Gastbeitrag
An den einschlägigen Russlandbildern der Deutschen fällt auf, dass sie sehr viel über die Deutschen selber aussagen
Historisch waren die deutsch-russischen Beziehungen eine vertrackte Sache voller Widersprüche. Oft war der Grad gegenseitiger Bewunderung hoch, daneben gab es auch scharfe Ablehnung. Putin weiss die verbreitete deutsche Russland-Sentimentalität zu nutzen.
Gwendolyn Sasse02.11.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Michail Gorbatschow (Bildmitte), hier mit Gespräch mit Helmut Kohl (rechts) und Hans-Dietrich Genscher (links), ist bis heute Bezugspunkt für ein vielfach verklärtes Russlandbild in Deutschland.
Roberto Pfeil / AP
Der Begriff der hybriden Kriegsführung ist mittlerweile allgegenwärtig im politischen und medialen Diskurs Europas. Fast täglich testet Russland mit Drohnen, Sabotage und Cyberangriffen die europäischen Nato-Länder an der Schwelle zur offenen Auseinandersetzung.
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Für Deutschland war die explizite Attribuierung des vereitelten Angriffs auf den Leipziger Flughafen mittels einer mit Sprengstoff bestückten Drohne ein Novum. Gewissheit sendet ein anderes Signal als vage Formulierungen – nach innen und nach aussen.
Gegenmassnahmen zu entwickeln, ist jedoch ein langwieriger Prozess, der mit dem vom Kreml vorgegebenen Tempo kaum mithalten kann. Gezielte Desinformation und Unterstützung für demokratiefeindliche Kräfte sind ein wichtiger Bestandteil von Russlands Strategie. Es geht dem Kreml darum, die Unterstützung für die Ukraine und den Zusammenhalt innerhalb der Nato zu untergraben und westliche Demokratien zu schwächen. Mit beiden sieht sich Moskau nach der eigenen Rhetorik schon längst im direkten Krieg. Jede zusätzliche Verunsicherung von Bevölkerung und Führung in Europa ist eine Zielmarke der russischen Aussenpolitik.
Panikmache als Strategie
Geheimdienste in Europa sowie die CIA haben in den vergangenen Wochen verstärkt davor gewarnt, dass Russland seine hybriden Angriffe auf Europa verstärken werde. Manche gingen so weit, zu behaupten, dass binnen Monaten ein grösserer Angriff auf Nato-Territorium möglich bis wahrscheinlich sei. Im Gegenzug warnten die Dienste und Politiker der baltischen Staaten und Finnlands nachdrücklich vor Panikmache als Teil der russischen Strategie.
Letztlich obliegt die Verteidigung des Gemeinwesens nicht nur einer schlagkräftigen Armee, sondern auch der aufgeklärten Bürgergesellschaft.
Den Stimmen aus osteuropäischen Ländern, deren Politik und Gesellschaften seit langem auf mögliche Gefahren von russischer Seite fokussiert sind, kommt dabei ein besonderes Gewicht zu. An ihnen wird deutlich, wie gross in Europa die Unterschiede in der Vorbereitung auf eine mögliche Aggression und im Umgang mit Unsicherheit sind. Deutschland ist ohne Frage zu einem Zentrum für russische Desinformation und hybride Angriffe unterschiedlicher Art geworden. Der Kreml findet hier offensichtlich vielerlei Anknüpfungspunkte in Politik und Gesellschaft.
Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sind ein Brennglas, das einen scharfen Blick auf die deutsche Politik erlaubt. Die einstmals grossen Volksparteien CDU und SPD stehen unter beträchtlichem Druck und erreichen ihre einstigen Wähler kaum noch, die AfD nimmt sich immer mehr Raum in Landtagen und im öffentlichen Diskurs, und der Linkspopulismus verzeichnet in unterschiedlichem Ausmass auf Länderebene als Sammelbecken der Unzufriedenen Zulauf.
Eine Konstante in diesen Dynamiken sind Bezüge zu Russland und zum Frieden. Die Rhetorik von AfD und BSW ist hier deckungsgleich, die Linke distanziert sich wohl vom völkerrechtswidrigen Krieg, reiht sich aber in den vagen Ruf nach Frieden ein, der Waffen gegen Diplomatie ausspielt, obgleich die Geschichte von Kriegen zeigt, dass es beides zum Erreichen und Absichern eines Friedens braucht.
Sicherheit ist zu einem zentralen Wahlkampfthema geworden, und diverse Akteure machen sich Verunsicherung und Angst inmitten von Krisen und internationalen Konflikten zu eigen. Eine besondere Rolle spielen dabei in Deutschland Bilder von Russland, die nur bedingt mit der politischen Realität der russischen Innen- und Aussenpolitik zu tun haben und genau deshalb erfolgreich instrumentalisiert werden können. Das Bild «vom Anderen» hat immer verschiedene Funktionen – und es sagt stets viel über einen selbst aus. An den einschlägigen Russlandbildern der Deutschen fällt auf, dass sie sehr viel über die Deutschen selber aussagen.
Zwei Denktraditionen
Die deutsch-russische Geschichte ist geprägt von wechselseitigen Projektionen, die nicht selten den anderen verklärten und gleichermassen Freund- und Feindbilder schufen. Erhalten hat sich sowohl die Ambivalenz als auch die Präsenz dieser Bilder. Deutschland besitzt keineswegs ein Monopol auf realitätsferne Russlandbilder, aber ihre Wirkungsmacht wird dieser Tage besonders deutlich.
Es lassen sich verschiedene Denktraditionen unterscheiden, die zwischen zwei Polen angesiedelt sind: Russland als Utopie oder realistische Alternative, Russland als Partner oder Freund sowie Russland als Risiko oder Feind. Historische Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle aller Art fliessen in diese Denkräume ein und verdichten sich zu Ideen und Erwartungen. Die Denkräume sind nicht hermetisch voneinander geschieden, sie können sich überlappen, und auch ihre Oszillationsräume schaffen Platz zur Selbstverortung.
Die deutsche Russlandpolitik ist in den Jahren seit dem Beginn der Invasion der Ukraine kritisch betrachtet worden, insbesondere durch detaillierte Recherchen zu den Hauptakteuren. Politik entsteht jedoch nicht im luftleeren Raum, vornehmlich von Eliten geprägt, sondern sie steht in enger Wechselwirkung zu gesellschaftlichen Resonanzräumen. Erst ein genauerer Blick auf die Sicht von unten vervollständigt das Bild der deutschen Politik gegenüber Russland.
Diese Perspektive in die Debatte einzuführen, ist aufwendig und erfordert genaues Zuhören über längere Zeiträume hinweg. Umfragen vermitteln, je nach Fragestellung, Momentaufnahmen vom Gesamteindruck; Gruppendiskussionen und Interviews mit Menschen machen die jeweiligen Bilder dreidimensionaler und greifbarer. Dabei fällt auf, dass Michail Gorbatschow in Ost- und in Westdeutschland eine feste Bezugsgrösse in der Wahrnehmung Russlands ist. Verklärende Erinnerungen an seine Politik der Öffnung und Dankbarkeit dafür, dass die Wiedervereinigung durch sie friedlich verlief, scheinen den Blick auf das heutige Russland unter Putin zu trüben.
In positiven Bildern von Putin drückt sich eine autoritäre Grundhaltung aus. In Diskussionen und Interviews werden sein Führungsstil und seine vermeintliche Durchsetzungskraft mit der schwierigen Entscheidungsfindung in der deutschen oder der EU-Politik kontrastiert. Zwar fällt es schwer, Russlands Vollinvasion der Ukraine 2022 zu rechtfertigen, dennoch gelingt es deutschen Putin-Adepten immer wieder, den verbrecherischen Angriffskrieg aus dem heilen Russland-Bild auszusparen. Putins Verhalten wird psychologisiert oder mit der Verletzung russischer Sicherheitsinteressen durch die Nato-Osterweiterung verknüpft.
Nicht nur die AfD oder das BSW, auch ostdeutsche SPD- und CDU-Ministerpräsidenten sowie deutsche Medien generell beziehen sich regelmässig auf eine Russland-Nähe der Deutschen, die in der DDR lebten oder später geboren wurden. Bei genauerer Betrachtung ist diese Annahme fragwürdig. Ost- und Westdeutschland sind ohnehin keine klaren Bezugsgrössen, nicht zuletzt aufgrund von Mobilität, Generationenwechsel, Strukturwandel und äusserst unterschiedlichen Transformationserfahrungen seit 1990. Darüber hinaus steckt in der implizierten Gleichsetzung der Sowjetunion von damals mit dem Russland von heute ein unzulässig weiter Gedankensprung.
Es gehört zu den Hinterlassenschaften autoritärer Systeme, dass sich Menschen ihre eigenen Erinnerungen neu und häufig linearer ordnen. Dies erfolgt auch mit Blick auf die Russen in der DDR, die von einigen, aber nicht von allen aus heutiger Perspektive stärker als Freunde erinnert werden, als sie es im Alltag der DDR wirklich waren. Der Wunsch nach guten Beziehungen zu Russland, die Ukraine als unverstandene Leerstelle im Blick gen Osten und die Distanzierung von der Aussenpolitik der Bundesregierung insgesamt bieten Potenzial für politische Mobilisierung – auch über die AfD und das BSW hinaus.
Wie passt Russland oder Russlands Krieg zur Frage der Sicherheit? Zahlreiche Umfragen haben in den letzten Jahren dokumentiert, dass die Mehrheit der Deutschen Russland als Bedrohung wahrnimmt – mit einer Differenz zwischen Ost- und Westdeutschland, die einen merklichen Anstieg erfahren hat. Wenn die Frage ganz allgemein formuliert wird, spielen Russlands Aggression und der Krieg in der Ukraine so gut wie keine Rolle.
Erstaunliche Diskrepanz
Eine Umfrage im November 2025 liess lediglich 6 Prozent an Russlands Invasion der Ukraine denken. Die persönliche Sicherheit im öffentlichen Raum, die Sicherheit von Familie und Freunden sowie die finanzielle Absicherung waren die Hauptassoziationen (benannt von etwa 29, 25 und 20 Prozent). Diese Antworten standen im Kontrast zu den Antworten auf eine Frage nach der gefühlten Nähe des Krieges: Eine Zweidrittelmehrheit sagte, er gehe sie etwas an – wobei die Unterscheidung zwischen Ost und West kein relevanter Faktor war.
Die erstaunliche Diskrepanz in der Wahrnehmung von innerer und äusserer Sicherheit muss sowohl von der Politik als auch im direkten gesellschaftlichen Austausch angegangen werden. Es ist zu einem Gemeinplatz der Politik geworden, zu sagen, dass Innen- und Aussenpolitik eng miteinander verknüpft sind. Aber offensichtlich schlägt sich das kaum im gesellschaftlichen Bewusstsein nieder.
Solange in Bezug auf Putins Russland die Diskrepanz so gross bleibt und Desinteresse sowie Verdrängung greifen, wird es unmöglich sein, die auf dringende Investitionen in militärische Kapazitäten verengte Debatte gesamtgesellschaftlich zu weiten. Im Zentrum muss die Frage stehen, was es in Deutschland eigentlich zu verteidigen gilt. Letztlich obliegt die Verteidigung des Gemeinwesens nicht nur einer schlagkräftigen Armee, sondern auch der aufgeklärten Bürgergesellschaft.
Gwendolyn Sasse ist die Wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) und Einstein-Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist die Autorin von «Russland – eine deutsche Erfindung. Warum so viele bei uns Putin falsch einschätzen» (Verlag C.H.Beck, 2026).
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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