Gut ist im KI-Zeitalter nicht mehr gut genug: Amazon und Alphabet enttäuschen die Anleger

Die beiden Tech-Riesen zeigen in ihrem traditionellen Geschäft ungewohnte Schwächen. Das gibt den Kritikern Nahrung, die den starken Ausbau der KI-Infrastruktur als nicht nachhaltig erachten.

30.10.2026, 02.32 Uhr

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Luftaufnahme eines Amazon-Rechenzentrums in Virginia: KI-Dienstleistungen machen einen immer grösseren Anteil am Umsatz des Onlinehändlers aus.

Luftaufnahme eines Amazon-Rechenzentrums in Virginia: KI-Dienstleistungen machen einen immer grösseren Anteil am Umsatz des Onlinehändlers aus.

Jonathan Ernst / Reuters

Die Börse verliert mit den grossen Tech-Konzernen, die sich mit Milliardeninvestitionen zu KI-Unternehmen weiterentwickeln wollen, langsam die Geduld.

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Am Mittwoch hatte bereits Google-Mutterkonzern Alphabet die Anleger mit seinen Quartalszahlen stark enttäuscht: Die Einnahmen aus dem Cloud- und KI-Geschäft nahmen zwar deutlich zu, allerdings litt das klassische Geschäft mit der Online-Suche, das noch immer die Hälfte des Umsatzes beisteuert. Am Donnerstag verloren die Aktien fast 13 Prozent an Wert. Der Marktwert von Alphabet schrumpfte um rund 500 Milliarden – so viel wie nie zuvor an einem Tag.

Am Donnerstagabend war die Reihe an Amazon. Und auch hier zeigten die Investoren wenig Gnade, allerdings aus anderen Gründen. Die Cloudspeicher-Sparte des Unternehmens, AWS, verzeichnete ebenfalls ein starkes Wachstum von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Für Stirnrunzeln sorgte dagegen der Onlinehandel: Die Umsatzprognose fürs Weihnachtsquartal fällt schwächer aus als gedacht. Amazon rechnet damit, dass sich die Kunden aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten und steigender Benzinpreise vor den Festtagen beim Shopping zurückhalten könnten. Auch der Nettogewinn von 20,7 Milliarden Dollar und ein Quartalsumsatz von 202 Milliarden Dollar liegen etwas unter den Erwartungen der Wall Street. Im nachbörslichen Handel am Donnerstag wurden die Amazon-Aktien 4 bis 5 Prozent niedriger gehandelt.

Die Gewinne reichen nicht mehr

So unterschiedlich die Ausgangslage für Amazon und Alphabet ist, die zwei Giganten kämpfen mit einem ähnlichen Problem: Obwohl ihr direkter und indirekter Umsatz mit KI-Anwendungen stark wächst, sind sie noch immer auf ihr sehr profitables Stammgeschäft angewiesen, um die enormen Investitionen zu schultern, die sie für den Bau neuer Rechenzentren verwenden.

Wenn dieses Stammgeschäft stockt, stellen die Anleger unweigerlich auch die Nachhaltigkeit der KI-Investitionen infrage. Im Falle von Amazon lässt sich die Enttäuschung zum Teil mit etwas überzogenen Erwartungen des Marktes erklären; der Quartalsumsatz lag nämlich am oberen Ende der Bandbreite von 197 bis 202 Milliarden Dollar, die Amazon Ende Juli kommuniziert hatte.

Bei Alphabet sind die Sorgen grundsätzlicherer Natur: Der Konzern hat offengelegt, dass der «KI-Modus», den die Kunden bei der Google-Suche vermehrt nutzen, die Einnahmen aus der klassischen Onlinesuche schmälern. Der KI-Modus wird als fortlaufende Konversation zwischen Mensch und Modell dargestellt und ist noch weitgehend werbefrei, im Unterschied zur Liste an Suchresultaten, die bekanntlich mit Anzeigen gespickt ist.

Schon von einer Krise zu sprechen, wäre übertrieben; der Umsatz der Such-Sparte nahm immerhin um 12 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, auf 63,4 Milliarden Dollar. Die Wall Street hätte sich aber ein deutlich flotteres Wachstumstempo gewünscht.

Mehr Chips, immer mehr Chips

Gleichzeitig halten sich Amazon wie Alphabet nicht zurück mit dem Kauf von KI-fähigen Chips und dem Bau von Datencentern. Der Google-Konzern hat in diesem Quartal mehr als 51 Milliarden Dollar investiert – deutlich mehr, als er an Gewinn einspielen konnte. Alphabet wies daher zum zweiten Mal in Folge einen negativen Cashflow von -9,1 Milliarden Dollar auf. Vereinfacht gesagt heisst das: Es hat in den vergangenen drei Monaten mehr Geld die Firmenkasse verlassen, als hineingeflossen ist.

Für die Aktionäre bleibt das eine ungewohnte Erfahrung: Seit dem Börsengang 2004 hatte der Google-Mutterkonzern immer einen positiven Cashflow aufgewiesen – bis er zuletzt die Investitionen in KI-Infrastruktur stark erhöhte.

Das vergrössert die Sorge der Anleger, dass sich die immensen Investitionen in Rechenzentren für die Hyperscaler nie wirklich rechnen werden. Entweder weil der zunehmende politische Widerstand gegen Rechenzentren den Ausbau stark verzögert oder weil die Zahlungsbereitschaft der Kunden für die besten KI-Modelle beschränkt bleibt.

Alphabet und Amazon sind eng mit dem führenden Modell-Hersteller Anthropic verbunden, der einen baldigen Börsengang plant. Einerseits haben beide Grosskonzerne früh in das Startup investiert und halten daher grössere Anteile, die bei einem erfolgreichen Börsengang weiter an Wert gewinnen.

Andererseits ist Anthropic der grösste Kunde der beiden Hyperscaler, wie der jüngst publizierte Börsenprospekt zeigt: Bei Amazon hat Anthropic bis ins Jahr 2036 bereits 110 Milliarden Dollar an Rechenleistung fix gebucht, bei Google sind es über 114 Milliarden bis ins Jahr 2036. Das Verluste schreibende Jungunternehmen macht somit jeweils fast einen Viertel des entsprechenden Auftragsbestands von Alphabet und Amazon aus.

Damit noch nicht genug: Anthropic ist für den Verkauf seiner Dienstleistungen stark auf die beiden Partner angewiesen. Fast die Hälfte des Umsatzes mit seinen KI-Modellen der Claude-Familie erzielt es über die Plattformen von Amazon (Bedrock) und Alphabet (Vertex AI).

Die lange Sicht zählt

Bei Amazon beträgt der Cashflow über die vergangenen zwölf Monate hinweg gar -42,4 Milliarden Dollar; allein in diesem Quartal investierte der Konzern aus Seattle mehr als 77 Milliarden Dollar. Immerhin sind es die Anleger gewöhnt, dass Amazon mehr investiert als einnimmt. Das war bereits in der Aufbauphase von 1997 bis 2001 der Fall, als sich das noch von Jeff Bezos geleitete Jungunternehmen eine führende Position im eben erst aufkommenden Onlinehandel sichern wollte.

Auch später hat der Konzern lieber auf rasche Gewinne verzichtet, um seine Marktdominanz zu stärken. Ab 2021 baute Amazon seine Logistik und Verteilzentren beispielsweise noch einmal deutlich aus, um den pandemiebedingten Boom von Lieferservices zu bewältigen.

Angesichts des Abverkaufs der Google-Aktien könnte man meinen, dass die Anleger aufgrund der vielen Warnungen vor einer KI-Blase in Panikmodus verfallen sind. Dass dem nicht so ist und die Investoren nicht alle Hyperscaler in einen Topf werfen, zeigt das Beispiel Microsoft. Das Unternehmen aus Redmond hat am Mittwoch ein starkes Wachstum seines Cloud-Geschäfts (Azure) und des Konzerngewinns kommuniziert. Das im Frühling lancierte Sparprogramm scheint Früchte zu tragen. Die Aktie wurde am Donnerstag höher gehandelt als noch zu Wochenbeginn.

Seit Jahresbeginn haben Microsoft an der Börse um 12 Prozent und Amazon um 8 Prozent zugelegt, während Alphabet 9 Prozent im Minus liegt. Das Team um Google-Chef Sundar Pichai hat viel Überzeugungsarbeit vor sich.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · André Müller

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