Gastbeitrag
Frankreich ist nur der Vorbote
Nach einem Jahrzehnt «Willkommenskultur» erleben wir in Frankreich die Folgen: exzessive Gewalt, offene Verachtung unserer europäischen Werte und gleichzeitig eine anhaltende Realitätsverweigerung von grossen Teilen der Medien und der Eliten.
Sebastian Kurz28.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Wenn Gewalt die politischer Debatte ersetzt: brennende Autos und geplünderte Läden in Paris.
Carl Court / Getty
Die Bilder, die uns in den letzten Wochen aus Frankreich und aus immer mehr europäischen Ländern erreichten, sind zutiefst erschütternd: brennende Kirchen, Schulen und Rathäuser, plündernde Mobs, ungehemmte Gewalt gegen Polizisten.
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Es treten die schlimmsten Befürchtungen ein, vor denen ich während meiner Zeit in der Politik gewarnt habe. Und dennoch trifft es einen hart, wenn sie tatsächlich eintreten und man sieht, wie sich Hass und Gewalt ungehemmt Bahn brechen.
Realitätsverweigerung
Und es ist nicht so, dass wir nicht gewarnt worden wären: Der Aussenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Abdullah bin Zayed, warnte bereits im Mai 2017 davor, dass Europa wegen seiner politischen Korrektheit und seiner Unentschlossenheit einen massiven Anstieg von islamistischem Extremismus und Terrorismus sehen wird. Konkret sagte er bereits vor knapp zehn Jahren: «Die Stimmen, die wir hören, die zu Mord, Blutvergiessen und zum Raub des Vermögens anderer Menschen aufrufen, kommen aus London, Deutschland, Spanien und Italien.» Aber Europa wollte nicht hören.
Und noch immer verweigern sich Teile der politischen Klasse und der Medien der Realität, wenn sie die Ausschreitungen als «Schülerproteste» verharmlosen und vor allem das Vorgehen der Polizei problematisieren.
Ich möchte es ganz klar sagen: Wer Kirchen, Rathäuser und Schulen in Brand steckt, Synagogen verwüstet, Geschäfte plündert und Mitbürger terrorisiert, verdient nicht unser Verständnis, sondern muss die volle Härte des Rechtsstaats spüren.
Denn was in Wirklichkeit hinter den Protesten steckt, sind nicht Schüler mit der Forderung nach besserer Ausstattung ihrer Klassenzimmer oder mehr Lateinunterricht, sondern eine toxische Verbindung aus Linksradikalen und dem politischen Islam.
Die Linke gibt sich gerne als Hüterin der Aufklärung. Wer aber unter dem Banner der Palästina-Solidarität Islamisten hofiert, verrät die Werte der Aufklärung. Was soll Judenhass mit besseren Schulen zu tun haben?
Wie schnell daraus Judenhass wird, zeigen die Ausschreitungen: In Paris wurde eine Synagoge verwüstet, in Marseille brannten Geschäfte jüdischer Besitzer. Jüdinnen und Juden in Frankreich fragen sich zu Recht, ob sie in ihrem eigenen Land noch sicher sind. Ein Europa, in dem jüdisches Leben wieder Angst haben muss, hat aus seiner Geschichte nichts gelernt.
Wer in den Medien und in politischen Äusserungen angesichts solcher Ausschreitungen weiter das Märchen von «Jugendprotesten» erzählt, während jeder mit blossem Auge sehen kann, wie radikale Mobs Innenstädte verwüsten, zerstört das letzte Vertrauen in die Institutionen. Die Kluft zwischen der offensichtlichen Wahrnehmung auf der Strasse und der Berichterstattung wird immer grösser.
Klar, aber ohne Schaum vor dem Mund, müssen wir die Probleme benennen und daraus Lösungen ableiten.
Zuwanderung verändert die Gesellschaft
In den vergangenen Jahren sind Millionen Einwanderer nach Europa gekommen. Anfang 2025 lebten in der Europäischen Union fast 50 Millionen Menschen, die ausserhalb der EU geboren wurden. In Deutschland hat inzwischen mehr als ein Viertel der Bevölkerung eine Einwanderungsgeschichte. Während unter ihnen viele einen klaren Mehrwert für Europa bringen, wurde zu lange so getan, als würde sich das Zusammenleben einfach von allein regeln.
Dabei geht es besonders auch um Ansichten, die mit den Werten Europas kaum vereinbar sind. In einer Umfrage des französischen Meinungs- und Marktforschungsinstituts Ifop von 2025 äusserte etwa ein Viertel der befragten Muslime in Frankreich Sympathie für die Muslimbruderschaft, eine gefährliche Bewegung des politischen Islam.
Die Folgen der Migration lassen sich zudem nicht an der Zahl der neu gestellten Asylanträge allein ablesen. Zuwanderung verändert eine Gesellschaft auf Jahrzehnte. Dazu tragen die jüngere Altersstruktur vieler Einwanderergruppen und die viel höheren Geburtenziffern bei.
Wer nur auf die Asylzahlen des nächsten Monats schaut, übersieht die langfristigen Folgen für Schulen, Wohnraum und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Die Konsequenz sollte nicht sein, dass wir keine Einwanderung mehr haben. Europa braucht die besten Köpfe der Welt. Aber wir müssen selbst festlegen, wer zu uns kommt. Und wer sich nicht integrieren möchte und gegen unsere Werte verstösst, muss wieder gehen. Dazu braucht es wirksame Grenzkontrollen, klare Regeln und einen Staat, der bereit ist, diese auch durchzusetzen.
Ich habe selbst erlebt, wie viel politischen und medialen Widerstand die Forderung nach einer restriktiven Migrationspolitik auslösen kann. Aber wer Verantwortung übernimmt, muss diesen Widerstand aushalten. Wenn die Parteien der Mitte diese Auseinandersetzung scheuen, öffnen sie den Radikalen Tür und Tor.
Wir müssen die Migrationspolitik vom Kopf auf die Füsse stellen. Länder in Zentral- und Osteuropa machen es vor. Ein Besuch in Budapest, Warschau oder Prag ist wie eine Zeitreise in das Europa vor der Flüchtlingskrise. Diese Länder wurden für ihre Haltung zur Migration jahrelang kritisiert. Die Bilder aus Paris, Mailand und Brüssel zeigen, wie recht sie hatten.
Jetzt ist die vielleicht letzte Chance zu handeln, bevor wir das Europa, das wir kennen und lieben, verlieren. Wenn wir nicht sofort umsteuern, erleben wir dieselben Szenen in Berlin, Wien und München. Frankreich ist nur der Vorbote.
Sebastian Kurz war von Dezember 2017 bis Mai 2019 und von Januar 2020 bis Oktober 2021 Bundeskanzler der Republik Österreich; heute ist er als international agierender Berater tätig.
Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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