusammengeprallt.» Ich lief sofort ins Feuerwehrmagazin, zog meine Schutzkleidung an und fuhr gemeinsam mit meinen drei Kollegen mit dem Löschfahrzeug in den Gotthardtunnel hinein – mit Sirenen und Blaulicht.

Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Ich hatte ein mulmiges Gefühl, denn es war mein erster grosser Einsatz. Ich wusste nicht, was mich erwartete, und dachte: einfach möglichst schnell hin. Unterwegs bekamen wir laufend neue Informationen. Es hiess: «Brand in Nische 68.» Wir wussten, das ist nahe am Südportal und wir würden einige Minuten brauchen.

Ich habe selbst zwei Kinder, dieser Anblick bedrückt mich noch heute.

Wie war die Lage im Tunnel?

Wir hatten Probleme, zum Brand zu gelangen. Im Tunnel kamen uns viele Fahrzeuge entgegen, die vor dem Brand geflohen waren. Auf unserer Fahrspur standen Autos still, weil die Ampeln auf Rot umgestellt hatten. Unser Plan war, 500 Meter vor dem Brand zu parkieren. Bereits drei Kilometer vor der Brandstelle kam uns im Tunnel eine gewaltige Walze aus dichtem Rauch entgegen. Wir hielten sofort an, um unsere Atemschutzmasken anzuziehen.

Legende: Xaver Bühlmann im Gotthardtunnel – in der Nische, in der er und seine Kollegen vor 25 Jahren nicht mehr weiterkamen. SRF Anna Hug

Hatten Sie Angst?

Als die Rauchwalze auf uns zurollte, bekam ich Angst. Das hätte allen Angst gemacht. Wir wussten ja, dass wir noch drei Kilometer vom Brand entfernt waren. Dass sich Rauch so schnell ausbreitet, das kannten wir nicht. Deshalb hielten wir an, um nicht selbst in Gefahr zu geraten. Die Atemschutzgeräte hatten wir damals nicht in der Kabine. Wir mussten aussteigen, um sie anzuziehen.

Was geschah dann?

Ich war noch relativ neu im Korps und hatte Probleme mit dem Atemschutzgerät. Der Rauch hatte uns schon erreicht. Ein Kollege half mir mit der Maske und wir flohen in den angrenzenden Schutzraum. Ein anderer Kollege kam nach uns rein. Er war blass, hustete und musste sich übergeben. Später musste er wegen einer Rauchgasvergiftung ins Spital.

Brandkatastrophe im Gotthard-Strassentunnel 2001

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  • Bild 1 von 9. Während des Brandes am 24.10.2001 kommt dichter schwarzer Rauch aus dem Gotthard Süd-Portal in Airolo. Bildquelle: Keystone/SDA Giuliano Giulini.

  • Bild 2 von 9. Mehrere Fahrzeuge brennen im Tunnel komplett aus – darunter ein Lastwagen, der Reifen geladen hatte. Bildquelle: Keystone/SDA Kantonspolizei TI.

  • Bild 3 von 9. Erst am Tag nach dem Unfall können die Rettungskräfte wirklich vor Ort arbeiten. Bildquelle: Keystone/SDA Karl Mathis.

  • Bild 4 von 9. Am Tag nach dem Brand sind Bundespräsident Moritz Leuenberger und Tessiner Staatsrat Marco Borradori vor Ort. Bildquelle: Keystone/SDA Kantonspolizei TI.

  • Bild 5 von 9. Die Überreste der ausgebrannten Fahrzeuge sind teilweise kaum zu identifizieren. Bildquelle: Keystone/SDA Luca Bruno.

  • Bild 6 von 9. Gewaltige Hitze von rund 1200 Grad deformierte die Fahrzeuge. Bildquelle: Keystone/SDA/Ti-Press Gabriele Putzu.

  • Bild 7 von 9. Wegen der Hitze beim Brand lösen sich die Deckenplatten aus Beton. Bildquelle: Keystone/SDA Kantonspolizei TI.

  • Bild 8 von 9. Zwei Tage nach dem Brand im Gotthardtunnel. Bildquelle: Keystone/SDA/AP Photo Luca Bruno.

  • Bild 9 von 9. Rund einen Monat nach der Katastrophe gedenken Rettungskräfte der Opfer vor dem Süd-Portal in Airolo. Bildquelle: Keystone/SDA Karl Mathis.

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Da mussten Sie einsehen, dass Sie nicht zum Brand vorrücken können?

Wir unternahmen noch einen Versuch. Ich musste wegen der schlechten Sicht zu Fuss vor dem Löschfahrzeug hergehen. Nach wenigen Metern brachen wir ab. Die Luft war klebrig und voller Russ. Die Scheiben des Fahrzeugs und der Schutzmasken schwärzten sich sofort. Mit jeder Minute wurde es wärmer, obwohl wir noch drei Kilometer vom Brand entfernt waren. Da sahen wir ein, dass es zwecklos war, und sammelten uns wieder im Schutzraum.

Kommen diese Erinnerungen heute noch hoch, wenn Sie durch den Gotthardtunnel fahren?

Ich habe Respekt vor dem Tunnel. Der Gegenverkehr ist gefährlich. Es muss nur jemand am Steuer einschlafen und viele fahren übermüdet durch den Tunnel. Auch sonst denke ich oft an diese Zeit zurück. Als sich der Rauch aus dem Tunnel langsam verzogen hatte, sah ich einige Todesopfer. Auch eine Familie mit zwei Kindern – alle leblos im Auto. Ich habe selbst zwei Kinder, dieser Anblick bedrückt mich noch heute.

Das Gespräch führte Anna Hug.

Source: SRF · 24.10.2026, 13:00

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