Er brachte Bolsonaro senior ins Gefängnis, jetzt jagt er den Sohn: Das ist der Richter, den Brasiliens Rechte hassen

Alexandre de Moraes war einst ein Feindbild der Linken, dann wurde er ihr Held. Doch wegen einer Korruptionsaffäre droht dem «Verteidiger der Demokratie» nun selbst der Sturz.

03.11.2026, 05.30 Uhr

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Der Richter Alexandre de Moraes ist eine der einflussreichsten Figuren in Brasiliens Politik.

Der Richter Alexandre de Moraes ist eine der einflussreichsten Figuren in Brasiliens Politik.

Mateus Bonomi / Reuters

Der Mob stürmt das oberste Gericht in Brasilia. Das Ziel der Männer, von denen viele das gelbe Trikot der Nationalmannschaft tragen, ist klar. «Wo bist du, Moraes, du Dreckskerl!», schreit einer. Doch der Richter, den sie so verachten, hat sich längst in Sicherheit gebracht. So entlädt sich die Wut an seinem Platz im Plenarsaal. Die Anhänger des abgewählten Präsidenten Jair Bolsonaro schlagen mit Eisenstangen auf das Mobiliar ein.

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Die Aufnahmen stammen vom 8. Januar 2023. Der Angriff auf die zentralen Institutionen des Staates – neben dem obersten Gericht sind auch das Parlament und der Palast des Präsidenten betroffen – in der Hauptstadt ist ein Tiefpunkt in der Geschichte der brasilianischen Demokratie. Und ein Höhepunkt in der Fehde von Alexandre de Moraes mit dem Bolsonaro-Clan.

In dieser Auseinandersetzung ist kürzlich eine neue Episode hinzugekommen, nun geht es um Jairs Sohn Flávio und dessen mutmassliche Verwicklungen in Geldwäschereiaktivitäten. De Moraes verhängte am vorletzten Sonntag ein Ausreiseverbot gegen Bolsonaro junior und wollte seine Pässe einziehen lassen – wenige Stunden nach der Niederlage des rechten Kandidaten in der Stichwahl um die Präsidentschaft gegen den linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva.

Der Plan ging schief, Bolsonaro setzte sich rechtzeitig via Argentinien in die USA ab. Aus sicherer Distanz schiesst er nun von dort aus gegen Lula und behauptet, ein Opfer von politischer Verfolgung durch de Moraes zu sein. Wer ist dieser Richter, den viele für den zweitmächtigsten Mann Brasiliens hinter dem Präsidenten halten? Und wie konnte es so weit kommen, dass der 57-Jährige solchen Hass auf sich zieht?

Ein rascher Aufstieg

In seinem Leben deutete lange nichts darauf hin, dass de Moraes dereinst als Verbündeter der Linken gelten könnte. Er wächst in einer Mittelschichtsfamilie in São Paulo auf, der Vater ist Geschäftsmann, die Mutter Professorin. Alexandre, Spitzname Xandão, ist ehrgeizig, er studiert an einer renommierten Universität Recht und macht danach rasch Karriere.

Er wird Staatsanwalt und Professor für Verfassungsrecht. 2015 tritt er der Partei der brasilianischen Sozialdemokratie bei, die trotz ihrem Namen rechts der Mitte steht. Kurze Zeit später macht ihn der damalige liberal-konservative Staatspräsident Michel Temer zum Justizminister. De Moraes vertritt eine Null-Toleranz-Politik gegenüber jenen, die sich nicht an das Gesetz halten. 2016 lässt er sich dabei filmen, wie er mit einer Machete Cannabispflanzen in einer illegalen Plantage zerhaut.

Für die Linken wird de Moraes nicht nur als Law-and-Order-Hardliner zum Feindbild, sondern auch weil er einem Kabinett angehört, das sie als illegitim betrachten. Präsident Temer werfen sie vor, seine linke Vorgängerin Dilma Rousseff aus dem Amt geputscht zu haben. Als de Moraes 2017 zum Richter am obersten Gericht gewählt wird, löst das heftige Proteste aus. Lulas Arbeiterpartei bezeichnet ihn als «Gefahr für die Demokratie», Juristen und Studenten demonstrieren gegen seine Ernennung.

Kritik an Hass im Netz

Doch im Lauf der Zeit beginnt sich de Moraes’ Image zu wandeln. Das hat viel mit seiner kritischen Sicht auf die sozialen Netzwerke wie X zu tun, die in Brasiliens Gesellschaft einen grossen Einfluss haben. «Wäre Goebbels am Leben und hätte Zugriff auf X, wären wir verloren», sagte de Moraes in einem Gespräch mit dem Magazin «The New Yorker». «Die Nazis hätten die Welt erobert.»

Es ist besonders die ultrarechte Bewegung von Jair Bolsonaro, die im Netz Fake News und manipulierte Bilder verbreitet – und ihrem Anführer unter anderem damit 2018 die Wahl zum Präsidenten ermöglicht. Ins Visier nehmen die Internet-Trolle auch das oberste Gericht. Dieses wehrt sich mit einem Verfahren gegen die Desinformationskampagne, der Gerichtspräsident ernennt Alexandre de Moraes zum Ermittlungsleiter.

Ein Bolsonaro-Anhänger demonstriert mit einem Schild, auf dem «Fora Moraes» («Moraes raus!») steht, gegen den verhassten Richter.

Ein Bolsonaro-Anhänger demonstriert mit einem Schild, auf dem «Fora Moraes» («Moraes raus!») steht, gegen den verhassten Richter.

Jorge Silva / Reuters

Erst dadurch wird der Richter zum Gegenspieler des Bolsonarismus. 2021 eskaliert der Konflikt, mitten in der Pandemie, die in Brasilien so viele Todesopfer fordert wie in kaum einem anderen Land. Präsident Bolsonaro behauptet, Covid-Impfungen könnten Aids verursachen. De Moraes eröffnet ein Verfahren wegen der Verbreitung von Falschinformationen.

Zudem ermittelt er gegen den Präsidenten, weil dieser wiederholt ohne Beweise behauptet hat, die elektronischen Wahlurnen seien anfällig für Manipulationen. De Moraes sieht darin einen strafbaren Angriff auf den Wahlprozess. Bolsonaro beschimpft den Richter daraufhin öffentlich als «Schurken» und fordert seinen Rücktritt. Doch de Moraes lässt sich davon nicht beeindrucken.

«Sieg der Demokratie»

Im August 2022 wird er Präsident des Obersten Wahlgerichtshofs und ist damit für die Überwachung der anstehenden Wahlen zuständig. In seiner Inaugurationsansprache richtet er sich offensichtlich an den anwesenden Staatspräsidenten, als er sagt: «Die Meinungsfreiheit ist nicht die Freiheit, die Demokratie zu zerstören und Hass und Vorurteile zu verbreiten.» Bolsonaro hört mit versteinertem Gesicht zu.

Einige Wochen später verpasst er die Wiederwahl. Es ist de Moraes, der offiziell die Wahl Lulas verkündet. Als er dem Sieger die Wahlurkunde überreicht, spricht er von einem Sieg der Demokratie über «antidemokratische Attacken». Es sind solche Aussagen und die von de Moraes angeordnete Löschung von Beiträgen und ganzer Social-Media-Konten aus dem Bolsonaro-Lager, die beim Sturm auf die Institutionen am 8. Januar 2023 die Meute anstacheln.

De Moraes ist Teil der Richtergremien, die Jair Bolsonaro 2023 das passive Wahlrecht entziehen und ihn 2025 wegen eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilen. In diesem Verfahren kommt auch ans Licht, dass Offiziere einer Eliteeinheit des Heeres geplant haben, den Richter zu entführen oder zu ermorden. Eine schwerbewaffnete Gruppe stand schon für den Anschlag parat, doch die Aktion wurde in letzter Minute abgeblasen. Seine guten Beziehungen zum Militär hätten ihm wohl das Leben gerettet, sagte de Moraes im «New Yorker».

Für seine Verbündeten ist der kahlköpfige Jurist, der Gewichte stemmt und mehrmals pro Woche die Kampfsportart Muay Thai betreibt, ein unbeirrbarer Verteidiger der Demokratie, der sich jene vorknöpft, die sie untergraben wollen. Ganz anders sehen ihn seine Feinde, etwa Elon Musk.

Wegen einer temporären Sperrung seines Kurznachrichtendiensts beschimpfte der reichste Mann der Welt de Moraes heftig: Dieser sei ein Verbrecher der schlimmsten Sorte und ein böser Diktator, der sich als Richter ausgebe. Zudem postete Musk ein KI-generiertes Bild von de Moraes hinter Gittern und drohte, dieses Bild werde eines Tages Realität sein. «Merk dir meine Worte!»

Hoffnung für die Bolsonaros

Es gibt jedoch auch ernstzunehmende Kritik von brasilianischen Rechtswissenschaftern und Journalisten an de Moraes’ Amtsführung und Machtfülle. Manche mahnen, dass es rechtsstaatlich heikel sei, dass er in manchen Verfahren sowohl Opfer der Straftat als auch Ermittler und Richter sei. Zudem überschreite er im Kampf gegen Hassnachrichten zuweilen die Grenze zur Zensur.

Gefährlich werden könnte de Moraes der Skandal um den inzwischen liquidierten Banco Master. Dessen Chef Daniel Vorcaro, der zahlreiche brasilianische Politiker geschmiert hat, zahlte mehrere Millionen Franken für die Dienste der Anwaltskanzlei von Viviane Barci de Moraes – der Frau des Richters.

Vorcaro bat auch de Moraes selbst um Unterstützung bei der Abwehr staatlicher Ermittlungen. Bisher konnte dem Richter nicht nachgewiesen werden, dass er wirklich zugunsten seines Bekannten interveniert hat. Dennoch hat de Moraes seinen Ruf als Saubermann der brasilianischen Justiz verspielt. Mittlerweile lehnt eine klare Mehrheit der Bevölkerung seine Arbeit ab. Durch das Erstarken des rechten Lagers bei den diesjährigen Wahlen fehlen im Senat nur noch fünf Stimmen für eine Zweidrittelmehrheit, die den Richter seines Amtes entheben könnte.

Die Bolsonaros dürfen also hoffen, dass sie ihren härtesten Widersacher doch noch loswerden.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Simon Hehli

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