Er ist sechs Meter hoch und soll einen grünen Stadtrat aus der Ruhe bringen: Kritiker von Daniel Leupi knacken den Asphalt und pflanzen illegal einen Baum

Der Mann, der die Aktion in Zürich-West verantwortet, sagt: «Wenn wir auf die Stadt warten, passiert hier noch viele Jahre lang gar nichts.»

07.11.2026, 05.00 Uhr

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Könnte noch ein Nachspiel haben: Der gepflanzte Baum, inklusive Botschaft an die Stadt Zürich.

Könnte noch ein Nachspiel haben: Der gepflanzte Baum, inklusive Botschaft an die Stadt Zürich.

PD

Die Baggerschaufel taucht ab in das Loch, das sich an diesem grauen Tag in der Betonwüste von Zürich-West auftut. «Ein Meter sechsundzwanzig», ruft der Mann an den Schalthebeln. So tief ist er schon vorgedrungen. Er macht seelenruhig weiter, als grabe er in offiziellem Auftrag. Die Passanten nehmen kaum Notiz – dieses Loch am Rand eines Parkplatzes wird da schon hingehören.

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Die Zürcher Stadtregierung, in der Wolle grün gefärbt, ist verliebt in Bäume. Gerade erst hat sie ein Strassenbaumkonzept verabschiedet, weil sie mehr davon haben will. Eine solche Regierung ausgerechnet mit einem Baum zu plagen, ist ein ziemlich subversiver Akt. Und genau das ist der Auftrag jener Arbeiter, die sich am Freitag neben dem Schiffbau mit Fräse und Bagger zu schaffen machen.

Sie haben auf städtischem Grund den Asphalt aufgeschnitten, um einen etwa sechs Meter hohen japanischen Schnurbaum zu pflanzen – ohne Bewilligung, wie jener Mann auf Anfrage einräumt, der die Verantwortung für die Aktion übernimmt.

«Der Baum muss gross genug sein, dass es sich die Stadt nicht leisten kann, ihn wieder zu entfernen», sagt der Unternehmer Thomas Seiz am Telefon. Ihm sei klar, dass das eine strafbare Handlung sei. «Aber dafür halte ich den Kopf hin. Wenn wir auf die Stadt warten, passiert hier noch viele Jahre lang gar nichts.»

Der Baum soll die Aufmerksamkeit auf eine städtebauliche Leerstelle lenken, die sich dort befindet, wo nach Ansicht von Seiz und Gleichgesinnten das Herz des Quartiers Zürich-West schlagen müsste. Stattdessen sind da ein Gewerbegebäude, in dem sich bis vor zwei Jahren noch eine Autowaschanlage befand, und dahinter eine asphaltierte Fläche. Alles Eigentum der Stadt.

Das Loch wurde am Freitag ohne Bewilligung gegraben, um auf das Areal aufmerksam zu machen.

Das Loch wurde am Freitag ohne Bewilligung gegraben, um auf das Areal aufmerksam zu machen.

NZZ

Thomas Seiz ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft (IG) Zentrum Hardbrücke, die mit anderen Organisationen aus dem eher blutarmen ehemaligen Industriequartier einen lebenswerten Stadtteil machen will. Er ist zugleich im Stiftungsrat von Hamasil, einer Stiftung, der gleich nebenan mehrere Häuser gehören. Darunter jenes, in dem sich seit 1998 das immer noch improvisiert wirkende Restaurant Les Halles befindet.

Die Stadt hat keine Pläne – und will das so belassen

Wenn man das Quartier aus der Vogelperspektive betrachtet, wird klar, weshalb der Ort der Baumpflanzung für die IG besonderes Gewicht hat. Sie hat sich immer wieder in die Stadtentwicklung eingemischt und sich mit privaten Immobilienbesitzern ebenso angelegt wie mit der Stadt. Zum Beispiel, als sie diese mit Erfolg zu einem Neustart der Planung fürs Josef-Areal drängte.

Diese Interventionen konzentrieren sich einerseits auf die Hardbrücke, andererseits auf die Achse zwischen Josefwiese und Turbinenplatz – und genau in der Mitte dieses Kreuzes befinden sich die ehemalige Waschanlage und der Parkplatz.

Die Stadt will dieses Areal auf Zusehen lassen, wie es ist, das hat sie gerade erst bekräftigt in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage. Sie betrachte es als «strategische Landreserve» für künftige Bedürfnisse. Es gebe keine konkreten Pläne für seine Entwicklung. Noch nicht einmal eine Prüfung, was möglich wäre. Die Mietverträge mit einem Pneuhändler und mehreren Büronutzern werden bis 2035 verlängert.

«Das ist ein Witz», sagt Seiz. «Die besten Orte an den besten Lagen muss man doch entwickeln.» Die Stadt, die mit über 40 Prozent aller Bauzonen grösste Grundbesitzerin im Quartier ist, habe genug Landreserven. «Die sind überfordert, weil jedes Departement Bestellungen aufgeben kann», sagt er – und verweist auf den geplanten Werkhof auf dem Josef-Areal: «Jetzt lagern die sogar Schneepflüge hier.»

«Die Privaten haben das alles längst umgesetzt»

Mit ihrer Guerilla-Gärtnerei hätten sich die Leute um Seiz am Freitag aber fast selbst ein Loch geschaufelt. Sie setzten die Fräse zunächst auf einem Parkplatz an, und nach Intervention eines Nachbarn ergab sich: Diesen hatte Seiz’ Vater einst der Stiftung Hamasil gesichert. Darum probierten sie es auf einem anderen Parkplatz – aber dort fuhr kurz darauf der Mieter vor und drohte, die Aktion zu melden.

So wurde schliesslich eine Ecke des Areals gewählt. Den Blüten des Schnurbaums wird eine blutdrucksenkende Wirkung nachgesagt. Wenn dieses besondere Exemplar bei Daniel Leupi das Gegenteil bewirken sollte, wäre das wohl eine botanische Premiere. Eine, die Seiz jedoch einkalkuliert hat. Denn er empfindet den grünen Finanzvorsteher, zuständig für die Liegenschaften, als Bremser.

Lange befand sich auf dem Platz eine Autowaschanlage, hier auf einer Aufnahme von 2006.

Lange befand sich auf dem Platz eine Autowaschanlage, hier auf einer Aufnahme von 2006.

Thomas Hussel / Baugeschichtliches Archiv

Fast auf den Tag sechzehn Jahre ist es her, dass die damalige Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) ihre Unterschrift unter einen Gestaltungsplan gesetzt hat, den auch Martin Seiz, der Vater von Thomas, seitens der Stiftung Hamasil und der CEO des Immobilienentwicklers Allreal signierten. Diesen drei Parteien gehören die Parzellen im Geviert zwischen Schiffbau, Hardbrücke und Pfingstweidstrasse.

Es ist ein Gebiet, das gemäss Plan attraktiv genutzt und städtebaulich gut gestaltet werden soll. Da steht auch, die Schiffbaustrasse sei in voller Ausdehnung «als eine Promenade mit markanten Bäumen» zu gestalten.

«Die Privaten haben das alles längst umgesetzt», sagt Seiz, «die Stadt dagegen hat es nicht einmal geschafft, die Flächen zu entsiegeln – geschweige denn eine Idee zu entwickeln, was hier entstehen könnte.» Stadtrat Leupi habe sich zwar vor zwei Jahren bei einem Treffen offen gezeigt, wenigstens den Asphalt zu entfernen, doch passiert sei nichts.

Angeblich habe die städtische Liegenschaftenverwaltung viel zu tun und werde dies erst später anpacken, zusammen mit anderen Massnahmen. Das Resultat: Die Parkplätze, obwohl vermietet, stünden oft leer – oder dienten inzwischen als wilde Parkfläche für jene, die gemerkt hätten, dass man dort das Auto gratis abstellen könne.

Der Schnurbaum, als grüne Provokation an den Rand dieses Areals gepflanzt, soll wenigstens eines der gemachten Versprechen einlösen.

Leupi sagt, er stehe zu seinem Wort – schon nächstes Jahr

Leupis Departement teilt auf Anfrage mit, dass man mit Blick auf die Gesamtstadt entscheide, welche Areale wann entwickelt würden. Es sei auch wichtig, dass es solche für Zwischennutzungen gebe. Die Stadt werde aber ihre Zusage einhalten: Diese Fläche werde schon nächstes Jahr entsiegelt und begrünt. Weil der Boden mit Altlasten belastet sei, seien die Abklärungen jedoch aufwendiger als sonst.

Ungeduldig sind nicht nur die linkslastigen Baumpflanzer aus der IG Zentrum Hardbrücke. Es gibt auch bürgerliche Stimmen, die finden, dass die Stadt auf diesem zentralen Stück Land zu wenig mache. Zum Beispiel die FDP-Politikerin Deborah Wettstein, eine der Unterzeichnerinnen der parlamentarischen Anfrage zum Thema.

Dass die Stadt die Mietverträge auf dem Areal bis 2035 verlängert hat, ist für sie kein Grund zum Nichtstun. «In der Stadtentwicklung ist das praktisch übermorgen», sagt Wettstein. Wer die Planung auf die lange Bank schiebe, verliere wertvolle Zeit. «Ich verlange nicht, dass morgen die Bagger auffahren.» Aber angesichts der Wohnungsnot in Zürich sei es unverständlich, dass der Stadtrat nicht prüfe, wie man das Areal für Wohnungen, Gewerberäume und fürs Quartier nutzen könne.

Die Stadt hat es offenbar nicht eilig – auch nicht mit der Beseitigung von Zeichen öffentlicher Kritik: Am Freitagabend stand der Schnurbaum noch. Ob deshalb rechtliche Schritte ergriffen würden, werde geprüft, lässt Leupis Departement ausrichten. Und: «Wir hoffen, dass der Baum angesichts des Untergrunds überlebt.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Marius Huber

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