Die Republikaner geben dem Iran-Krieg die Schuld für ihr Midterm-Debakel – und Präsident Trump
Die politische Maschinerie in Washington beginnt sich nach den Zwischenwahlen zu drehen. Die Republikaner ringen um Erklärungen für die massive Niederlage, die Demokraten planen die Machtübernahme im Kongress.
06.11.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Vizepräsident J. D. Vance gilt als republikanischer Anwärter aufs Präsidentschaftsamt in zwei Jahren. Er positioniert sich nach der Midterm-Niederlage
Tom Brenner / keystone-sda.ch
Das Ausmass der Niederlage der Republikaner in den Zwischenwahlen wird immer deutlicher. Gemäss Nachwahlanalysen wandten sich sämtliche Wählergruppen von Donald Trumps Partei ab. Selbst den Rückhalt bei den Männern und Wählern mit geringer Bildung verlor sie. Die Demokraten werden im Repräsentantenhaus voraussichtlich über 250 der 435 Sitze erringen und auch im Senat mit mindestens 54 Sitzen über eine solide Mehrheit verfügen – so die momentane Bilanz.
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Offenbar wussten die Republikaner vor dem Wahltag, was ihnen blühen würde. Die «New York Times» berichtet unter Berufung auf mehrere Quellen von einem 30-minütigen Telefongespräch der Wahlstrategen des Weissen Hauses. Sie besprachen Anfang vergangener Woche die Datenlage. Die Prognosen waren trotz allen Anstrengungen, die Trump-Wähler zu mobilisieren, so düster, dass die Beteiligten sich in Galgenhumor flüchteten. «Ich bringe meine Geschäfte in Ordnung, ihr solltet dasselbe tun», sagte der Verantwortliche für die Midterm-Strategie des Präsidenten, James Blair. «Vielleicht sollten wir Israel um Asyl bitten», soll Trumps Meinungsforscher Tony Fabrizio gewitzelt haben.
Einen Hauptgrund für das sich anbahnende Debakel sahen die Strategen im unpopulären Iran-Krieg. Diese Deutung ist nun zur offiziellen Botschaft des Weissen Hauses geworden. Die Ouvertüre machte Donald Trump in seinem Interview mit dem «Wall Street Journal» in der Nacht auf Mittwoch: «Iran hat damit zu tun», sagte er und verwies auf die hohen Benzinpreise. Aber er habe trotzdem das Richtige gemacht, sagte der Präsident: «Ich würde es wieder tun.» Er verlor allerdings kein Wort über mögliche Anstrengungen, den Krieg zu beenden.
Vance positioniert sich für 2028
Stunden später meldete sich Vizepräsident J. D. Vance mit einer ausführlichen Textnachricht auf X zu Wort, in der er den Gründen für die Niederlage nachging. Es habe nicht an der Stimmbeteiligung im eigenen Lager gelegen, analysierte Vance: «Unsere Leute kamen an die Urnen.» Doch viele Trump/Vance-Wähler seien wütend und hätten diesmal für die Demokraten gestimmt. Vance nennt mehrere Gründe für die Retourkutsche: den Iran-Krieg, die Inflation und die Beziehung zu Israel.
Dann antizipierte er die politische Dynamik der kommenden Monate: «Es wird viele Versuche geben, die Realität zu verdrehen.» Bald würden Rufe nach einer Amnestie für illegal Eingewanderte laut. Aber die Wähler hätten sich nicht wegen der Einwanderungspolitik abgewendet, sondern wegen des Iran-Kriegs: «Der Grund, warum wir verloren haben, ist der Iran-Krieg. Der Präsident hat es selbst gesagt.» Der Iran-Krieg war ein wichtiger Faktor für die Wahlniederlage der Republikaner. Aber auch der Handelsstreit, die Korruptionsvorwürfe und die allgemeine Unzufriedenheit mit Trump spielten eine Rolle.
Der Vorstoss von Vance ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Er lässt durchscheinen, dass er einer der Kriegsgegner innerhalb der Regierung ist. Gleichzeitig positioniert sich Vance für eine mögliche Präsidentschaftskandidatur 2028. «Heute wurde J. D. Vance zum Präsidenten – oder er hat sich mindestens so verhalten, als ob er es sein wollte», zitiert «Axios» eine Quelle aus dem Weissen Haus. Vance tanzt auf einem dünnen Seil: Als zweithöchstes Kabinettsmitglied ist Vance für die Agenda von Präsident Trump mitverantwortlich; er muss sich gleichzeitig, wo nötig, distanzieren, und das, ohne als Trumps Kronprinz in Ungnade zu fallen.
Kritik aus dem konservativen Universum
Der Vizepräsident könnte als Anwärter aufs höchste Amt bald Konkurrenz erhalten. Ron DeSantis, der im Januar als Gouverneur von Florida abtritt, fällt diese Woche mit scharfen Interviews zur Politik der Trump-Regierung und der Republikaner auf. Die Niederlage sei «nahezu eine Auslöschung» der Partei, sagte DeSantis. Die Republikaner müssten endlich aufhören, die Wähler über die Folgen des Iran-Kriegs anzulügen: «Das Benzin kostet mehr», sagte er im Podcast «Straight Shooter».
Er kritisierte die ehemalige Ministerin für innere Sicherheit, Kristi Noem, wegen der Umsetzung von Trumps Ausschaffungspolitik sowie den Aktienhandel von Kongressabgeordneten: «Dieser Sumpf ist so schlimm wie noch nie.» Florida war in den Zwischenwahlen der einzige Gliedstaat, in dem die Republikaner der Siegeswelle der Demokraten widerstanden.
Senator Ted Cruz, ein weiterer möglicher Präsidentschaftskandidat, kritisierte in seinem Podcast den Kurs der Trump-Regierung: «Die Handelszölle machen alles zu teuer, und der Iran-Krieg dauert zu lang.» Es fällt aber auf, dass Politiker, vor allem jene mit Ambitionen, explizite Kritik an Trump vermeiden. Deutlicher werden parteiinterne Gegner von Donald Trump. Chris Christie erklärte in der Wahlnacht beim Fernsehsender ABC die Trump-Ära für beendet: «Man kann nicht in diesem Mass verlieren.» Und die in Ungnade gefallene Trump-Loyalistin Marjorie Taylor Greene forderte auf der Plattform X, die Republikaner müssten Trump aus der Partei hinauswerfen, wollten sie jemals wieder gewinnen.
Der wichtigste Geldgeber der Republikaner, Elon Musk, der über 450 Millionen Dollar in den Wahlkampf gesteckt hat, die Hälfte davon in Texas, reagierte sarkastisch: «Meine Weltraumlaser haben dieses Mal die Wahl wohl nicht beeinflussen können», schrieb er auf X, kurz nachdem der Sieg der Demokraten James Talarico und Gina Hinojosa in Texas bekanntgeworden war. «Rechenzentren im Weltraum erscheinen mir gerade ziemlich verlockend», meinte Musk. Die neue Gouverneurin Hinojosa ist für ein Moratorium für den Bau von KI-Datenzentren.
Trump auf Tauchstation
Präsident Trump, der jede Verantwortung für die Niederlage von sich weist, hält sich derweil aus der Schusslinie. Seine Aktivität auf seiner Plattform Truth Social wirkte ungewöhnlich gedämpft. Er widmete sich den Renovationsprojekten in Washington und beklagte den Wechsel von der Sommerzeit zur Winterzeit am vergangenen Sonntag. Er will die Zeitumstellung schon lange abschaffen – ein Projekt, das er weiterverfolgen will. Zudem scheint er die Senatswahl in Alaska aufmerksam zu verfolgen. Das Justizministerium hat präventiv eine Klage gegen die Wahlbehörden in Alaska eingereicht. Am Donnerstag hatte er keine öffentlichen Auftritte.
Derweil bereiten sich die Demokraten auf der Siegerseite darauf vor, am 3. Januar die Mehrheit im Kongress zu übernehmen. Der jetzige Minderheitsführer Hakeem Jeffries hat sich offiziell für den Posten des Speakers beworben. Er wäre der erste Afroamerikaner im dritthöchsten Amt des amerikanischen Staats. Auf dem Sender MS Now sagte er, die Priorität müsse auf der Einlösung der Wahlversprechen liegen: «Die Amerikaner wollen nicht, dass wir Vergeltung üben», sagte Jeffries. «Wir haben die Senkung der Lebenshaltungskosten versprochen, wir haben deshalb gewonnen, und nun müssen wir danach handeln.»
In den linken Medien gefeiert wird der 75-jährige Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer. Er gilt als Architekt des Erfolgs der Demokraten in der kleinen Kammer, da er sich gezielt für Kandidaten eingesetzt hat, die für ein konservatives Umfeld geeignet waren. «Die Zeiten, in denen der Senat Trump hörig war, sind vorbei», erklärte Schumer auf dem Radiosender NPR. Eine schlecht versteckte Drohung schwang mit.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabelle Jacobi
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