Eine Herzenssache: Wie das Kloster Muri zur ewigen Heimat der Habsburger wurde

Trotz Verbannung und Staatsauflösung riss der Faden nie ab: Seit den 1970er-Jahren finden zahlreiche Nachkommen der Kaiserdynastie im aargauischen Muri ihre letzte Ruhestätte. Zwei Nachfahren geben Einblick in die Familiengeschichte.

07.11.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Im Kloster Muri sind die Herzen des letzten Kaiserpaars von Österreich-Ungarn beigesetzt.

Im Kloster Muri sind die Herzen des letzten Kaiserpaars von Österreich-Ungarn beigesetzt.

Ga¨etan Bally / Bally

«Muri ist für uns Habsburger eine Art Heimat geworden. Hier haben wir unsere Wurzeln, und wir kehren immer sehr gern hierher zurück», sagt Lorenz von Habsburg-Lothringen. «Das Kloster ist für uns ein sentimentaler Ort.» An diesem kühlen Novemberabend gibt es einen besonderen Grund, warum Lorenz und sein Cousin Simeon im Kanton Aargau zu Besuch sind und Einblick in ihre Familiengeschichte geben.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Im Jahr 2027 wird das Kloster Muri sein tausendjähriges Bestehen feiern. Dabei spielt die Familie Habsburg eine zentrale Rolle. Simeon ist Mitglied des Patronatskomitees und freut sich auf die vielen Begegnungen und die zahlreichen Veranstaltungen im Jahr 2027. Ein Höhepunkt wird die Ausstellung mit dem Titel «Muri und Habsburg – eine Herzenssache» sein.

Die Verbindung zwischen der Benediktinerabtei und dem Adelsgeschlecht zählt zu den langlebigsten dynastisch-sakralen Beziehungen Europas. Sie begann im Jahr 1027 mit der Gründung des Klosters Muri durch Graf Radbot von Habsburg und seine Gemahlin Ita von Lothringen auf ihrem Stammgut.

Aargau vertreibt die Mönche

«Wir sind stolz darauf, dass wir einen unglaublichen Bogen schlagen können», erklärt Simeon von Habsburg. «Tausend Jahre nach der ersten spirituellen Gründung werden sich das Kloster Muri, die Benediktiner und die Habsburger beim Festakt und anderen Anlässen treffen.» Dabei ist es alles andere als selbstverständlich, dass die gegenseitige Verbundenheit alle Wirren des vergangenen Jahrtausends überstanden hat.

Mit der Wahl Rudolfs I. zum römisch-deutschen König im Jahr 1273 verlagerte sich die habsburgische Machtbasis nämlich von den schweizerischen Stammlanden nach Österreich. Nach der Schlacht bei Sempach (1386) und dem Verlust des Aargaus an die Eidgenossen (1415) verlor Muri seine direkte Schutzmacht, pflegte das Stiftergedenken jedoch im liturgischen Kalender weiter. «Über die Spiritualität, die für uns und unsere Vorfahren immer sehr wichtig war, hat unsere Familie die Beziehung zum Stift Muri immer gepflegt», erinnert sich Simeon von Habsburg, der vorwiegend in Liechtenstein lebt.

Die wohl grösste Krise erlebte die Beziehung zur Herrscherdynastie Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Januar 1841 wurde das Kloster Muri, wie alle anderen Klöster auf dem Gebiet des Kantons Aargau auch, gewaltsam aufgelöst. Die Habsburger, die inzwischen Kaiser von Österreich waren, intervenierten auf diplomatischer Ebene vergeblich gegen die Säkularisation ihrer Stammabtei. Schliesslich stellte Kaiser Ferdinand I. den vertriebenen Mönchen das Augustiner-Chorherrenstift Gries bei Bozen zur Verfügung. So konnte der Konvent als Abtei Muri-Gries im Verband der Habsburger Erblande überleben.

Der Lauf der Geschichte wollte es, dass eine Katastrophe das Kloster und die Adelsfamilie wieder zusammenführte. Weil Österreich-Ungarn den ersten Weltkrieg verloren hatte, musste Kaiser Karl I. von Österreich 1918 die Regierungsgeschäfte niederlegen. Er war gerade einmal zwei Jahre auf dem Thron und musste Österreich zusammen mit seiner Gattin Zita im Jahr 1919 schliesslich verlassen. Mit ihm endete die Monarchie, die Habsburger wurden des Landes verwiesen und enteignet.

Karl I. starb 1922 auf Madeira und wurde dort beerdigt. Im Rahmen der Einbalsamierung wurde ihm das Herz entnommen, das 1971 in die Loretokapelle im Kloster Muri überführt wurde. Die Kapelle besteht seit dem 17. Jahrhundert.

In der Loretokapelle im Kloster Muri befindet sich das Herz von Kaiser Karl I.

In der Loretokapelle im Kloster Muri befindet sich das Herz von Kaiser Karl I.

Ga¨etan Bally / Bally

«Für uns persönlich begann die Verbindung mit Muri mit diesem Ereignis», sagt Simeon von Habsburg. Für Kaiserin Zita und ihre Nachkommen war damals eine Beerdigung in Österreich wegen der Landesverweisung nicht möglich. «Wir suchten nach einer Lösung in einem Land, zu dem wir einen Bezug hatten. Da lag Muri mit seiner langen Tradition nahe.»

Kaiserin Zita verbrachte ihren Lebensabend in der Schweiz. Nachdem sich die Beziehungen zwischen Österreich und dem Haus Habsburg entspannt hatten, wurde ihr Leichnam im Jahr 1989 nach Österreich überführt und in der Wiener Kapuzinergruft feierlich beigesetzt. Auf ihren Wunsch hin wurde ihr Herz bei dem ihres Mannes im Kloster Muri bestattet. «Meine Grossmutter hatte grosse Freude daran, dass die alte Tradition der Loretokapelle vorhanden war», sagt Simeon Habsburg.

In den darauffolgenden Jahren fanden zahlreiche Habsburger in Muri ihre letzte Ruhestätte. Gemäss Lorenz von Habsburg hängt dies mit der Denkweise der Familie zusammen. «Gruftstätten haben für uns immer eine wichtige Rolle gespielt», sagt er. Sie gehörten zur Identität. «Um so viele Jahrhunderte durchstehen zu können, braucht man viel Flexibilität, Beharrlichkeit und Zusammenhalt. Bildlich kommt dies in einer Gruft sehr gut zum Ausdruck.»

Seit einigen Jahren findet im Kloster Muri jährlich ein Gedenkgottesdienst für das Haus Habsburg statt, zu dem sich 20 bis 25 Angehörige treffen. Bei Beerdigungen kommen bis zu 200 Menschen in der imposanten Klosterkirche zusammen. «Das Interesse an Muri und unserer Begräbnistradition nimmt eher zu», stellt Simeon von Habsburg fest. Angesichts des Kinderreichtums der Familie – allein seine Grossmutter Zita hatte 23 Geschwister – werden in den nächsten Jahren noch einige Beisetzungen in Muri stattfinden.

Habsburger und Eidgenossen

Der Platz für Gräber wird langsam knapp. Deshalb gibt es ein Vorprojekt, um die Grablegung zu erweitern. «Wir hoffen, dass wir diese Pläne in absehbarer Zeit umsetzen können», sagt Urs Pilgrim. Der pensionierte Arzt und ehemalige Präsident von Muri Kultur hat sich intensiv mit der Geschichte des Klosters Muri beschäftigt. «Die Beziehung des Hauses Habsburg zum Aargau ist ein Alleinstellungsmerkmal», sagt er. «Die Geschichte wird lebendig, weil lebendige Habsburger bei uns präsent sind. Das ist ein starker emotionaler Faktor.»

Dass die Habsburger heute so selbstverständlich im Aargau ein- und ausgehen, war historisch keineswegs vorgezeichnet: In der Vergangenheit war das Verhältnis zwischen den Habsburgern und den Eidgenossen belastet. Dieses Bild wurde durch Geschichtsbild, das in den Schulen vermittelt wurde, noch verstärkt. Die heutigen Nachkommen haben dies persönlich kaum zu spüren bekommen. «Ich habe mich insbesondere im Aargau immer sehr willkommen gefühlt», sagt Simeon von Habsburg.

Das gilt auch für Lorenz von Habsburg, der sich allerdings an eine Begebenheit aus den 1980er-Jahren erinnert. Während seines Studiums in St. Gallen habe eine Kommilitonin zu ihm gesagt: «Wissen Sie, vor 200 Jahren hätten wir Sie hier geköpft.» Das habe er so nicht stehen lassen wollen und geantwortet: «Wissen Sie, vor 200 Jahren wäre ich nicht alleine gekommen.» Glücklicherweise sei dieses Geschichtsbild inzwischen längst überwunden.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Erich Aschwanden

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira