Die Trickserei mit Dan Sullivan: Die Demokraten stellten in Alaska einen Doppelgängerkandidaten auf
Im nördlichsten Teilstaat der USA kandidieren zwei Senatskandidaten mit demselben Namen. Laut einer Recherche der «New York Times» handelt es sich um ein manipulatives Manöver der Demokraten. Der Skandal könnte den Republikanern in die Hände spielen.
30.10.2026, 10.05 Uhr
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Reuters
AP
Der republikanische Senator Dan Sullivan (links) steht zur Wiederwahl; Demokraten rekrutierten den Unabhängigen Dan Sullivan (rechts) im Rennen um die Senatswahl.
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Auf dem Wahlzettel, den bereits Zehntausende von Wählenden im nördlichsten Gliedstaat der USA ausgefüllt haben, stehen zwei Sullivans übereinander: Dan S. Sullivan, der bisherige republikanische Senator, der sich zur Wiederwahl stellt, und der parteilose Daniel J. Sullivan junior, eine bisher völlig unbekannte Figur.
Letzterer ist ein pensionierter Lehrer und lebt in Petersburg, einer kleinen Fischergemeinde auf der Insel Mitkof. Er wählte in der Vergangenheit demokratisch. Am 29. Mai meldete er seine Kandidatur für den Senat an, nachdem er sich kurz zuvor als Republikaner registriert hatte. Die Republikaner witterten ein Foulspiel der demokratischen Senatskandidatin Mary Peltola. Sie sahen darin die Absicht, republikanische Wähler zu verwirren. Die in Alaska regierenden Republikaner strichen Dan J. Sullivan von der Wahlliste. Dagegen klagten Bürgerrechtsorganisationen. Der Oberste Gerichtshof Alaskas entschied im Juni, dass Sullivan auf dem Wahlzettel stehen bleiben darf.
Dan J. Sullivan, der Zweite, beteuerte, aus eigenem Antrieb und ohne Hintergedanken angetreten zu sein. Auch die Wahlkampfleitung von Peltola lehnte die Vorwürfe einer Manipulation wiederholt ab.
Vergangene Woche dann klagte das Justizdepartement präventiv gegen die Wahlbehörden von Alaska. Bei einem Wahlsieg der Demokratin Mary Peltola dürfe die republikanische Regierung von Alaska die Wahl nicht beglaubigen. Sonst würden die Amtsträger «ihre Pflicht missachten, die Integrität der Wahl zu schützen», heisst es in der Klageschrift. Der Schritt wurde von den Demokraten als Wahlmanipulationsversuch von Präsident Donald Trump dargestellt. Peltola empörte sich über den Übergriff der Trump-Regierung in den föderalistischen Wahlprozess in Alaska.
Das Projekt Dan Sullivan
Doch nun enthüllte eine Recherche der «New York Times», dass führende Mitglieder der Peltola-Kampagne aktiv einen Doppelgängerkandidaten gesucht und Sullivan rekrutiert hätten. Als eine der Hauptquellen zitiert der Artikel die ehemalige Wahlkampfleiterin von Peltola, Elisa Rios. Gegenüber der «New York Times» nannte die Whistleblowerin auch ihre Beweggründe: «Die Wähler von Alaska müssen das wissen. Es gab viele Spekulationen, und die Wähler sollten sich ein vollständiges Bild machen können.»
Offenbar gab es hinter den Kulissen der Peltola-Kampagne ein sogenanntes «Projekt zur Gestaltung der Wahlliste». Laut der «New York Times» reisten Helfer durch Alaska, um verschiedene Männer namens Dan Sullivan zu einer Kandidatur zu überreden. Die Aktion sei zudem mit Mitarbeitern des Democratic Senatorial Campaign Committee (DSCC) besprochen worden, der führenden Institution der Demokraten im Senatswahlkampf. Die persönliche Verantwortung der demokratischen Spitzenkandidatin klärt der Artikel nicht auf. Das DSCC liess verlauten, man habe mit der Aufstellung von Dan J. Sullivan nichts zu tun.
Da Alaska das abgestufte Wahlrecht anwendet, bei dem die Wähler die Kandidaten in der Reihenfolge ihrer persönlichen Präferenz einstufen, würde der Sullivan-Doppelgänger laut Experten kaum das Schlussresultat beeinflussen.
Trump fordert Strafverfahren
Die Nachricht schlug eine Woche vor den Zwischenwahlen in den amerikanischen Medien hohe Wellen. Konservative Medien sehen darin einen Politskandal grösserer Dimension, während linksliberale Medien auf ähnliche republikanische Manöver hinweisen. Tricksereien mit Drittkandidaturen sind in der amerikanischen Politik nicht unüblich. Sie verfolgen das Ziel, die Wählerstimmen im gegnerischen Lager zu spalten.
Republikanische Geldgeber finanzierten dieses Jahr beispielsweise einen sozialistischen Kandidaten im Senatswahlkampf in Ohio. Es gab auch immer wieder Berichte, wonach Republikaner grüne Drittkandidaten unterstützen. Dasselbe tun laut der «Washington Post» die Demokraten mit libertären Drittkandidaten.
Präsident Trump bezichtigte die Demokratin des «Wahlbetrugs höchsten Grades» und forderte ihren Rückzug: «Was sie getan hat, sollte rechtliche und politische Konsequenzen haben», schrieb er auf Truth Social und verlangte ein Strafverfahren.
Rechtsexperten halten die bereits erfolgte Klage des Justizdepartements für wenig erfolgversprechend. Derek T. Muller, Rechtsprofessor an der katholischen Privatuniversität Notre Dame, nannte die Klage in seinem Blog eine der schwächsten, die er je gesehen habe. Laut der amerikanischen Verfassung sind die Teilstaaten für die Wahlen zuständig. Der republikanische Gouverneur von Alaska, Mike Dunleavy, hat am Mittwoch eine behördliche Untersuchung angeordnet.
Derweil versucht die demokratische Senatskandidatin, sich nicht aus dem Takt bringen zu lassen: «Es handelt sich bloss um eine weitere Ablenkung», sagte sie gestern den Medien am Rand einer Wahlkampfveranstaltung. «Niemand bei der ‹New York Times› kümmert sich um die hohen Lebenshaltungskosten in Alaska, mit dem Zeug wollen sie nur Abonnemente verkaufen.» Damit versuchte sie, zur Tagesordnung im Wahlkampf zurückzukehren: «Ich sorge mich um die hohen Rechnungen und die Krankenkassenkosten», sagte sie.
Im Rennen um den Senatssitz liefern sich Senator Dan Sullivan und die ehemalige Kongressabgeordnete Mary Peltola ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Laut dem Institut Real Clear Politics, das alle wichtigen Umfragen aggregiert, führt die Demokratin das Feld knapp an. Es wäre ein wichtiger Sitzgewinn für die Demokraten auf dem Weg zur Mehrheit im Senat. Vor der Sullivan-Affäre war die Zukunft der Fischerei das Hauptthema im Wahlkampf. Nun muss sich Peltola gegen Wahlbetrugsvorwürfe wehren. Falls sie trotzdem siegt, droht eine Eskalation des Rechtsstreits.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Jacobi
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