Europas Jugend probt den Aufstand: Der Gen-Z-Sozialismus erobert die Strasse 

Preiskontrollen, Enteignungen von Wohnbauunternehmen und Gratisdienste der öffentlichen Hand: Von Paris bis Berlin verlangen die Jungen, dass der Staat sie vor der Welt schützt. So viel anders als bei den Rechtspopulisten ist das nicht.

25.10.2026, 05.30 Uhr

8 Leseminuten


Studenten hüllen am nationalen Protesttag Anfang Oktober an der Place de la République in Paris die bronzene Mariannenstatue in roten Rauch.

Studenten hüllen am nationalen Protesttag Anfang Oktober an der Place de la République in Paris die bronzene Mariannenstatue in roten Rauch.

Mohammed Badra / EPA

In Paris brennen Autos. Und im Strassencafé die Zigaretten, ein Schuss Cognac hinterher. Während die Jugend protestiert, sitzt ein Paar in seinen Fünfzigern entspannt im Café, wie wenn nebenan nichts wäre.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Die Szene, aufgenommen in der Nähe des Arc de Triomphe, ist im Netz ein Quotenrenner. Und symbolisiert in den Augen der Generation Z, was sich gerade auf dem Kontinent abspielt: Während sie die Welt in Flammen aufgehen lässt, geniessen die älteren Damen und Herren in aller Ruhe die Vorzüge des Lebens.

Überall in Europa nimmt die Hitze zu. Sind es in Frankreich schlimme Zustände in den Schulen, wo Ratten in den Fluren gesichtet werden und Studienplätze fehlen, befeuern in Italien vor allem hohe Lebenshaltungskosten die Wut der Jugendlichen. In Spanien und Portugal campieren sie in den Stadtzentren, um gegen exorbitante Mieten zu protestieren.

Schon länger schwelt der Kampf der Studierenden in Albanien und Serbien, wo sich die Demos im Wesentlichen gegen die Korruption der Regierung richten. «Wir brauchen die Gewissheit, dass wir hier eine Zukunft haben», sagt Inês Carneiro, eine Theaterlehrerin aus Portugal, die auf der Praça D. João in Porto zeltet, weil die Wohnungspreise in der Stadt mittlerweile 70 Prozent des Einkommens auffressen.

Die Proteste sind ansteckend, in Deutschland hat ein Gen-Z-Bündnis zu Demonstrationen für den 31. Oktober aufgerufen – um die Kontrolle zu behalten, möchten die Veranstalter dafür Tickets verkaufen. Das klingt wie im Klischee: Die Deutschen organisieren Demos wie die Warteschlange im Postamt. Und natürlich schwimmen auch die Schweizer Juso mit, die sich für den November bereit machen.

Die Bilder der hasserfüllten Zerstörung durch einige Linksradikale und plündernde Banlieue-Jungs vernebeln, worum es der paneuropäischen Protestbewegung wirklich geht: Die Jungen sind am stärksten betroffen von dem «europäischen Malaise», der Stagnation Westeuropas, das sich angesichts wachsender Schuldenberge, einer alternden Bevölkerung und des Rückstands bei der KI verschärft.

Bildung und Soziales zu finanzieren, wird immer schwieriger mit den wachsenden Rentenbelastungen und der Notwendigkeit steigender Rüstungsausgaben. Im Geschacher um öffentliche Mittel fühlen sich die Jungen als die grossen Verlierer. Denn wenn in der KI-Welt die Jobs rarer werden, kommt es plötzlich darauf an, dass man in der Schule auch wirklich etwas lernt.

«Me first»-Sozialismus

«Macht aus dem Staat Gurkensalat»: Trotz den Krawallen entsprechen die Forderungen der heutigen Aufständischen ziemlich dem Gegenteil der berüchtigten Parole der Jugendproteste aus den 1980er Jahren. In Zeiten der Unsicherheit heisst es nicht «mehr Freiheit», sondern «mehr Staat», wie auch der «Economist» kürzlich über den Aufstieg des Gen-Z-Sozialismus feststellte. Allerdings hat dieser Sozialismus wenig zu tun mit dem real existierenden aus dem Kalten Krieg und den Grossvisionen oder Möchtegern-Wirtschaftsrevolutionen linker Vorgängerbewegungen.

Im Jargon von Donald Trump würde man von «me first» sprechen. Statt dass man sich an einem gemeinsamen Wohl abarbeitet, soll der Staat einem helfen, handfeste Alltagsprobleme zu lösen: in den Städten, wo viele Junge wohnen, mit einem Preisdeckel gegen steigende Mieten, Subventionen für Grundnahrungsmittel, unentgeltlichen Krippen und Gratis-ÖV. Einen Schritt weiter geht nach ihrem Wahlsieg die Linkspartei in Berlin. Sie will sogar grosse Immobilienkonzerne enteignen und deren Wohnungen verstaatlichen, um sie dann günstig zu vermieten.

Das wäre ein waghalsiges Experiment, denn wie das bezahlt werden soll, ohne dass die Zinslasten – und damit auch die Mieten – explodieren, steht in den Sternen. «There is no such thing as a free lunch», sagte einst der vielleicht bekannteste marktliberale Ökonom, Milton Friedman. Die Gen-Z-Klassenkämpfer sind angetreten, ihn zu widerlegen.

Auf die lästige Frage «Wer soll das bezahlen?», die die heutigen Regierungen von Mitte-rechts bis Mitte-links umtreibt, haben sie die immer gleiche Antwort: die Überreichen. Dabei ist die Spannweite gross, sie reicht von Leuten mit einem Vermögen von über 10 Millionen bis zu Milliardären. Kaum eine Überlegung wert ist ihnen dabei die Befürchtung, die sogar ihre linken Vorgänger hatten: dass die besonders Wohlhabenden die Früchte ihrer Milliarden problemlos auch anderswo geniessen könnten, wenn ihnen die Steuern zu hoch sind.

In Tirana richten sich die Proteste der Flamingo-Revolution bereits seit Mai gegen die albanische Regierung.

In Tirana richten sich die Proteste der Flamingo-Revolution bereits seit Mai gegen die albanische Regierung.

Hameraldi Agolli / AP

«Ist die Rede von Sachzwang, werden die Jungen heute skeptisch», sagt Oliver Nachtwey, Soziologe an der Universität Basel. Zu oft habe in ihren Augen die Politik damit nur verwedelt, dass sie einfach andere Prioritäten gehabt habe. Das Resultat: Junge Menschen haben immer weniger das Gefühl, politisch Einfluss zu haben. «Wenn wir auf die Strasse gehen, um unsere Meinung zu sagen, sind wir zu fordernd. Wenn wir uns nicht äussern, sind wir faul und unpolitisch. Egal was wir machen, es ist falsch», sagt die zeltende Portugiesin Inês Carneiro.

Oliver Nachtwey, Soziologe der Universität Basel.

Oliver Nachtwey, Soziologe der Universität Basel.

PD

Ohnmacht ist eines der Grundgefühle dieser Generation – von da bis zur wütenden Eskalation ist es in einer Demokratie nicht weit. Wenn alles sowieso nichts mehr bringt, bleibt nur noch der Rückzug ins Innere – oder die Flucht in die Extreme. Jetzt kocht ihr Frust wieder hoch. Und ausgerechnet der libertäre Techinvestor Peter Thiel hat es kommen sehen. «Der Kapitalismus funktioniert für mich nicht»: Früh hat er vor dieser Haltung gewarnt, die sich bei den Jungen angesichts von nicht bezahlbarem Wohneigentum und wachsenden Studienkosten ausbreite.

Aufstiegsversprechen gilt nicht mehr

Die Befindlichkeit der Jungen ist in der Tat alarmierend. Nur noch 25 Prozent der 16- bis 26-Jährigen in Europa glauben, dass es ihrer Generation einmal besser gehen werde als den Eltern, wie die TUI-Jugendstudie «Junges Europa» zeigt. Kein Wunder, liegt doch die Jugendarbeitslosigkeit in Ländern wie Frankreich, Spanien oder Italien bei 20 Prozent. Aber auch anderswo machen sich die disruptiven Folgen der künstlichen Intelligenz bis heute vor allem bei den Jungen bemerkbar, wenn sie nach der Ausbildung eine erste Stelle suchen.

«Ich habe ein komplett nutzloses Masterdiplom der Universität Zürich.» Mit diesen Worten ging diese Woche ein junger Schweizer viral, der im Netz über seine Schwierigkeiten bei der Jobsuche spricht. «Wenn Millionen von Menschen in der industrialisierten Welt keinen Job finden mit ihrer guten Ausbildung, dann ist das ein gesellschaftliches Problem und nicht von deinem Lebenslauf», sagt der junge Mann, der sich «Oivi redet» nennt und nach seinem Abschluss in Data Science, Statistik und Politik während vier Jahren Zeitungen ausgetragen, Pizzas geliefert und in einem Callcenter telefoniert hat.

Seine Worte trafen einen Nerv, innert wenigen Tagen haben das Video mehrere hunderttausend Menschen aufgerufen. Wenn eine gute Ausbildung nichts mehr wert sei, habe der Abstieg der Jungen bereits begonnen, sagt der junge Mann im Video. Das zentrale Versprechen vom besseren Leben gilt nicht mehr.

Dies stellt auch das wichtigste Credo der modernen Marktwirtschaft infrage: dass Wirtschaftswachstum zusammen mit dem Sozialstaat genügen, um die Menschen zu versorgen und Ressentiments in Schach zu halten. Der Widerstand wird genährt durch aufgewärmte Ideen einer Handvoll von Ökonomen, die unter jungen Linken für Begeisterung sorgen.

Neben der antikapitalistischen Totalopposition der marxistischen amerikanischen Ökonomin Grace Blakeley ist es die sogenannte «antifaschistische Wirtschaftspolitik» der in den USA lehrenden Deutschen Isabella Weber, die eine Deckelung bei alltagsrelevanten Gütern fordert, weil Unternehmen ihre Marktmacht ausnutzen würden. Oder die Milliardärssteuer des Franzosen Gabriel Zucman, der auf Vermögen über 100 Millionen eine Abgabe von 2 Prozent einführen will.

Am 17. Oktober eskalierten die Proteste in Frankreich und wurden zu massiver Zerstörungswut mit Plünderungen vieler Geschäfte.

Am 17. Oktober eskalierten die Proteste in Frankreich und wurden zu massiver Zerstörungswut mit Plünderungen vieler Geschäfte.

Sener Yilmaz Aslan / Getty

Beides habe sich, so die meisten Ökonomen, in der Vergangenheit als kontraproduktiv erwiesen, da so – etwa mit dem Mietdeckel – Knappheiten verschlimmert beziehungsweise gute Steuerzahler und Investoren vertrieben würden.

Der Zeitgeist ist staatlichen Eingriffen dennoch freundlich gesinnt. Heute erwartet die Bevölkerung nicht mehr nur in Frankreich vom Staat, dass er sich um sie kümmert. Auch in Deutschland finden laut einer Erhebung der Konrad-Adenauer-Stiftung 60 Prozent der Jungen, dieser müsse mehr machen. In der Schweiz hat das Institut Sotomo schon vor der Annahme der 13. AHV-Rente festgestellt, dass die Hemmschwelle sinke, nach immer mehr Staat zu rufen.

Das klingt gerade bei den Jungen paradox, denn gleichzeitig ist ihr Vertrauen in die Institutionen in Ländern wie Deutschland oder Frankreich auf einem Tiefpunkt angelangt. Die Hälfte der europäischen Jugend glaubt nicht mehr an die Demokratie als beste Staatsform, weil sie nicht gut funktioniere. Sie zweifeln daran, dass ihnen die Politik noch zuhöre, das Geld gehe sowieso anderswohin: zu den Rentnern, in die Verteidigung, man möge es sich aussuchen. Wer sass nicht schon in einer Runde, wo der eine oder andere Unter-30-Jährige fatalistisch meinte, für seine Generation werde die Pension sowieso nicht reichen.

Die Bilder der gewaltsamen Proteste in Frankreich verdecken ein wenig, worum es der Jugend in Frankreich wirklich geht.

Die Bilder der gewaltsamen Proteste in Frankreich verdecken ein wenig, worum es der Jugend in Frankreich wirklich geht.

Teresa Suarez / AP

Sowohl in ihrem Misstrauen gegen das politische Establishment als auch in ihren ultimativen Ansprüchen an den Staat treffen sie sich mit ihren rechts gesinnten Altersgenossen, die AfD oder Le Pen wählen. «Auf beiden Seiten spiegelt sich eine tiefere Entfremdung gegenüber der liberalen Demokratie», sagt der Soziologe Nachtwey. Bei den konkreten Schlussfolgerungen, die sie daraus ziehen, gehen die Meinungen dann diametral auseinander.

Comeback der Altlinken

Dem Ganzen liegt auch ein Generationenkonflikt zu Grunde. Aufgewachsen mit Finanzkrise und Covid-Lockdown, sind die Jungen heute durchaus auch etwas neidisch auf ihre Eltern, die nach dem Mauerfall vor einer offenen Welt standen und ihren Kindern die gleichen oder höhere Ansprüche eingepflanzt haben. Es ist ein Clash der Generationen, der sich mit einem Clash der Klassen vermischt: zwischen Eigentümern und Mietern, Vermögenden und Lohnabhängigen, staatlich und privat Krankenversicherten. «Es entwickelt sich eine soziale Frage, die sich um Bezahlbarkeit, Aufstiegsmöglichkeiten und Zukunftschancen dreht», sagt Nachtwey.

Und so schafft es ausgerechnet der 75-jährige Altlinke Jean-Luc Mélenchon, zum Helden der jungen Aufständischen zu werden. Viel opportunistischer als der Präsidentschaftskandidat von La France insoumise geht nicht: Er heizt den Widerstand gegen die Republik an, um eine Chance zu haben, gegen Marine Le Pen in die Stichwahl zu kommen.

Seine Politik hingegen, die er seit den 1970er Jahren vor sich herträgt, nützt den Jungen wenig – oder schadet ihnen gar: Von einer Senkung des Rentenalters auf 60 Jahre oder vorgeschriebenen Mindestlöhnen profitieren in erster Linie jene, die schon eine feste Stelle haben. Neue Jobs werden so wohl kaum geschaffen – und schon gar nicht mit einem Streichen der Staatsschulden, was das Vertrauen der Investoren erschüttern würde.

Der linksextreme Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon wurde zu einem Helden der Aufständischen in Frankreich.

Der linksextreme Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon wurde zu einem Helden der Aufständischen in Frankreich.

Raphaël Lafargue / Abaca / Imago

Neue soziale Bewegungen haben denn auch selten fertige, auf dem Reissbrett entworfene Konzepte parat. Vieles entwickle sich erst in der Auseinandersetzung, sagt Nachtwey. Zum Teil existiert nicht einmal ein inhaltlicher Zusammenhang – wie bei den Protesten gegen den Klimawandel, gegen die Lage in Gaza oder das fehlende Geld in den Schulen. Doch sind sie ideologisch verwandt, können sie sich laut dem Genfer Politologen Marco Giugni, der Jugendproteste erforscht, gegenseitig anstecken und die Verbreitung beschleunigen.

Ob soziale Bewegungen politisch erfolgreich seien, hänge davon ab, welchen öffentlichen Druck sie aufbauen könnten, ob es politische Opportunitäten gebe – institutionelle Verbündete, ein Vakuum – und ob sie mit ihrem Anliegen in der Bevölkerung auf Resonanz stiessen. Es kommt auch darauf an, ob die Ausschreitungen ihre Anliegen überdecken und ob mehr als nur Wut hängen bleibt.

Jeden Abend, wenn in Porto nicht Autos brennen, sondern Inês Carneiro sich eine Zigarette anzündet, fragt sie sich: «Ist das nur ein bisschen Staub, den wir hier aufwirbeln? Oder kann das vielleicht der Anfang einer grossen Bewegung sein? Weil wir merken, dass wir doch eine Stimme haben, wenn wir uns zusammenschliessen über unsere Bubbles hinaus.»

Mitarbeit: Adelheid Wölfl

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Alain Zucker, Patrizia Messmer

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira