«Es gibt ein Klima der Angst in der Fifa», sagt der ehemalige Governance-Chef des Fussball-Weltverbands

Der renommierte Jurist Miguel Maduro erklärt, warum die Fifa nur von aussen reformiert werden kann – und weshalb Gianni Infantino rechtlich gar nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren dürfte.

06.11.2026, 05.30 Uhr

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Fifa-Präsident Gianni Infantino betreibe ein «perverses Anreizsystem», sagt Miguel Maduro, der ehemalige Governance-Chef des Verbands.

Fifa-Präsident Gianni Infantino betreibe ein «perverses Anreizsystem», sagt Miguel Maduro, der ehemalige Governance-Chef des Verbands.

Fabio Deinert / Getty

Frage: Herr Maduro, wird der Weltfussballverband (Fifa) beim Kongress im März 2027 einen neuen Präsidenten erhalten?

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Antwort: Ich bin kein Fifa-Insider mehr. Aber ich erachte es als unwahrscheinlich.

Frage: Weshalb?

Antwort: Weil es angesichts der Funktionsweise und des Machtgefüges in der Fifa extrem schwierig ist, einen amtierenden Präsidenten zu besiegen. Das ist noch fast nie passiert, das zeigt die Vergangenheit. Es ist auch dieses Mal sehr unwahrscheinlich. Die Asiatische Konföderation hat eine Kehrtwende gemacht und unterstützt Infantino wieder. Und der europäische Fussballverband (Uefa) hat offenbar nur schon Schwierigkeiten, einen Kandidaten zu finden.

Frage: Wie bewerten Sie das strategische Vorgehen der Infantino-Gegner?

Antwort: Ich glaube, das richtige Vorgehen wäre es, den Gesetzesweg zu wählen. Es ist für mich völlig klar, dass Infantino angesichts der geltenden Regeln gar nicht für eine vierte Amtszeit kandidieren kann. Das sollte Priorität haben für die Uefa.

Miguel Maduro

Miguel Maduro

PD

Frage: Sie beziehen sich auf die Amtszeitbeschränkung in den Fifa-Statuten, die besagt, dass ein Präsident nur drei Amtszeiten im Amt sein kann.

Antwort: Genau.

Frage: Der Fifa-Rat hat schon 2022 beschlossen, dass Infantinos erste Amtszeit nicht zählt, weil er 2016 an einer ausserordentlichen Generalversammlung zum Nachfolger von Joseph Blatter gewählt wurde und nicht die volle Amtszeit absolvierte.

Antwort: Nur ist es nicht Sache des Fifa-Rats, das zu beschliessen. Er hat in dieser Sache keine Kompetenz. Der Präsident des Fifa-Rats ist Infantino. Es ist also etwa das Gleiche, wie wenn ein Staatspräsident die Verfassung selbst auslegt und beschliesst, dass er wieder antreten kann. Für eine vierte Amtszeit hätte Infantino an den Fifa-Kongress gelangen und die Statuten anpassen lassen müssen.

Frage: Der Fifa-Rat verwies damals auf seine Governance-Kommission, die zu dem Schluss gekommen sei, dass Infantinos erste Jahre als Präsident nicht zählten.

Antwort: Das ist für mich verblüffend, weil die Governance-Kommission dem Rat nichts zur Entscheidung vorlegen sollte, wofür dieser gar keine Befugnis hat. Es ist der Prüfungsausschuss, der die Befugnis und Verantwortung trägt. Ich halte den ganzen Vorgang rechtlich gesehen für unmöglich, und wir haben bis heute auch nie eine Bestätigung oder Erklärung der Governance-Kommission dazu gehört. Nur das Statement des Fifa-Rats, der in der Sache überhaupt keine Kompetenzen hat.

Maduro wurde von Infantino aus dem Amt gedrängt

Der portugiesische Jurist Miguel Maduro übernahm 2016, als Gianni Infantino neuer Fifa-Präsident wurde, den Vorsitz der neu geschaffenen Governance-Kommission der Fifa. Nach den Skandalen der Blatter-Ära sollte er in dieser Funktion Transparenz, Integrität und unabhängige Kontrollen sicherstellen. Im Jahr darauf wurde Maduro auf Betreiben von Infantino aus dem Amt gedrängt, weil er die Wiederwahl des russischen Vizeministerpräsidenten Witali Mutko in den Fifa-Rat ablehnte.

Maduro ist ein renommierter Jurist, der von 2003 bis 2009 als Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof (EuGH) tätig war. Von 2013 bis 2015 amtierte er als Portugals Minister für Regionalentwicklung. Heute leitet er die Católica Global School of Law in Lissabon und lehrt unter anderem am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.

Frage: Wie lesen Sie die aktuellen Statuten?

Antwort: Artikel 33, Absatz 2 ist klar: Er spricht von drei Amtszeiten. Es gibt keine Unterscheidung zwischen vollendeten und unvollendeten Zyklen. Und noch etwas . . .

Frage: Ja?

Antwort: Wenn man die Regeln so wie Infantino interpretiert, würde das ja am Ende heissen, dass der Präsident ein paar Monate vor dem Ende seiner Amtszeit jeweils Wahlen einberufen könnte, bei denen er dann wieder antreten darf, weil er ja die laufende Amtszeit nicht vollendet hat. Und so weiter. Ich erwarte daher von der Prüfungskommission der Fifa (dem Gremium, das die Kandidaturen prüft, Anm. der Redaktion), dass sie klärt, ob Infantino überhaupt erneut antreten kann. Und für mich ist es klar, dass dem nicht so ist.

Frage: Und wenn Infantino doch zur Wahl zugelassen wird?

Antwort: Dann hat jedes der 211 Fifa-Mitglieder die Möglichkeit, das vor dem Internationalen Sportgerichtshof (TAS) anzufechten.

Frage: Von der Uefa und den europäischen Verbänden ist diesbezüglich wenig zu hören. Warum fährt sie als Anführerin der Infantino-Gegner nicht diese Strategie?

Antwort: Die einzige Erklärung ist für mich, dass es politisch – nicht rechtlich, sondern politisch – problematisch wäre, das zu tun.

Frage: Weshalb?

Antwort: Weil der Uefa-Präsident Ceferin selbst für eine vierte Amtszeit kandidiert, wie er kürzlich bekanntgegeben hat. Und das, nachdem er 2024 eine Statutenänderung durchgebracht hat, die ihm das ermöglicht. Zuvor betonte er stets, dass er selbst nicht mehr antreten werde. Jetzt tut er es trotzdem.

Frage: Wobei diese Statutenänderung vom Uefa-Kongress befürwortet wurde. In der Fifa gab es keine solche Statutenänderung durch den Kongress.

Antwort: Das stimmt. Deshalb sage ich, dass es eine politische Frage ist, keine rechtliche. Rechtlich steht Ceferins Kandidatur nichts im Wege, im Gegensatz zu der von Infantino. Aber Ceferin sieht aus politischen Gründen dennoch davon ab, das zum Thema zu machen, weil dann auch sein eigenes Vorgehen bezüglich der Amtszeitbeschränkung ins Bewusstsein rücken würde.

Frage: Sprechen wir über zwei Medienberichte von «Le Monde» und der «New York Times», die jüngst Aufsehen erregten. Es ging um allerlei Vergütungen für Infantino. Etwa um Steuerrechnungen in der Höhe von 4 Millionen Dollar in den USA, welche die Fifa für ihn übernommen haben soll. Um hohe Sicherheitskosten für seine Frau während der WM. Um teure Hotelsuiten und Fahrdienste. Um gelockerte Reiseregeln. Hätten Sie das als Governance-Chef durchgewinkt?

Antwort: Das kann ich so nicht beantworten, ohne das gesamte Kompensationspaket von Herrn Infantino zu kennen. Aber es handelt sich ohne Zweifel um eine Form der Kompensation. Und wenn es ein Teil der Kompensation ist, muss es auch öffentlich gemacht werden. Das verlangen die Statuten. Und das ist – gerade auch im Fall der Steuern – nicht passiert.

Frage: Eine wichtige Rolle bei diesen Vorgängen spielte der Schweizer Bruno Chiomento. Er ist der Vorsitzende der Governance-Kommission der Fifa und somit ein Nachfolger von Ihnen. Die Uefa hinterfragt seine Unabhängigkeit und Unparteilichkeit, weil er Infantino seit zwanzig Jahren kennt. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Antwort: Ich rede nicht über Leute, die Funktionen ausüben, die ich einst innehatte. Und ich bewerte auch nicht die persönliche Arbeit oder die Integrität von Herrn Chiomento. Wenn Sie mich fragen, ob man jemanden kontrollieren kann, mit dem man eine enge persönliche Beziehung hat . . .

Frage: . . . was ja genau die Frage ist . . .

Antwort: . . . dann antworte ich Ihnen, dass ein Interessenkonflikt vorliegt. Und dass das ein Grund sein sollte, dass diese Person diese Funktion nicht ausübt.

Frage: Laut der «New York Times» war Chiomento an der WM als VIP unterwegs, er nutzte spezielle Fifa-Charterflüge, konnte jedes Spiel besuchen, das er sehen wollte. Hätten Sie das in dieser Funktion auch gemacht?

Antwort: Es gibt hier eine sehr wichtige Unterscheidung: Wenn die Regeln, nach denen der Vorsitzende einer unabhängigen Kommission eingestellt wird, bestimmte Reise- oder Unterbringungskosten sowie den Besuch von Fifa-Events fest als Teil der Vergütung vorsehen, dann ist das eine reguläre Kompensation. Niemand kann ihm das wegnehmen, und es untergräbt seine Unabhängigkeit nicht. Wenn solche Dinge aber auf Anfrage oder als Gefälligkeit gewährt werden, untergräbt das natürlich die Unabhängigkeit der Kommission. Wie es im vorliegenden Fall ist, weiss ich nicht.

Frage: Chiomento ist nicht nur der Vorsitzende des Governance-Komitees, sondern auch zweier Subkommissionen: der Prüfungskommission und des Vergütungsausschusses. Das sind viele Ämter und viele Kompetenzen auf einmal.

Antwort: Aus Governance-Sicht ist die Machtkonzentration in diesem Komitee nicht gesund. Es ist das Gegenteil von dem, was die Fifa braucht. Sie braucht eine Gewaltenteilung, nicht mehr Konzentration der Macht.

Frage: Infantino betont gerne, dass das Geld der Fifa den Verbänden gehöre. Sehen Sie in seinen Vergütungen einen Widerspruch zu dieser Aussage?

Antwort: Wenn man zu viel Machtkonzentration hat und zu schwache Kontrollmechanismen, dann wird diese Macht missbraucht, auch finanziell. Was kürzlich bekannt wurde, beweist das.

Frage: Sie sind ein Kritiker des Fifa-Präsidenten. Wünschen Sie sich eine Abwahl Infantinos?

Antwort: Ich wünsche mir, dass die Fifa reformiert wird. Infantino ist ein Problem, aber er ist nicht das Hauptproblem der Fifa. Infantino zu ersetzen, ohne die Fifa zu reformieren, wird früher oder später ganz einfach zu einem neuen Infantino führen.

Frage: Kann die Fifa überhaupt reformiert werden?

Antwort: Ich habe überhaupt kein Vertrauen, dass das von innen heraus passieren wird. Das wird nur geschehen, wenn diese Reformen von aussen, von staatlichen Institutionen, auferlegt werden.

Frage: Von wem?

Antwort: Ich sage schon seit langem, dass das nur die Europäische Union machen kann. Selbst wenn die Behörden in der Schweiz, wo die Fifa ihren Sitz hat, das versuchen würden, wäre das wahrscheinlichste Ergebnis, dass die Fifa ihren Sitz einfach in ein anderes Land verlegt. Nur die EU hat die Macht, um das zu machen. Aber leider gibt es dafür keinen politischen Willen.

Frage: Wie müsste die EU in Ihren Augen vorgehen?

Antwort: Es gibt verschiedene Wege. Sie könnte einen EU-Rechtsakt schaffen und eine unabhängige Agentur, die nicht den Fussball regulieren würde, aber kontrollieren, ob die Fifa – und natürlich auch die Uefa oder das IOK – bestimmte Governance-Prinzipien einhalten. Denkbar wäre auch, dass die EU solche Prinzipien definiert und bei einer Nichteinhaltung ihren eigenen rechtlichen Spielraum im Umgang mit dem Sport verstärkt einsetzt.

Frage: Zurück zu Infantino: Es ist zwei, drei Monate her, da gab es auch im Fussballkosmos nicht wenige Leute, die ihn wegen seiner umstrittenen Pläne, WM-Rechte zu verkaufen, kurz vor dem Ende sahen. Das hat sich geändert. Wie hat er das geschafft?

Antwort: Ich war schon damals skeptisch, ob Infantino wirklich am Ende ist. Wie gesagt: Das System der Fifa basiert auf einer extremen Machtkonzentration beim Präsidenten und einem Wahlsystem, das auf Patronage beruht. Es gibt ein Klima der Angst in der Fifa. Jeder Vorsitzende eines nationalen Fussballverbands weiss, dass seine eigene Machtposition im Weltfussball stark vom Wohlwollen des Fifa- oder Konföderationspräsidenten abhängt. Wer sich kritisch äussert, verliert Einfluss und riskiert Nachteile bei der Vergabe von Geldern. Der Präsident hat Instrumente, um Illoyalität zu bestrafen, und er belohnt jene, die ihm treu sind.

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Früher gab es den direkten Stimmenkauf. Heute muss man das nicht mehr tun. Man verspricht den Leuten einfach gut bezahlte Posten in den Kommissionen.

Frage: Oder man erhöht die jährlichen Ausschüttungen an die nationalen Verbände von 10 auf 25 Millionen Dollar, wie Infantino das im Oktober getan hat.

Antwort: Ja. Das ist ein perverses Anreizsystem. Und je mehr der öffentliche Druck abnimmt und die Fifa aus dem Scheinwerferlicht kommt, desto wahrscheinlicher wird es, dass Infantino im Amt bleibt. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang eine Geschichte erzählen.

Frage: Bitte.

Antwort: Einige Wochen bevor ich 2017 aus meinem Amt gedrängt wurde, schickte Herr Infantino jemanden zu mir, um mich zu überreden, die Position meiner Kommission bezüglich der Wählbarkeit des Russen Witali Mutko zu ändern. Es war der letzte von vielen Versuchen.

Frage: Was haben Sie getan?

Antwort: Ich lehnte ab und sagte dem Abgesandten, mir sei klar, dass der Präsident mich und meine Kollegen absetzen könnte. Aber dann bekämen sie massive Reputationsprobleme, weil der grosse Fifa-Skandal erst ein Jahr zurückliegt. Die Person sagte zu mir: «Ja, Sie haben recht, aber das sind zwei Wochen schlechte Presse, und dann ist es vorbei.» So kam es dann auch. Und so operiert Infantino seither. Aussitzen, abwarten, bis der öffentliche Druck nachlässt. Und dann geht das Leben weiter wie bisher.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Dominic Wirth

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