Freiheit oder Sozialismus: Das sei die zentrale Fragestellung dieser Zeit, sagt Friedrich Merz
In einer Rede outet sich der deutsche Kanzler als Anhänger des liberalen Vordenkers Friedrich August von Hayek. Genau wie dieser will sich Merz mutig für die Freiheit einsetzen – und verschweigt dabei die ordnungspolitischen Sündenfälle seiner Regierung.
05.11.2026, 16.32 Uhr
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Friedrich Merz sagt, die Werke von Friedrich August von Hayek seien ein «intellektuelles Vergnügen».
DPA
Über diese Einladung habe er sich sehr gefreut, sagt Friedrich Merz. Bei vielen anderen Auftritten muss der deutsche Kanzler gerade Themen adressieren, die ziemlich unangenehm sind. Etwa seine Reformagenda, die ins Stocken geraten ist. Oder den Umstand, dass er in den Umfragen gerade unbeliebter ist als jeder deutsche Regierungschef vor ihm.
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Friedrich August von Hayek
Getty
Am Donnerstagmittag darf Merz über jemanden reden, von dem er selber «inspiriert» sei: den liberalen Vordenker Friedrich August von Hayek. Hintergrund der Rede ist eine Konferenz der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung, die im Berliner Luxushotel Adlon Kempinski stattfindet.
Merz nennt die Auseinandersetzung mit Hayeks Werken ein «intellektuelles Vergnügen». Er beschreibt Hayek als einen liberalen Kämpfer, der mutig «gegen den Strom schwamm». Und immer wieder lässt Merz dabei durchblicken: Er würde gerne auch als solcher wahrgenommen werden.
Das Wissen ist verteilt, sagt der Kanzler
Der Kanzler beginnt seine Rede mit einem langen Zitat von Hayek. Dieser habe einmal geschrieben:
«Freiheit ist wesentlich, um Raum für das Unvorhersehbare und Unvoraussagbare zu lassen; wir wollen sie, weil wir gelernt haben, von ihr die Gelegenheit zur Verwirklichung vieler unserer Ziele zu erwarten. Weil jeder einzelne so wenig weiss und insbesondere, weil wir selten wissen, wer von uns etwas am besten weiss, vertrauen wir darauf, dass die unabhängigen und wettbewerblichen Bemühungen Vieler die Dinge hervorbringen, die wir wünschen werden, wenn wir sie sehen.»
Für Merz ist das die zentrale Erkenntnis aus Hayeks Schriften: Kein Mensch ist allwissend. Und daher sei es nicht die sozialistische Steuerung durch eine zentrale Einheit wie den Staat, die wirtschaftlich die besten Ergebnisse liefere. Sondern die Ordnung einer freien Marktwirtschaft, in der jeder sein Wissen für seine Zwecke einbringe.
Diesen Grundsatz habe Hayek sein Leben lang verteidigt, gegen alle Formen des Totalitarismus, die das 20. Jahrhundert hervorbrachte, erzählt der Bundeskanzler. Auch die CDU stehe in dieser Tradition. So habe die Partei 1976 unter dem Motto «Freiheit statt Sozialismus» Wahlkampf geführt. Und mit Blick auf die rot-grün-rote Koalition, die bald in der deutschen Hauptstadt regieren könnte, sagt Merz: «Wenn ich gerade in diesen Tagen in die Stadt Berlin hineinhöre, dann kann ich gar nicht anders als zu sagen: Freiheit statt Sozialismus ist noch immer die zentrale Fragestellung.»
Für diese Worte erhält der Kanzler lautstarken Applaus aus dem Publikum. Als er später über seine eigene Bilanz spricht, bleibt es hingegen still im Saal.
Merz schwärmt von Preissignalen – und verschweigt den Tankrabatt
Der Kanzler will an diesem Donnerstag den Eindruck erwecken, dass er sich beim Regieren auf die Ideen des Friedrich August von Hayek bezieht.
Der Staat müsse sich beschränken, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, sagt Merz. Dann zählt er Dinge auf, wo seine Regierung genau das tue: Etwa mit den geplanten Reformen für den Arbeitsmarkt, die Anreize für Beschäftigte liefern sollen. Oder in der Energiepolitik, wo er gerade das bisherige Fördersystem für Erneuerbare umbaut. Das stelle die Preissignale wieder her und sorge für eine günstigere Energiewende, sagt Merz.
Vielleicht sei es gegen den Zeitgeist, auf solche Grundsätze des freien Marktes zu setzen, glaubt Merz. «Aber wir müssen es tun.» Er werde alles tun, damit Europa nicht der «Hybris des Steuerns und Planens» verfalle.
Dass seine Regierung mit dem Tankrabatt die beschworenen Prinzipien an anderer Stelle gerade bricht, lässt der Kanzler in seiner Rede unerwähnt. Ebenso wie die Tatsache, dass der deutsche Staat Jahr für Jahr seine Ausgaben erhöht. Gerade viele bürgerliche Wähler nehmen es Merz heute noch übel, dass er bereits vor Amtsantritt mit einem Sondervermögen an der Schuldenbremse vorbei das grösste Schuldenpaket der Nachkriegszeit schnürte.
Merz sagt nur: Er wisse, dass er mit einer «durchaus nicht ganz einfachen Koalition» regiere. Aber auch Friedrich August von Hayek sei in seinem Kampf für die Freiheit immer wieder auf Widerstände gestossen.
Als Merz nach seiner Rede in der vordersten Reihe Platz nimmt, applaudieren die Mitglieder der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung höflich, aber verhalten. Jens Weidmann, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank und Vorsitzender des Stiftungskuratoriums, dankt dem Kanzler für sein «klares Bekenntnis». Als sei Regieren lediglich eine Frage des Glaubens.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jannik Belser
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