Ein mysteriöser Vorfall bei der Militärbasis Fairford verunsicherte Grossbritannien – nun klärt sich, was wirklich geschah
Die britischen Behörden haben zwei Männer angeklagt, die bei den Vorgängen Ende September wohl eine zentrale Rolle spielten. Der mutmassliche Drahtzieher jedoch ist flüchtig. Alle Indizien deuten nach Iran.
28.10.2026, 16.01 Uhr
3 Leseminuten
Der Vorfall bei der Luftwaffenbasis Fairford löste Ende September ein riesiges Polizeiaufgebot aus.
Neil Hall / EPA
Als in den frühen Morgenstunden des 27. Septembers drei verdächtige Fahrzeuge in der Nähe der Luftwaffenbasis RAF Fairford entdeckt und kurz darauf fünf Männer verhaftet wurden, war Grossbritannien auf einen Schlag im Alarmzustand: Eine Heerschar von Polizisten und Sprengstoffexperten rückte aus, Tausende Anwohner wurden evakuiert. Zwar fiel der Verdacht schon früh auf Iran. Doch die britische Öffentlichkeit wurde während Wochen darüber im Dunkeln gelassen, was sich wirklich zugetragen hatte.
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Nun kommt langsam Licht ins Dunkel: Die britischen Behörden haben zwei Männer wegen Verstössen gegen das nationale Sicherheitsgesetz angeklagt. Am Dienstag mussten die beiden britischen Staatsbürger zu einer ersten Anhörung erscheinen, wo die Staatsanwaltschaft ihre vorläufigen Erkenntnisse präsentierte. Dabei wurde klar, dass der mutmassliche Drahtzieher der Aktion – ein Mann namens Ali – noch immer auf freiem Fuss ist. Er hat sich wohl ins Ausland abgesetzt.
Ali verfolgte das Geschehen über Kameras
Angeklagt ist einerseits der 24-jährige Nouman Essghir. Er gehörte zu den fünf Männern, die am 27. September nahe der Basis verhaftet wurden. Doch offenbar war er schon einen Monat zuvor dorthin gereist, um Videoaufnahmen der Anlage zu machen, die er anschliessend an Ali schickte.
Der andere Beschuldigte, der ebenfalls 24-jährige Mohmed Ahmad Abdulkarim, war an jenem Tag nicht dabei – er wurde erst später verhaftet. Doch er soll die Fahrzeuge und Mobiltelefone gekauft haben. Dafür soll er Zehntausende britische Pfund von Ali erhalten haben, den er offenbar schon seit mehreren Jahren kannte. In der Anklage gegen Abdulkarim heisst es, er habe einem ausländischen Nachrichtendienst assistiert. «Wir gehen davon aus, dass es sich in diesem Fall um Iran handelt», sagte Laurence Taylor, der Chef der britischen Anti-Terror-Polizei. Iran hat bisher jegliche Beteiligung an dem Vorfall bestritten.
Ali, der mutmassliche iranische Agent, soll die Aktion aus der Entfernung dirigiert haben. Über Kameras, die in den Autos installiert waren, habe er das Geschehen verfolgt, sagte die Staatsanwältin Louise Gray am Dienstag den Richtern. Zudem sei er mit den fünf Männern in den Fahrzeugen telefonisch in Kontakt gestanden.
In der Nähe der Luftwaffenbasis sei der Konvoi auf eine Absperrung gestossen. Darauf habe Ali die Männer angewiesen, an einen anderen Ort zu fahren, die Fahrzeuge zu parkieren und sie zurückzulassen. Am Telefon habe Ali erklärt, dass sich eine Bombe in einem der Fahrzeuge befinde, worauf die fünf Männer davongerannt seien.
Einer von ihnen kontaktierte darauf die Polizei. In dem Telefonat erklärte er den Behörden, dass die Gruppe den Auftrag erhalten habe, die Transporter nach Fairford zu bringen. Man habe ihnen gesagt, es gehe um ein neues Geschäftsvorhaben. Fest steht: Eine Bombe gab es nicht. Die drei Fahrzeuge hatten lediglich Benzinkanister geladen.
USA haben Bomber abgezogen
Unklar bleibt, ob die beteiligten Personen wussten, was sie taten und in wessen Auftrag. Das Rekrutieren von Wegwerfagenten ist eine bekannte Taktik Irans. Insbesondere in Israel werden immer wieder entsprechende Fälle bekannt. Dabei kontaktieren iranische Geheimdienstler leichtgläubige Personen über die sozialen Netzwerke und versprechen ihnen hohe Geldbeträge. Im Gegenzug sollen sie Fotos von sensiblen Anlagen machen oder Sabotageakte durchführen. Mit der Zeit werden die Aktionen immer riskanter – und die Belohnungen höher.
Beim Vorfall bei der Basis Fairford scheint es sich um eine relativ komplexe Operation gehandelt zu haben. Die Frage stellt sich: Was war das Ziel? War es ein Testlauf für einen Terroranschlag? Oder sollten vielmehr Angst und Schrecken verbreitet werden? Ein Ziel hat Iran womöglich erreicht: Anfang Oktober zogen die USA alle ihre Langstreckenbomber von der Luftwaffenbasis ab, die sie bis dahin für Einsätze im Iran-Krieg genutzt hatten. Angeblich hatte es weitere Drohungen gegen den Stützpunkt gegeben.
Nach wie vor bleiben also viele Fragen offen. Die beiden Angeklagten werden am 20. November erneut vor Gericht erscheinen müssen. Sechs weitere Personen, die im Rahmen der Ermittlungen verhaftet wurden, sind gegen Kaution auf freiem Fuss. Doch solange der mysteriöse Mann namens Ali nicht ausfindig gemacht werden kann, werden die genauen Hintergründe des Vorfalls wohl kaum restlos aufgeklärt können.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jonas Roth
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