Er wurde früh mit Federer verglichen und hat einst den jungen Carlos Alcaraz bezwungen – nun sorgt Jérôme Kym in Basel für Furore
Der 23-jährige Schweizer Tennisspieler besiegt an den Swiss Indoors die Weltnummer vier Ben Shelton und steht im Viertelfinal. Hinter Kym liegen Jahre mit Verletzungen, Rückschlägen und hohen Erwartungen.
30.10.2026, 13.09 Uhr
4 Leseminuten
AktualisiertDie Sensation ist perfekt: Jérôme Kym jubelt nach seinem Achtelfinalsieg.
Georgios Kefalas / Keystone
An guten Geschichten mangelt es diesen Swiss Indoors wahrlich nicht: Stan Wawrinkas Dernière. Novak Djokovics Rückkehr nach 15 Jahren, die überraschend früh endete, im Achtelfinal. Und nun liefert Jérôme Kym die nächste.
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Der 23-jährige Aargauer, die Nummer 222 der Welt, steht nur dank einer Wildcard überhaupt im Hauptfeld. In der Nacht auf Freitag bezwingt er Ben Shelton, den diesjährigen US-Open-Finalisten und topgesetzten Spieler des Turniers, mit 6:3, 6:7, 7:6.
Kym wirkt auf und neben dem Court meist ruhig, kontrolliert, beinahe unerschütterlich. «Ich probiere so gut wie möglich, nicht gegen aussen zu zeigen, wie es mir innerlich geht», hatte er nach seinem Erstrundensieg gegen Arthur Rinderknech in einer Pressekonferenz gesagt.
Doch als er um 0 Uhr 40 den Matchball gegen Shelton verwandelt hatte, ist es mit der Zurückhaltung vorbei. Er schreit, ballt die Faust, springt vor Freude in die Luft und applaudiert dem Publikum mit dem Racket. Die St.-Jakobs-Halle ist zu dieser späten Stunde zwar nicht mehr ganz gefüllt. Der Jubel für den Schweizer fällt dennoch frenetisch aus.
Früh gefeiert, dann immer wieder ausgebremst
Schon als Teenager galt der Fricktaler als eines der grössten Schweizer Tennistalente. 2017 bezwang er an der U-14-Team-WM im Final einen gewissen Carlos Alcaraz im Einzel und holte mit der Schweiz den Titel. Mit 15 wurde er zum jüngsten Schweizer Davis-Cup-Spieler der Geschichte. Vergleiche mit Roger Federer liessen – wie so oft bei Schweizer Talenten – nicht lange auf sich warten. «Der Druck war gewaltig. Von Medien, Trainer, Umfeld, das war schwierig auszuhalten», sagte Kym 2020 der «Neuen Fricktaler Zeitung». Doch der erhoffte rasche Durchbruch blieb aus. Kym zog sich zurück, um den Fokus aufs Tennis wiederzufinden.
Mit 17 zog Kym nach Kitzbühel zum früheren österreichischen Profi Markus Hipfl. Die sechsjährige Zusammenarbeit brachte ihn sportlich und mental voran, aber dann warfen ihn Verletzungen zurück. 2023 musste Kym am Knie operiert werden, später machte ihm die Schulter zu schaffen. Vor zwei Jahren gewann er zwei Challenger-Turniere, im vergangenen Jahr stieg er bis auf Rang 123 auf und erreichte in Gstaad seinen ersten Viertelfinal auf der ATP-Tour. Am US Open spielte er sich als Qualifikant bis in die dritte Runde, wo ihn erst Taylor Fritz – zu diesem Zeitpunkt die Nummer vier der Welt – stoppte.
Den Aufschwung konnte Kym in dieser Saison jedoch lange nicht bestätigen. Er startete mit vielen Niederlagen, war längere Zeit krank und scheiterte in der Qualifikation aller vier Major-Turniere. Vor Wimbledon trennte er sich von Hipfl, weil ihm, wie er in Basel sagt, «das Feuer ausging». Er habe eine Veränderung gebraucht. Nun trainiert er bei Swiss Tennis in Biel. Ein Challenger-Final in Hagen und ein Halbfinal in Roanne deuteten zuletzt zaghaft einen Aufwärtstrend an.
Die Ruhe ist erarbeitet
Doch mit dem Sieg gegen Shelton, die Weltnummer vier, war definitiv nicht zu rechnen. Kym beeindruckt an den Swiss Indoors zurzeit insbesondere mit der Ruhe, die er auf dem Court zeigt. Von Coach Hipfl habe er gelernt, das «Kopfkino» abzustellen und Punkt für Punkt zu denken. Gegen Arthur Rinderknech, die Weltnummer 61, wehrte er in Basel fünf Breakbälle ab und gewann 7:6, 6:4. Dies, obwohl er zunächst verkrampft gewesen sei, wie er nach dem Match in der Pressekonferenz sagt. Als Einziger von fünf Schweizern im Haupttableau überstand er die erste Runde. So viele Einheimische waren zuletzt 2009 dabei gewesen.
Gegen Shelton spielt der Schweizer dann von Beginn weg auf Augenhöhe – trotz 218 Plätzen Unterschied in der Weltrangliste. Kym gewinnt den ersten Satz 6:3, vergibt dann im zweiten Chancen auf die Vorentscheidung. Doch der Amerikaner steigert sich, bejubelt jeden Punkt, gleicht im Tie-Break aus. Im Entscheidungssatz führt Kym bereits mit 5:2 und befindet sich auf Siegeskurs, dann machen sich aber doch noch die Nerven bemerkbar. Er verliert vier Games in Folge und liegt plötzlich 5:6 zurück. Doch der 23-Jährige fängt sich, erzwingt das Tie-Break und gewinnt dieses souverän mit 7:1.
«Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie ich das bei 5:6 überlebt habe», sagte Kym nach dem Match. Er habe sich vorgenommen, jeden gewonnenen Punkt laut zu bejubeln, die Faust zu ballen und Shelton zu zeigen, dass er unbedingt gewinnen wolle. «Es fühlt sich surreal an. Aber ich habe wirklich daran geglaubt, dass ich ihn schlagen kann.»
Ist es der grösste Sieg seiner Karriere? Er zögert. «Das US Open war auch nicht schlecht», sagt er. «Aber wahrscheinlich schon.» Und schiebt gleich, wieder ganz nüchtern, hinterher: «Aber morgen geht es weiter.» Im Viertelfinal trifft Kym nun auf den Tschechen Jiri Lehecka, der am Dienstag mit einem Sieg über Stan Wawrinka dessen Karriereende besiegelte.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Niels Bossert
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