Die Schweiz korrigiert die Zahl der Hitzetoten nach oben

Eine neue Statistik belegt: Die Zahl der Opfer der hohen Temperaturen in diesem Sommer wurde unterschätzt. Gleichzeitig ist den Daten zu entnehmen: Viele Todesfälle liessen sich verhindern.

05.11.2026, 17.08 Uhr

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Eine Stadt kocht: Menschen auf dem Zürcher Platzspitz, fotografiert mit einer Wärmebildkamera während der Hitzewelle Ende Juli 2026. Blau steht für kalt, Rot für heiss und Weiss markiert die höchsten Temperaturen.

Eine Stadt kocht: Menschen auf dem Zürcher Platzspitz, fotografiert mit einer Wärmebildkamera während der Hitzewelle Ende Juli 2026. Blau steht für kalt, Rot für heiss und Weiss markiert die höchsten Temperaturen.

Gaetan Bally / Keystone

Über diesen Hitzesommer lässt sich zumindest eine tröstliche Nachricht vermelden: Es hätte das Land noch schlimmer erwischen können. Jedenfalls gilt das aus medizinischer Perspektive. Aus neuen Daten lässt sich entnehmen: In diesem Sommer gab es nicht mehr Hitzetote als im Sommer 2003, als die Hochs Michaela und Manuela Rekordtemperaturen brachten. Und das, obwohl das Thermometer in Mitteleuropa diesmal noch höhere Werte anzeigte.

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Martina Ragettli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) hat mit Kollegen die neue Statistik errechnet. «2003 traf die Hitzewelle das Land noch relativ unvorbereitet», sagt sie. Es gab beispielsweise noch keine Hitzeaktionspläne der Kantone und weniger öffentliches Bewusstsein für die Gesundheitsgefahren. Das hat sich geändert. «Ich gehe davon aus, dass wir ohne solche Massnahmen dieses Jahr noch mehr Hitzetote gehabt hätten», so die Forschungsgruppenleiterin im Bereich Klima und Gesundheit am Swiss TPH. Das wiederum zeigt: Präventionsmassnahmen wirken, man kann gegen diese Gesundheitsgefahren etwas machen.

Bislang ging man von 600 Opfern aus

Das ist eine der wenigen guten Nachrichten in der neuen Statistik, die das Institut im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit erstellt hat. Denn die Hauptaussage des Kurzberichts «Sommer 2026: Erste Schätzung der hitzebedingten Todesfälle in der Schweiz» lautet: Die Zahl der Hitzetoten lag in diesem Sommer deutlich höher als gedacht. Bislang war man für den Zeitraum zwischen Anfang Mai und Ende August von rund 600 Opfern ausgegangen.

Das Swiss TPH hat nun errechnet: Der Wert liegt wohl eher bei 1260. «Die Ergebnisse bestätigen einmal mehr: Hitze ist die Naturgefahr, die in der Schweiz die meisten Todesfälle verursacht», so die Wissenschafter.

Auch der Wert von 1260 ist nur eine Schätzung, beruht aber auf viel besseren Daten als das Ergebnis der bisherigen Übersterblichkeitskalkulation. Die Forscher haben anhand der Sterberaten und der Temperaturen errechnet, welcher Anteil der Gestorbenen in einem Monat tatsächlich der Hitze zuzuschreiben ist.

Bei der bisherigen Kalkulation wurden viele Hitzetote nicht erfasst. Sie berechnet, wie viele Menschen in diesem Sommer mehr gestorben sind als in den vergleichbaren Monaten in den Vorjahren. Damals gab es allerdings auch schon Hitzetote, die in der Subtraktion unterschlagen werden – weil solche Todesfälle bei anderen Ursachen wie etwa Krebs einfliessen. Eine Übersterblichkeitsschätzung wird bei den Hitzetoten deshalb immer zu niedrige Werte liefern.

Besonders gefährlich wird es ab 25 Grad

Aus den neuen Daten lassen sich noch andere Rückschlüsse ziehen: 85 Prozent der Hitzetoten waren 75 Jahre alt oder älter. Das war zu erwarten, weil der Körper von älteren Menschen hohe Temperaturen besonders schlecht verkraftet. Und: 70 Prozent der Betroffenen sind an den besonders heissen Tagen gestorben – also an Tagen mit einer Durchschnittstemperatur von mindestens 25 Grad. Das ist die Temperaturschwelle, ab der MeteoSchweiz Hitzewarnungen herausgibt.

«Die gesundheitlichen Auswirkungen von moderat heissen Tagen nehmen dagegen kontinuierlich über die Jahre ab», sagt Martina Ragettli. Auch das spricht für die Wirksamkeit der etablierten Präventionsmassnahmen. Dennoch ist für die Wissenschafterin klar: Die Schweiz stehe bei den erforderlichen Schutzmassnahmen gegen hohe Temperaturen erst am Anfang. «Wir kommen nicht nach mit den Massnahmen, weil es immer noch höhere Temperaturen gibt und immer mehr Hitzetage.» Die Prävention und auch die Art, wie hierzulande Städte und Häuser gebaut würden, müssten einfach besser Schritt halten mit der Zunahme dieser sehr heissen Tage.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael Brendler

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