Die Rettung von Einwohnern der ukrainischen Frontstadt Oleschki ist ein kleiner, aber ungewöhnlicher Erfolg in diesem Krieg
Dank einer konsequent eingehaltenen Feuerpause an der Dnipro-Front ist es gelungen, Hunderte vom Hungertod bedrohte Menschen in Sicherheit zu bringen. Eine wichtige Vermittlerrolle hatte die amerikanische Präsidentengattin Melania Trump gespielt.
02.11.2026, 05.30 Uhr
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Eine Ukrainerin aus Oleschki umarmt nach der Ankunft auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet ihre Tochter, die dort auf sie gewartet hat.
Valentyn Ogirenko / Reuters
Die humanitäre Aktion zur Rettung von Bewohnern der russisch besetzten Frontstadt Oleschki ist am Wochenende zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen. Mehrere hundert Menschen trafen am Samstag nach einer langen Reise auf ukrainischem Boden ein. Sie seien aus der Hölle zurückgekehrt, sagten nach der Ankunft mehrere von ihnen gegenüber westlichen Medien. Bilder und Videos zeigten mehrheitlich ältere, ausgezehrte Menschen, von denen einige ihre Tränen nicht zurückhalten konnten. Manche benötigten Hilfe beim Aussteigen, auch einige Schwerstbehinderte mit amputierten Gliedern waren unter den Ankömmlingen.
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Die seit 2022 von russischen Truppen kontrollierte Kleinstadt Oleschki ist im Laufe des Krieges fast völlig zerstört worden, und in den letzten Monaten herrschte grosser Hunger. Einige der nun Geretteten bestätigten Berichte, wonach manche Einwohner sich in ihrer Not von Gräsern ernährt hätten. Eine Flucht galt vielen als zu riskant, weil die Zufahrtsstrassen nach Oleschki vermint waren und von den allgegenwärtigen Drohnen akute Gefahr ausging.
Waffenruhe konsequent eingehalten
Ein Durchbruch erfolgte mit der von der amerikanischen First Lady Melania Trump vermittelten Einigung zwischen der Ukraine und Russland auf eine lokale Waffenruhe. Die vom Dienstag an geltende Feuerpause betraf die gesamte zwischen der Ukraine und Russland geteilte Provinz Cherson und wurde bemerkenswert konsequent eingehalten. Dies ermöglichte es, zuerst die Strassen von Minen zu räumen und darauf eine Evakuierung Oleschkis zu starten.
Platz gab es nach offiziellen Angaben für 750 Reisewillige. Sie konnten zwischen Bussen mit der Aufschrift Ukraine oder Russland wählen. Die grosse Mehrheit entschied sich für die Ukraine – 17 von 21 Bussen fuhren mit diesem Ziel los. Die Betroffenen konnten jedoch nicht direkt die Front am Fluss Dnipro überqueren, sondern wurden über die besetzte Halbinsel Krim in die russische Schwarzmeerstadt Anapa gefahren. Von dort reisten sie mit vier russischen Militärflugzeugen in die weissrussische Stadt Gomel weiter. Die letzte kurze Etappe führte per Bus über die weissrussisch-ukrainische Grenze in die Provinz Tschernihiw. Eine unbekannte Anzahl von Personen, mutmasslich mehrere hundert, verbleibt trotz der prekären Lage in Oleschki.
Auch Haustiere konnten dank der Evakuierungsaktion aus Oleschki entkommen: Freiwillige Helfer laden in der Ukraine Hundekäfige aus einem Lastwagen.
Efrem Lukatsky / AP
Die Evakuierungsaktion betraf zwar nur eine einzelne Ortschaft, aber sie ist über den unmittelbaren humanitären Erfolg hinaus bedeutsam. Erstmals in diesem Krieg kam es zu einer Waffenruhe, die diesen Namen wirklich verdiente und nicht für militärische Ziele missbraucht wurde. Nach Ansicht des ukrainischen Politologen Wolodimir Fesenko ist dies ein wichtiger Präzedenzfall, der Vorbild für einen Waffenstillstand entlang der gesamten Front sein sollte. Kiew fordert seit langem eine solche Vereinbarung, aber Moskau lehnt dies stets ab.
Putins Kalkül gegenüber Trump
Auffallend ist, dass sich die beiden Kriegsparteien im Fall Oleschki trotzdem zu einer reibungslosen Kooperation zusammenraufen konnten. Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmitro Lubinez konnte mit seiner Delegation nach Oleschki reisen und seine Landsleute via Russland nach Hause begleiten. Es war das erste Mal seit Kriegsbeginn, dass ein ukrainischer Amtsträger in offizieller Mission auf russisch kontrolliertem Gebiet in Erscheinung treten durfte. Der russische Staatschef Wladimir Putin, der sonst für humanitäre Appelle kein Gehör zeigt, kalkulierte wohl, dass er mit dieser Geste gegenüber Melania Trump beim amerikanischen Präsidenten punkten könnte.
Bemerkenswert, wenn auch nicht überraschend, ist ferner die Tatsache, dass sich die allermeisten Betroffenen für eine Zukunft in der Ukraine entschieden. Dies widerlegt Behauptungen, dass in der besetzten Südukraine prorussische Neigungen vorherrschten. In Wirklichkeit haben die Okkupationsbehörden ein Terrorregime errichtet und die Zivilbevölkerung dermassen vernachlässigt, dass die freie Wahl der verbliebenen Einwohner von Oleschki nun klar ausfiel.
Flüchtlinge aus Oleschki am Samstag nach der Ankunft in der nordukrainischen Provinz Tschernihiw.
Danylo Antoniuk / Imago
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Rüesch
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