Gastbeitrag

Arbeit verteuern ist keine Strategie für das KI-Zeitalter

AHV, IV, Elternzeit: Immer öfter soll die Arbeit die Rechnung bezahlen. Ausgerechnet jetzt, da künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernehmen kann. Wer Arbeit verteuert, macht die Maschine attraktiver.

Patrick Chuard-Keller06.11.2026, 05.20 Uhr

3 Leseminuten


Im Arbeitsmarkt setzt sich häufiger die Maschine durch. Nicht weil sie besser ist, sondern weil der Mensch teurer wird.

Im Arbeitsmarkt setzt sich häufiger die Maschine durch. Nicht weil sie besser ist, sondern weil der Mensch teurer wird.

Karin Hofer / NZZ

Knapper geht es kaum: Mit 98 zu 96 Stimmen lehnte der Nationalrat im Juni höhere Lohnbeiträge für die 13. AHV-Rente ab. Vom Tisch sind sie damit nicht. Selbst mit höherer Mehrwertsteuer und Bundesbeitrag wäre die Rente erst zur Hälfte finanziert, und für die nächste AHV-Reform hat der Bundesrat höhere Lohnbeiträge bereits als Szenario zur Diskussion gestellt.

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Für die IV hält er sich zusätzliche Lohnprozente offen. Die Mitte-Initiative zur Aufhebung der Plafonierung der Ehepaarrenten kostet Milliarden und lässt die Finanzierung offen. Die Familienzeit-Initiative will die Elternzeit über Lohnbeiträge bezahlen. Die Vorhaben sind verschieden, die Adresse der Rechnung ist dieselbe: die erwerbstätige Bevölkerung. Nur eine zahlt nie mit: die Maschine.

Arbeit ist teuer

Ein Betrieb kann Belege von einer Sachbearbeiterin erfassen lassen oder von einer Software. Eine Kundenanfrage kann ein Mensch beantworten oder ein Chatbot. Wo die künstliche Intelligenz menschliche Arbeit ersetzen kann, geben im internationalen Wettbewerb die Kosten den Ausschlag. Dann setzt sich die Maschine durch, nicht weil sie besser ist, sondern weil der Mensch teurer wird.

Leistungen auf dem Niveau des ersten Chat-GPT-Modells kosten heute nur noch einen Bruchteil von damals. Menschliche Arbeit dagegen verteuern wir laufend: mit Regulierung, Mindestlöhnen und höheren Sozialversicherungsbeiträgen. Und dann sorgen wir uns um Arbeitsplätze.

Wie stark KI den Arbeitsmarkt bereits verändert hat, ist offen. Erste Anzeichen mahnen zumindest zur Vorsicht. In gewissen Branchen gibt es im Verhältnis zum Angebot an Arbeitskräften weniger offene Stellen als noch vor wenigen Jahren, und Firmen schreiben weniger Juniorstellen aus. Wie viel davon auf KI zurückgeht, wie viel auf die Konjunktur oder andere Faktoren, lässt sich nicht sagen. Klar ist: Einsteiger brauchen Einarbeitung, und manche Tätigkeiten, durch die sie bisher lernten, lassen sich zunehmend automatisieren. Wer solche Stellen zusätzlich verteuert, macht sie unattraktiver.

Geht uns deshalb die Arbeit aus? Nein. Technischer Wandel verdrängt Tätigkeiten und schafft neue. KI kann Beschäftigte entlasten und Lücken füllen, die die Alterung hinterlässt. Für unseren Wohlstand ist das eine grosse Chance. Packen können wir sie aber nur, wenn die Bevölkerung den Wandel mitträgt.

Ob das gelingt, hängt von Tempo und Ausmass des Wandels ab. Der Arbeitsmarkt kann grosse Umbrüche verkraften, sofern sie sich über die Zeit verteilen. Wer genügend Zeit hat, kann sich weiterbilden und neue Aufgaben übernehmen. Müssen zu viele zugleich umsteigen, kippt die Stimmung. Höhere Lohnkosten machen die Automatisierung bei immer mehr Stellen rentabel und beschleunigen den Wandel.

Die Schweiz hat gute Karten

Die Schweiz hat für den Wandel durch KI gute Karten: einen flexiblen Arbeitsmarkt, eine Berufsbildung, die sich am Bedarf der Wirtschaft orientiert, und Sozialpartner, die branchengerechte Lösungen finden. Diese Stärken sollten wir nutzen, statt am eigenen Stuhl zu sägen. Liegt ein gesetzlicher Mindestlohn deutlich über dem, was eine Stelle erwirtschaftet, reagieren Betriebe mit höheren Preisen, weniger Stunden, anderer Personalauswahl oder Automatisierung. Die Sozialpartner dagegen stimmen Löhne, Arbeitszeit und Weiterbildung auf ihre Branche ab.

Auch die Sozialwerke brauchen strukturelle Reformen statt immer neuer Lohnprozente. Fassen wir deshalb das heisse Eisen Referenzalter an, und stellen wir neue Leistungen auf den Prüfstand. Wer mit ihnen die Arbeit verteuert, setzt gerade jene unter Druck, denen er helfen will.

Auf den Preis der Rechenleistung hat die Schweiz keinen Einfluss. Auf den Preis der Arbeit schon. Die Maschine wird jedes Jahr billiger, ganz ohne unser Zutun. Die Politik muss ihr nicht auch noch den Steigbügel halten, schon gar nicht über die Lohnabrechnung.

Patrick Chuard-Keller ist Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes.

Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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