Es braucht Mut, normal zu sein, ohne sich dafür zu entschuldigen

Das gewöhnliche Leben gilt als langweilig, spiessig, ja sogar als autoritär. Zu Unrecht. Am Bewährten festzuhalten, bietet letztlich die grösste Freiheit.

René Scheu30.10.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


In einer Welt voller Kriege und gesellschaftlicher Erregung ist die Sehnsucht nach Normalität keine Kapitulation.

In einer Welt voller Kriege und gesellschaftlicher Erregung ist die Sehnsucht nach Normalität keine Kapitulation.

Peter Marlow / Magnum

Es ist sieben Uhr in der Früh, irgendwo in der Schweiz. Am Bahnhof warten Menschen auf ihren Zug. Einer liest Zeitung, eine andere trinkt Kaffee, ein Dritter telefoniert. Jemand hält einem Fremden die Tür auf. Eine Frau bückt sich, um den Handschuh aufzuheben, den ein Kind verloren hat. Der Zug fährt ein, die Menschen steigen ein, manche grüssen sich, andere schweigen. Niemand muss sein Verhalten erklären. Das Leben geht seinen Gang.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Es ist eine unspektakuläre Szene. Und gerade darin liegt die Schönheit gelebter Normalität. Die Menschen tun, was zu tun ist, ohne sich viel dabei zu denken. Normalität entlastet. Sie befreit uns von der Zumutung, jede Handlung begründen, jede Gewohnheit hinterfragen und jede Begegnung neu aushandeln zu müssen.

Sie ist eine der grössten zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit.

Der Generalverdacht

Dies zu behaupten, klingt heute beinahe anstössig. Denn Normalität steht seit längerem unter Verdacht. Sie gilt als langweilig, repressiv, spiessig, autoritär. Die Tugenden des bürgerlichen Alltags – Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, Verlässlichkeit, Höflichkeit – geraten in die Nähe jener Sekundärtugenden, mit denen sich bekanntlich auch Unrechtsregime organisieren lassen.

Nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts war das Misstrauen gegenüber Anpassung verständlich. Doch aus historisch begründeter Kritik wurde eine ideologische Denkhaltung: Was sich bewährt hat, muss verdächtig sein. Was selbstverständlich erscheint, bedarf der Entlarvung, immer und überall.

Aus dem Verdacht gegen die Verhältnisse wird so ein Verdacht gegen die Menschen, die in ihnen leben. Anpassung wird zum Krankheitszeichen, Abweichung zum Gesundheitsausweis. Erich Fromm brachte diese Umkehrung auf die ebenso einprägsame wie fragwürdige Formel: «Die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten.»

Das Verführungspotenzial dieser Denkfigur liegt auf der Hand. Wer die Gesellschaft für krank erklärt, kann sich selbst schon deshalb für gesund halten, weil er sich ihr widersetzt. Nicht mehr das eigene Handeln steht auf dem Prüfstand, sondern das System, gegen das es sich richtet. Ist dieses erst einmal für illegitim erklärt, lässt sich im Extremfall selbst Gewalt als Gegengewalt rechtfertigen. Die pauschale Verurteilung des Ganzen ersetzt die moralische Prüfung des eigenen Tuns.

Die Entlarvungsroutine

Die sogenannte French Theory trieb diese Art von Generalverdacht auf die Spitze. Jacques Derrida suchte hinter dem vermeintlich Natürlichen das gesellschaftlich Gemachte. Michel Foucault untersuchte, wie Normen entstehen und Menschen durch Macht und Erziehung auf Normalität getrimmt werden. Beide machten aus dem Generalverdacht eine philosophische Methode.

Daraus wurde in der populären Rezeption eine Entlarvungsroutine: Was natürlich erscheint, ist bloss eine Konstruktion. Was normal ist, wurde den Menschen aufgezwungen. Hinter jeder Gewohnheit lauert ein verborgenes Machtinteresse. Der Verdacht wird zur Universalerklärung, gegen die kein Einwand mehr zählt. Wer widerspricht, beweist damit angeblich nur, wie sehr er selbst den herrschenden Vorstellungen aufgesessen ist.

Und in der Tat – der Generalverdacht prägt inzwischen den Alltag. Längst ist die Sprache, unser wichtigstes Verständigungsmittel, unter ideologischen Rechtfertigungsdruck geraten. Wer eine Einladung verfasst, soll nicht mehr bloss seine Gäste ansprechen, sondern sämtliche behaupteten Geschlechtsidentitäten berücksichtigen. Sternchen, Doppelpunkte und immer neue Anredeformen machen aus der schlichten Mitteilung eine weltanschauliche Stellungnahme. Die Sprache dient nicht mehr der Verständigung. Sie soll stattdessen Gesinnung bekunden.

Ausgerechnet die öffentliche Toilette ist zum Ort des modernen Kulturkampfes geworden. Was einst eine Frage praktischer Organisation war, wird zum Schauplatz grundsätzlicher Auseinandersetzungen über Identität und gesellschaftliche Anerkennung. Aus der Türbeschriftung wird ein Bekenntnis, aus dem Gang zur Toilette ein politischer Kantengang.

Der Kunst ergeht es nicht anders. Wenn eine weisse Sängerin Reggae spielt, steht der Vorwurf kultureller Aneignung im Raum. Wenn ein Schriftsteller Figuren erfindet, deren Herkunft oder deren Erfahrungen nicht seine eigenen sind, soll er sich dafür rechtfertigen. Die künstlerische Freiheit, fremde Welten zu erkunden und sich anderes anzuverwandeln, wird zur Frage kultureller Zuständigkeit.

Die Gesellschaft im Dauerverhör

Dabei halten die letzten Jahre eine Lehre bereit: Eine Gesellschaft, die jede Umgangsform neu aushandelt, wird nicht freier, sondern bloss anstrengender. Wo das stillschweigende Einverständnis schwindet, wächst der Bedarf an ausdrücklichen Regeln. Vorschriften treten an die Stelle von Augenmass und gesundem Menschenverstand. Die Menschen entfremden sich.

Aber vor allem: Wo gemeinsame Massstäbe ihre Geltung verlieren, rückt das eigene Ich an ihre Stelle. Und was sich nicht mehr auf geteilte Konventionen stützen kann, soll wenigstens authentisch sein. Jeder soll sein Innerstes nach aussen kehren, seine Identität definieren und öffentlich zur Geltung bringen. Aus der Freiheit, anders zu sein, wird die Aufforderung, sein Anderssein zu inszenieren. Aus dem Wunsch nach Anerkennung wird der Anspruch, von anderen genauso gesehen zu werden, wie man sich selbst sieht. Die emotionale Inkontinenz wird im analogen und im digitalen Leben zur neuen Norm.

Das Glück der Distanz

Die bürgerliche Gesellschaft kennt eine kluge Antwort auf all diese nervösen Tendenzen: Abstand – zu den anderen und zu sich selbst.

Menschen begegnen einander nicht nur als Individuen mit ihren Leidenschaften und Überzeugungen, sondern auch in Rollen. Als Nachbarn, Kunden, Kollegen, Lehrer, Eltern, Fahrgäste oder Passanten. Rollen verfälschen nicht das Selbst. Sie erleichtern das Zusammenleben. Der Nachbar muss mich nicht mögen. Der Verkäufer braucht meine Weltanschauung nicht zu teilen. Der Kollege darf mich für einen Sonderling halten und dennoch mit mir arbeiten. Wir müssen einander nicht lieben, um anständig miteinander umzugehen.

Das ist die grosse Leistung gesellschaftlicher Distanz. Sie hilft, Animositäten zu überwinden und Konflikte zu begrenzen. Sie schützt vor einer Gesellschaft, die stets den ganzen Menschen beansprucht. Wer zwischen Person und Rolle zu unterscheiden vermag, muss nicht jede Kränkung öffentlich verhandeln. Er hat Kontrolle über sein Leben bewahrt. Und das bedeutet: Er beherrscht die Kunst, eine Distanz zu sich selbst zu wahren.

Nichts anderes meint die Höflichkeit. Sie ist die erwachsene Haltung, nicht alles zu sagen, was man denkt, und nicht alles zu zeigen, was man fühlt. Sie ist keine Heuchelei, wie manche glauben machen wollen, sondern Rücksichtnahme. Sie lässt dem anderen Raum und bewahrt zugleich den eigenen.

Leben und leben lassen

Gewiss hat auch die Normalität ihre dunklen Seiten. Im Namen des Normalen wurden Menschen ausgegrenzt, Lebensformen unterdrückt und Abweichungen bestraft. Doch daraus folgt nicht, dass sie abgeschafft werden muss. Es folgt daraus bloss, dass sie Grenzen braucht.

Normalität ist für eine liberale Gesellschaft unentbehrlich. Sie erleichtert das Zusammenleben und erspart dem Einzelnen die ständige Rechtfertigung seiner Lebensweise. Niemand muss sich für seine Gewohnheiten entschuldigen, niemand seine Eigenheiten zum gesellschaftlichen Ereignis aufblasen. Leben und leben lassen. Man kann jemanden respektieren, ohne ihn verstehen zu müssen, und jemandem seine Freiheit lassen, ohne seine Überzeugungen zu teilen.

Der Mut zum Selbstverständlichen

In einer Welt voller Kriege und gesellschaftlicher Erregung ist die Sehnsucht nach Normalität keine Kapitulation. Vielmehr zeigt sich darin der Wunsch nach einem Leben ohne permanenten Rechtfertigungsdruck. Ihr Mass ist eine Gesellschaft, in der Menschen ihren Dingen nachgehen, ohne fortwährend ihre Identität und Gesinnung ausweisen zu müssen. Dazu braucht es heute tatsächlich Mut: den Mut, normal zu sein, ohne sich dafür zu entschuldigen.

Zurück zum Bahnhof. Die Menschen gehen ihren Dingen nach, ohne sich fortwährend erklären zu müssen. Sie haben den Kopf frei für die Welt, weil sie sich nicht ständig mit sich selbst beschäftigen müssen. Darin liegt die stille Grösse der Normalität. Sie befreit uns von der dauernden Beschäftigung mit dem eigenen Ich und öffnet den Blick für die Welt. Normalität ist nicht das Ende der Freiheit. Sie ist, praktisch gesehen, deren Anfang.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira