Einer für alle – Harry Kane hat sich den Ballon d'Or redlich verdient

Der Engländer zeigt mit seinem uneigennützigen Spiel, worum es im Fussball eigentlich geht. Seine Konkurrenten verraten in ihren Reaktionen etwas über sich selbst.

27.10.2026, 13.26 Uhr

4 Leseminuten

Aktualisiert


Der Gewinn des Ballon d'Or ist wohl einer der grössten Augenblicke in Harry Kanes Karriere.

Der Gewinn des Ballon d'Or ist wohl einer der grössten Augenblicke in Harry Kanes Karriere.

Reuters

Was ist verdient? Und was ist ein Verdienst? Die Fragen wären zu stellen, nachdem Harry Kane, der Mittelstürmer des FC Bayern München, mit dem Ballon d'Or ausgezeichnet wurde. In London, in seiner Heimatstadt, ein Umstand, der der Geschichte einen geradezu märchenhaft-kitschigen Zug verleiht. Am Montagabend wurde Kane die Trophäe überreicht für den besten Fussballer, Spaniens Nationalspielerin Alexia Putellas von den London City Lionesses erhielt die für die beste Spielerin. 73 Tore in 65 Spielen – das war nur ein Argument, das für Kane sprach, der darüber hinaus den sogenannten Gerd-Müller-Award erhielt, den für den besten Torjäger.

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Ein mustergültiger Sportsmann

Für den Stürmer aus München sprach nach Ansicht der Jury offenbar auch, dass Kane ein überaus mannschaftsdienlicher Spieler ist, der sich nicht zu schade ist, harte Arbeit auf dem Feld zu verrichten. Und darüber hinaus noch ein mustergültiger Sportsmann ist. Fairplay, die dritte, aber keineswegs bedeutendste Kategorie, schien auf das Auftreten Kanes wie zugeschnitten.

Insofern könnte man festhalten, dass es Kanes Verdienst ist, sich diesen Ballon d'Or durch seinen Einsatz erarbeitet zu haben. Und die Zahl der Gratulanten war immens. Nicht nur Prinz William übermittelte Kane Glückwünsche, zahlreiche Mitspieler taten dies ebenso, und natürlich der englische Nationaltrainer Thomas Tuchel, der genau weiss, was er an seinem Captain hat, dessen Zukunft auf diesem Niveau mit 33 Jahren überschaubar ist.

Dabei ist die Auszeichnung Kanes für sich genommen bemerkenswert, denn geehrt wird ein Spieler, dessen Karriere bis zu seinem Wechsel zum FC Bayern vor allem eines war: titellos. Mit Tottenham bemühte sich Kane vergeblich in Meisterschaft, Cup und Champions League. Und auch mit den Bayern wurde er in der ersten Saison nach seiner Ankunft hinter Leverkusen auf die Plätze verwiesen. Dass er mit der Zuverlässigkeit traf, die früher einmal deutschen Beamten nachgesagt wurde, machte ihn zu einem Phänomen, dem zugleich eine gewisse Tragik anhaftete. Und selbst heute, zwei Meisterschaften und einen Cupsieg später, zählt der Weltfussballer keineswegs zu den hochdekorierten Profis.

Die sassen neben ihm in London, die Mitbewerber um den Ballon d'Or. Allen voran Ousmane Dembélé, der, wenn man so möchte: Titelverteidiger. Rodri, 2024 mit dem Ballon d'Or ausgezeichnet, ging mit der Empfehlung des besten Spielers der Weltmeisterschaft und als Weltmeister ins Rennen; sein Mannschaftskollege Lamine Yamal vom FC Barcelona, ist mit 19 Jahren schon Europa- und Weltmeister. Und natürlich Kylian Mbappé, der Stürmer von Real Madrid, der den Ballon d'Or bisher so vergeblich jagt wie Captain Ahab den Weissen Wal.

Die afrikanischen Juroren hatte er umworben mit dem Versprechen, die Trophäe dem Kontinent widmen zu wollen. Und so waren die Reaktionen der Konkurrenten auf den Titelträger durchaus aufschlussreich, ja sogar verräterisch. Rodri, ein tadelloser Sportsmann, erhob sich und gratulierte, genauso wie Dembélé. Lamine Yamals Gesichtsausdruck wirkte, als sei ihm gerade eine Gehaltskürzung mitgeteilt worden; zu Kylian Mbappé musste sich Kane sogar herunterbeugen, um dessen Gratulation entgegenzunehmen.

Die Eifersüchteleien fügten sich in das Bild einer Veranstaltung, die eher einer pompösen Filmpreisverleihung als einer Fussballveranstaltung glich. Wobei sich freilich trefflich darüber streiten lässt, ob Harry Kane nun der richtige Preisträger ist oder Spieler wie Yamal oder Mbappé hätten ausgezeichnet werden sollen. Schliesslich wird der Preis für Kane, der vor allem lange zu kurz gekommen war und dessen phänomenale Loyalität ihn bei Tottenham serienweise um Titel brachte, auch als ein  Ausgleich verstanden.

Die Arena strahlte in Gold

Erst der so opportunistische wie nachvollziehbare Wechsel zum FC Bayern München ermöglichte Kane den Wandel zum Weltstar, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass es viele Fraktionen gibt, die den Stürmer für sich beanspruchen wollen. Noch am Abend wurde sein Konterfei auf die Fassade der Tate Modern Gallery in London projiziert. Die Botschaft an die Landsleute war klar: Kane ist einer von uns. Und auch in München blieben Fassaden nicht unverändert: Die Münchner  Arena, deren Aussenhaut bei Bedarf wie ein Chamäleon die Farbe wechseln kann, erstrahlte in Gold. Uli Hoeness, der Nestor des FC Bayern, sprach unumwunden davon, dass Kane der beste Transfer sei, den der FC Bayern je getätigt habe.

Aus Sicht der Bayern dürfte die Rechnung zumindest finanziell aufgehen. Zwar verdient Kane exorbitant viel Geld (kolportiert werden 25 Millionen Euro), aber es ist nicht nur die Leistung, die ihn heraushebt. Schon am Abend stellten die Bayern ein Trikot des Weltfussballers mit der Nummer neun vor, dessen Rückennummer in Gold beflockt ist. Zum Preis von 175 Euro kann die sogenannte «Authentic Version» erworben werden.

Daher ist die bayerische Freude nachvollziehbar, schliesslich will ein Kader mit einem Budget von rund 300 Millionen Euro finanziert werden. Doch auch darüber hinaus ist der bajuwarische Jubel verständlich, denn es kommt höchst selten vor, dass sie einen Weltfussballer in ihren Reihen begrüssen dürfen. Und das, obwohl sie auch in der jüngeren Vergangenheit stets hervorragende Spieler in ihren Reihen hatten: Arjen Robben, Philipp Lahm und Franck Ribéry, auch Manuel Neuer, der 2014, obschon er mit seinem revolutionären Torwartspiel Weltmeister wurde, nur auf den dritten Rang kam.

Rummenigge war der letzte Bayer

Der Stürmer Karl-Heinz Rummenigge war im Jahr 1981 der letzte Bayer, der diese Auszeichnung erhielt. Lothar Matthäus, dessen Karriere stark mit dem Klub verbunden ist, erhielt den Ballon d'Or 1990 als Profi von Inter Mailand. Ebenso liegt die letzte Auszeichnung für einen Deutschen schon Jahrzehnte zurück. Es war Matthias Sammer, der 1996 die Deutschen an der Europameisterschaft zum Sieg führte.

Seinerzeit gab es noch keine Gala, und es gab auch keinen Wahlkampf, den die Spieler betrieben. Die eigentliche Erkenntnis aus dem Theater in diesem Jahr lautet, dass eine individuelle Auszeichnung in einem Mannschaftssport beinahe so wichtig genommen wird wie eine Weltmeisterschaft oder der Sieg in einem kontinentalen Wettbewerb. Dass es in Kane, wie 2024 in Rodri, jemanden getroffen hat, der seinen Beruf mit grösstmöglicher Demut ausübt, ist immerhin ein kleiner Trost.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Stefan Osterhaus

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