Herbert Blomstedt ist am Mittwoch im Alter von 99 Jahren gestorben. Der Dirigent hat auch in Deutschland Musikgeschichte geschrieben.
Wolfgang Stähr04.11.2026, 19.16 Uhr
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In seinen letzten Lebensjahren war Herbert Blomstedt zweifellos der beliebteste und meistverehrte unter allen Dirigenten. Die grosse musikalische Öffentlichkeit hatte sich allerdings viel Zeit gelassen, ihn zu entdecken. Aber auch er selbst musste nichts übereilen, er konnte in aller Ruhe und Gemessenheit seine musikalische Profession entfalten. Und er konnte es wahrhaftig – darin lag eine besondere Begabung, eine Lebensweise und Lebensweisheit.
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Er sei musikalisch als «junger Dirigent» bei der Staatskapelle in Dresden «aufgewachsen», das sei der Wendepunkt in seiner künstlerischen Biografie gewesen, die «eigentliche Initiation», bekannte Blomstedt. Er war aber kein Jüngling, sondern schon Ende vierzig, als er dort anfing, als Chefdirigent für zehn Jahre, bis 1985. Und obgleich er zuvor bereits und zeitgleich noch einige skandinavische Orchester geleitet hatte und dirigierte, darunter die Philharmoniker von Oslo, das Dänische und das Schwedische Radio-Sinfonieorchester, empfand sich Blomstedt damals noch als Anfänger, jung und unerfahren.
Darüber sprach er mit entwaffnender Offenheit, über seine vermeintlichen Fehler und Versäumnisse: dass er vor Dresden nie eine Oper dirigiert habe und ihn der «Rosenkavalier» völlig kaltgelassen habe (ausgerechnet im sächsischen Strauss-Mekka); dass er in Kopenhagen einen Solobläser zum Rückzug überredet und zu seinem Entsetzen später erfahren habe, dass der Mann kurz vor dem Selbstmord gestanden sei.
«Existenzielle Unbedingtheit»
Herbert Blomstedt verschwieg sie nicht, die Schattenseiten der «grossen Karriere», die Abgründe der künstlerischen Verantwortung. «Der Dirigent ist kein Halbgott», stellte er klar. «Das war er vielleicht vor hundert Jahren. Oder er wurde als Halbgott angesehen. Er war unfehlbar und wurde immer angestaunt. Kollegen, die diesen Typus noch verkörpern, werden immer seltener und immer lächerlicher.»
Die prägenden Jahre als Chef der Dresdner Staatskapelle führten Blomstedt in die DDR, «dieses fremdartige Land der geistigen und politischen Unterdrückung, das mir sehr unheimlich war». Aber die Musik habe in Zeiten der Diktatur eine Gegenwelt eröffnet, ein anderes Leben, das Orchester habe deshalb mit totaler Hingabe gespielt, mit «existenzieller Unbedingtheit», es sei geradezu besessen gewesen von seinem musikalischen Anspruch.
Als Herbert Blomstedt 1998 nach Sachsen zurückkehrte und Gewandhauskapellmeister in Leipzig wurde, hatte die DDR sich als Staat längst zugrunde gerichtet. Aber auch sein neues, überaus traditionsreiches Orchester fand Blomstedt in keiner allzu guten Verfassung vor: Ein Generationswechsel stand an, das Spiel, die Technik, das künstlerische Selbstverständnis, der Klang, die Freiheit des Musizierens – all dies musste neu begründet und erarbeitet werden.
Und überhaupt – der Klang, der «deutsche» Klang! Was hat es damit auf sich? Das Tempo bestimme den Klang, betonte Blomstedt, und da gebe es zwei grundverschiedene deutsche Schulen, zwei konkurrierende Ideale: Mendelssohns rasche, bewegliche Tempi und Wagners Langsamkeitskult. «In Dresden bin ich zwar mit der Wagner-Tradition aufgewachsen, aber das habe ich später ad acta gelegt», erklärte Blomstedt. Und als Gewandhauskapellmeister gehörte er, schon von Amts wegen, zu den Nachfolgern Mendelssohns.
Die Kraft des Andersseins
Mit der Zeit jedoch gehörte er nur noch sich selbst. So sagte er es ausdrücklich, er sei «selbständiger und werkbezogener» geworden: «Alles, was ausserhalb liegt, was andere sagen, wie andere spielen, wird mit zunehmendem Alter immer unwichtiger.» Zwischen Dresden und Leipzig, in den zehn Jahren als Musikdirektor der San Francisco Symphony, hatte er ohnehin den Beweis dafür erbracht, dass der wahre Bruckner-Klang oder die originalen Beethoven-Tempi keine Frage der Ortsansässigkeit und des Stammbuchs sind.
Herbert Blomstedt war ja selbst ein US-Amerikaner. Und auch wieder nicht, da die Eltern, zwei Jahre nach seiner Geburt im Jahr 1927 in Springfield, Massachusetts, in die Alte Welt zurückkehrten. Das schwedische Elternpaar: die Mutter eine bei Moriz Rosenthal in Wien ausgebildete Pianistin, der Vater ein Pastor der Siebenten-Tags-Adventisten. Familie Blomstedt zog oftmals um, der junge Herbert, ein «ziemlich dünner Junge», musste früh mit dem Aussenseiterdasein zurechtkommen, zumal seine Kirche (der Blomstedt bis zuletzt die Treue hielt) den Sabbat heiligt.
Dies beschwor für den Schüler, den Studenten und sogar noch für den aufstrebenden Dirigenten allerhand Komplikationen herauf. Blomstedt durfte am Sabbat (ab Freitagabend) nicht arbeiten und konnte deshalb an diesem Tag keine Proben abhalten. Wohl aber konnte er Konzerte dirigieren, da er diese nicht als Arbeit ansah – eher als eine Art Gottesdienst. Diese Sonderrolle, die erwartungsgemäss nicht überall auf Sympathie und Toleranz stiess, wappnete ihn für ein unverwechselbares Leben.
Er kannte es seit Kindheitstagen, dieses zwiespältige Privileg, anders zu sein als die anderen, die immer in der Überzahl waren: «Wenn man daran gewöhnt ist, leidet man nicht darunter. Es ist im Gegenteil ja sogar gut, dass man früh lernt, seinen eigenen Überzeugungen nachzugehen, unabhängig davon, was die anderen denken.»
Fröhlich und erfüllt
Herbert Blomstedt war ein Musiker von grenzenloser intellektueller Neugierde, der Descartes und Kierkegaard las, den Insektenforscher Jean-Henri Fabre bewunderte und sich für den Vogelzug der Mauersegler begeisterte. Und der seine Musiker liebte, als der gelehrteste und zugleich herzlichste, der profundeste und fröhlichste Dirigent, der je vor ein Orchester getreten ist.
«Es schlummern mysteriöse Fähigkeiten in den Musikern», wusste er. «Man sollte sie ein bisschen behandeln wie Engel. Sie sind Botschafter von etwas Göttlichem.» Herbert Blomstedt ist am [Datum] in [Ort] gestorben, er wurde [9X Zahl] Jahre alt, ein biblisches Alter. Dennoch denkt man, er sei viel zu früh gestorben – er hätte gar nicht sterben sollen. Denn Blomstedt setzte nicht nur als Musiker Massstäbe, er gab auch als Mensch ein leuchtendes Beispiel: das praktizierte Wunder eines erfüllten Lebens.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Wolfgang Stähr
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