Die Ukraine hat wieder vollen Zugang zum amerikanischen Satelliteninternet, aber offenbar zum Preis eines geheimen Zugeständnisses
Die Starlink-Krise zwischen Washington und Kiew scheint für den Moment entschärft. Aber die Truppen Kiews haben sich der Forderung Trumps gebeugt und verschonen russische Raffinerien. Derweil verstrickt sich der Starlink-Betreiber Elon Musk in Widersprüche.
27.10.2026, 05.30 Uhr
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Ein ukrainischer Soldat mit einem Starlink-Empfangsgerät nahe der Front im Donbass. Vorübergehende Beschränkungen beim Satelliteninternet haben in der Ukraine grosse Besorgnis hervorgerufen.
Reuters
Zehn Tage lang haben die ukrainischen Truppen unter Beschränkungen beim amerikanischen Satellitennetzwerk Starlink gelitten. Bei der militärischen Version von Starlink, Starshield, fiel Mitte Oktober das Internet aus, sobald die entsprechenden Empfangsgeräte mit einer Geschwindigkeit von mehr als 160 Kilometern pro Stunde unterwegs waren. Dies verunmöglichte sowohl Angriffe mit satellitengesteuerten Kamikazedrohnen als auch den Einsatz von schnellen Abfangdrohnen zur Bekämpfung russischer Fluggeräte.
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Am Wochenende konnte Präsident Wolodimir Selenski jedoch Entwarnung geben: Starlink und Starshield funktionierten wieder im früheren Umfang und mit ausreichenden Geschwindigkeiten. Die Affäre ist damit allerdings nicht vollständig bewältigt. Die plötzliche Einschränkung des Satelliteninternets hat den Ukrainern – und weiteren Ländern – vor Augen geführt, wie abhängig sie von den Amerikanern sind.
Die ohne Vorwarnung verhängten Limiten waren eindeutig politisch motiviert und spiegelten die Verärgerung des Weissen Hauses über die ukrainische Kriegführung. Entgegen der Forderung von Präsident Donald Trump hatte Kiew regelmässig russische Erdölraffinerien angegriffen und damit nach amerikanischer Darstellung wesentlich zur Preishausse bei Diesel beigetragen.
Zahlreiche Angriffe, aber nicht auf die Dieselproduktion
Bezeichnend für das Machtgefälle ist, wie Selenski mit dieser Zwickmühle umgeht. In der Öffentlichkeit verkündete er zwar, dass er sich der amerikanischen Forderung nicht beugen könne; die ukrainischen Schläge gegen Raffinerien seien eine Antwort auf die ständigen russischen Angriffe auf ukrainische Energieanlagen. Aber in Wirklichkeit drängt sich der Schluss auf, dass Kiew still nachgegeben hat oder gar eine informelle Vereinbarung mit Washington eingegangen ist. Jedenfalls werden in letzter Zeit russische Raffinerien auffallend verschont. Seit dem 16. Oktober sind keine neuen Angriffe auf Dieselproduktionsstätten bekanntgeworden.
Das ukrainische Militär konzentrierte sich stattdessen auf Schläge gegen Rüstungsfabriken und militärisch bedeutsame Zulieferfirmen. Getroffen wurde am Montag beispielsweise eine petrochemische Fabrik in Woronesch, die Gummi für Militärflugzeug-Pneus und Komponenten für Raketentreibstoff herstellen soll. Fabriken mit ähnlichem Profil waren schon am Wochenende in Togliatti an der Wolga und in der sibirischen Stadt Omsk angegriffen worden. Mit britisch-französischen Marschflugkörpern zerstörten die Ukrainer zudem eine militärnahe Anlage zur Produktion von Mikrochips.
Es liegt nahe, dass die Ukraine unter amerikanischem Druck einen taktischen Rückzieher gemacht hat und vorläufig keine Raffinerien ins Visier nimmt. Möglicherweise gilt dies nur bis zu den Zwischenwahlen in den USA in einer Woche, bei denen die hohen Treibstoffpreise zum Politikum geworden sind. Das Zugeständnis könnte geholfen haben, wieder vollen Zugang zum Starshield-Satelliteninternet zu gewinnen. Allerdings war die Regierung Trump wegen dieser Affäre auch im eigenen Land unter Druck geraten. Im Senat haben die oppositionellen Demokraten eine Untersuchung der undurchsichtigen Vorgänge lanciert.
Seltsame Argumentation von Elon Musk
Weiterhin wollen weder die Trump-Regierung noch der Satellitennetzbetreiber SpaceX für die gegen die Ukraine gerichtete Entscheidung von Mitte Oktober geradestehen. Vielmehr schieben sich die beiden Seiten die Verantwortung zu. Dabei hat sich der SpaceX-Chef Elon Musk am Wochenende in erhebliche Widersprüche verwickelt. Bisher hatte er argumentiert, dass die in der Ukraine festgestellten Beschränkungen nur das System Starshield beträfen, das im Unterschied zu Starlink der Kontrolle des Pentagons und damit den politischen Behörden unterstehe. Damit konnte er seine Hände in Unschuld waschen.
Nun wechselte er plötzlich seine Verteidigungslinie und beschuldigte die Ukraine, die Geschäftsbestimmungen von Starlink verletzt zu haben. Diese «Lücke» sei Mitte Oktober geschlossen worden.
Damit gestand Musk indirekt ein, dass neben Starshield auch Starlink betroffen war und er seine Finger im Spiel hatte. Dass Musk die Beschränkungen angeregt oder in Absprache mit der Trump-Regierung umgesetzt hatte, hatten vergangene Woche schon ungenannte amerikanische Beamte durchsickern lassen. Die Hintergründe bleiben allerdings nebulös.
Der SpaceX-Chef Elon Musk steht der ukrainischen Führung ablehnend gegenüber.
Adrees Latif / Reuters
Ebenso wirkt rätselhaft, was Musk mit seinem jüngsten Vorwurf an die Adresse der Ukrainer meinte. Er behauptete bei seinem Kurznachrichtendienst X, dass das ukrainische Militär den zivilen Internetdienst Starlink für «offensive Drohnenschläge» und zum Töten von Menschen missbraucht habe.
Eine scharfe Trennung zwischen Angriffs- und Verteidigungswaffen ist in der Realität allerdings oft unmöglich. Die Ukraine nutzt die schnellen Geschwindigkeiten von Starshield hauptsächlich zur Steuerung von Drohnen, die in sogenannten Mittelstreckenangriffen russische Transporte und Militäreinrichtungen in den besetzten Gebieten ins Visier nehmen. Dies sind Operationen, die letztlich der Verteidigung der Ukraine und ihres Territoriums dienen. Für die von der Regierung Trump kritisierten Langstreckenangriffe auf Erdölraffinerien ist Starshield jedoch nutzlos, weil das Satelliteninternet in Russland nicht funktioniert.
Ukrainische Regierungsvertreter widersprachen Musk vehement und argumentierten, von einer Verletzung der Starlink-Bestimmungen könne keine Rede sein. Im Unterschied zu Starshield gebe es für die Starlink-Nutzung schon lange Geschwindigkeitsbeschränkungen; daher seien Drohnenangriffe mithilfe von Starlink technisch unmöglich.
«Mitgefühl für die armen russischen Rekruten»
Klar ist, dass Musk einen Groll gegenüber der ukrainischen Führung hegt. Er hat in den vergangenen Tagen wie auch Trump mehrmals einen neuen Präsidenten anstelle von Selenski gefordert. Zugleich versuchte er die Beschränkung des Satellitennetzwerks damit zu rechtfertigen, dass das «endlose Gemetzel» zwischen Ukrainern und Russen aufhören müsse. «Wir müssen auch etwas Mitgefühl für die armen russischen Rekruten zeigen. Diese Jungs haben keine andere Wahl, als zu kämpfen und in Drohnenangriffen zu sterben», schrieb er am Sonntag in einer weiteren Kurznachricht.
Sachlich ist diese Darstellung nicht korrekt, denn russische Rekruten kommen nur in Ausnahmefällen an der Front zum Einsatz. Die allermeisten russischen Frontsoldaten sind sogenannte Kontraktniki – sie haben Verträge für einen Militärdienst unterzeichnet, angelockt durch üppige Soldzahlungen und Rekrutierungsboni.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Rüesch
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