In Paris haben erneut über 100 000 Menschen demonstriert. Junge, gut ausgebildete Anhänger der Linken reden die Gewalt schön. Die Läden bewachen Sicherheitsleute aus der Banlieue. Eine Reportage aus dem unruhigen Paris.
25.10.2026, 19.51 Uhr
8 Leseminuten
Die beiden Buchhändlerinnen am Boulevard Voltaire, unweit der Place de la République, können sich nicht recht erklären, warum ihr Laden verschont blieb. In dieser Gegend richteten die Plünderer und Randalierer am 17. Oktober die grössten Schäden an. «Die Bücher sind vielleicht zu schwer und zu sperrig», sagt die eine. An diesem Samstag, an dem neue Demonstrationen angekündigt sind und die Furcht vor neuen Unruhen umgeht, haben sie keine erkennbaren Vorkehrungen getroffen.
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Nur wenige haben Sympathie mit den Randalierern
Die Händler reagieren unterschiedlich auf die Gefahr. Inmitten verbarrikadierter Läden zieht ein gehobenes Kleidergeschäft der Kette Sandro die Aufmerksamkeit auf sich. Mehrere junge Verkäufer haben sich um Marie, die Chefverkäuferin, versammelt. Sie sagt mit bestimmter Stimme, man wolle sich nicht von der Panik anstecken lassen und mache darum nicht zu. Auch ein Bikerladen in der Nähe ist offen. Alberto, der hier arbeitet, sagt aber, man schliesse auf Empfehlung der Polizei um 12 Uhr.
In Paris hat sich eine Filiale der Tiefkühlkette Picard verbarrikadiert, um sich vor Plünderern zu schützen.
Die Demonstration wurde von der Place de la Bastille wegverlegt, die Protestierenden hielten sich daran.
Auch viele kleine Geschäfte von Immigranten wurden geplündert. Die Besitzer haben oft keine Versicherungen und wurden ruiniert. Fares, der einen kleinen Friseurladen in der Innenstadt führt, unterstützt die Proteste nicht. Er sagt, die Randalierer seien Diebe, die kein politisches Programm hätten. Fares stammt aus Algerien und hat sein Geschäft erst vor zwei Monaten eröffnet. Bei ihm gebe es zum Glück nichts zu holen, sagt er. Dennoch möchte auch er bald schliessen.
Die Randalierer und Plünderer, die sogenannten «casseurs», scheinen hier im Zentrum von Paris auf wenig Sympathie zu stossen. An einer Hauswand steht geschrieben: «On aime la police» – «Wir lieben die Polizei».
Vielleicht braucht es eine Revolution
Doch es gibt eine Ausnahme. An einem Schaufenster kleben Blätter mit der Aufschrift «colère» – Wut – und weiteren protestfreundlichen Botschaften. Es ist ein Geschäft mit Designerkleidern und -schuhen. Sie kosten teilweise über 500 Euro. Der Verkäufer, Arthur, 30 Jahre alt, ist eigentlich Regisseur und hat schon Werbe- und Kurzfilme realisiert. Frankreich sei das Land der Kultur, sagt Arthur, doch diese werde seit Jahren zerstört. Deshalb arbeite er auch hier im Laden.
Er hat Verständnis für die Wut der Demonstranten, auch wenn er einen bürgerlichen Hintergrund habe. Falls die Plünderer kommen, möchte Arthur mit ihnen sprechen, um ihnen zu sagen, dass er sie verstehe. Mit dem Begriff «casseur» tue er sich schwer.
Arthur sagt, er verstehe auch die Inhaber, die ihre Geschäfte verbarrikadierten, und möchte kein Urteil fällen. Aber was sei eine zersplitterte Vitrine gegen die «systemische Gewalt», sagt Arthur. Sein Patron, der momentan in Tokio ist, teile die Solidarität mit den Demonstranten.
Arthur glaubt nicht, dass Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen im Frühling gewinnt. Viele ihrer Wähler seien genauso wie die Protestierenden einfach verzweifelt.
Er sei weiterhin stolz auf Frankreich, nicht aber auf die, die es regieren. Trotz Wahlen ändere sich nichts, «es wird sogar schlimmer». Ob es wieder eine Revolution braucht? Lieber nicht, sagt Arthur. «Ich bin nicht für Gewalt», aber man müsse eine Unterscheidung machen zwischen sinnloser Gewalt und solcher, die nötig sei. Dann «darf sie nicht unterdrückt werden». Besondere Vorsichtsmassnahmen habe man nicht getroffen. Das Lager sei ohnehin abgeschlossen, und man sei versichert.
Die Menschen müssen für ihre eigene Sicherheit sorgen
Die Plünderer hatten es auf einfache, leicht transportierbare Konsumgegenstände abgesehen: Kleider, Lebensmittel, Elektronik. Besonders hart getroffen hat es einen Strassenzug mit Videospielgeschäften. Die Vitrinen sind verbarrikadiert. Auf einer steht mit grossen Buchstaben geschrieben «vidé» – «leer geräumt». Seit dem Morgengrauen stehen hier kräftige, dunkelhäutige Männer in schwarzer Kleidung.
Mehdi, ein grossgewachsener Mann mit freundlicher Stimme, sagt, die Ladenbesitzer hätten sie beauftragt, hier für Sicherheit zu sorgen. Tatsächlich hatte der Pariser Polizeipräfekt Patrice Faure die Ladenbesitzer am Mittwoch dazu aufgefordert, private Sicherheitsleute anzuheuern. Viele reagierten empört: «Der Staat sagt uns: Schaut selber!», klagte einer gegenüber dem Sender France 3.
Der 17. Oktober bestärkte die Franzosen in dem Eindruck eines überforderten Staates, auf den man sich nicht mehr verlassen kann. In den letzten Tagen gab es deshalb einen Ansturm auf Waffengeschäfte, gefragt waren vor allem Pfeffersprays, Schlagstöcke und Gummigeschosswaffen. In einer Umfrage des Instituts Elabe gaben 60 Prozent der Franzosen an, sie müssten selbst für ihre Sicherheit sorgen.
Am Stadtrand von Paris demonstrierten Schüler, Studenten und Gewerkschafter tagsüber friedlich.
Ein Sicherheitsmann bewacht in Paris ein Merci-Geschäft.
Man wolle primär abschreckend auf die Plünderer wirken, erklärt Mehdi. Falls sie dennoch auftauchten, seien die Männer angewiesen, sich nicht mit ihnen zu prügeln, sondern beruhigend zu wirken – sonst verliere man die Lizenz. Keiner der Männer möchte sich fotografieren lassen.
Auch anderswo in Paris findet man diese dunkel gekleideten Männer. Wie die meisten Plünderer stammen sie wohl aus den Banlieues. Auch Mehdi kommt von dort. Normalerweise würden er und seine Kollegen für Diskotheken arbeiten, sagt er. Das migrantische Frankreich, es steht in diesen Tagen auf beiden Seiten der Barrikaden.
Statt Demonstranten kommen Journalisten
Für Innenminister Laurent Nuñez stand am Samstag viel auf dem Spiel: Nachdem die Regierung am 17. Oktober teilweise die Kontrolle verloren hatte, hatte er seinen Rücktritt angeboten. Jetzt musste er beweisen, dass er die Sicherheit im Land garantieren kann. In einer Pressekonferenz am 23. Oktober warnte er die linksradikalen Randalierer und die Plünderer: Die Sicherheitskräfte werden mit grösster Härte gegen sie vorgehen.
70 000 Polizisten wurden im ganzen Land mobilisiert, 10 000 mehr als beim letzten Mal. Dazu kamen mehrere Spezialeinheiten, gepanzerte Fahrzeuge und Soldaten, die Gebäude sicherten. Man wollte sich nicht mehr von der hohen Geschwindigkeit der Randalierer überrumpeln lassen.
Demonstranten schwenken am 24. Oktober in Paris eine französische Flagge.
Polizisten versammeln sich zu einer Lagebesprechung in der Nähe der Place de la Bastille.
Als am Freitagabend die Polizei unerwartet die Demonstrationsroute von der Place de la Bastille in der Innenstadt an den Stadtrand verlegt, wehren sich die Organisatoren zunächst. Der Aktivist Benjamin Ball vom Koordinationskomitee der Gelbwesten sagt: «Wir weigern uns, vor einer Regierung einzuknicken, die macht, was ihr gerade einfällt.»
Kurz vor Samstagmittag sind rund um die Place de la Bastille viele Polizisten anzutreffen. Eine grosse Gruppe hat sich zu einer Einsatzbesprechung eingefunden. Die Polizisten sind angewiesen, nicht mit den Journalisten zu sprechen. Ein 34-jähriger Offizier aus dem Vorort Saint-Denis tut es dennoch. Seit einem Monat seien er und seine Männer im Einsatz und übermüdet – eigentlich hätten sie frei.
Er sagt: «Frankreich hat mir alles gegeben, und ich möchte etwas zurückgeben.» Seit seinem 18. Lebensjahr trage er eine Uniform. Sein Vater sei Vietnamese, seine Mutter Algerierin.
Zehntausende nehmen am 24. Oktober an einer Demonstration am Stadtrand von Paris teil. Die Polizei hatte die Marschroute am Tag zuvor dorthin verlegt.
Ein grosses Polizeiaufgebot sorgte in Paris für Sicherheit und Ordnung.
Um 12 Uhr ruft ein Polizist mit seinem Megafon zur Räumung des Bastille-Platzes auf. Dort haben sich vor allem Journalisten und Fotografen aus der ganzen Welt versammelt. Als die Polizisten zur Räumung des Platzes schreiten, löst sich die Menge auf. Eine alte Frau schreit Parolen und sorgt damit für Aufmerksamkeit, aber Demonstranten sind keine zu sehen.
Am Stadtrand demonstrieren Gymnasiasten und Gewerkschafter
Trotz anfänglichem Widerstand haben sich die Demonstranten im Süden der Stadt bei der Porte d’Italie versammelt. Die Polizei hat die neue Route geschickt gewählt: Sie ist von Wohnquartieren gesäumt und bietet nur wenige Ziele für die Krawallanten des schwarzen Blocks und die Plünderer, die vor einer Woche das Stadtzentrum von Paris verwüstet haben.
Marewa, 26 Jahre alt, stammt ursprünglich aus Französisch-Polynesien in der Südsee. Sie sei gemischter Herkunft, sagt sie, sehe aber weiss aus. Aufs Festland kam sie, um Geschichte des Mittelalters zu studieren. Nach ihrem Abschluss fand sie aber keinen Job und arbeitet heute mit Tieren. Sie macht den Staat dafür verantwortlich, dass es zu wenige Jobs gebe: Frankreich habe viele Stellen im öffentlichen Dienst abgebaut und Steuergeschenke verteilt. Jetzt schicke Frankreich auch noch Geld für Waffen an die Ukraine – ein Konflikt, der nichts mit ihnen zu tun habe. Sie sei gegen Gewalt.
Ob nicht auch die Wirtschaft Jobs schaffen könnte? Marewa findet, der Staat sei für seine Bürger verantwortlich. Wie andere hofft sie auf eine Revolution, ohne gewalttätige Bewegungen gäbe es keinen Fortschritt. Dabei zähle nicht der Einzelne, sondern die Gruppe. Selbst ein Revolutionär wie Maximilien de Robespierre sei ersetzbar, sagt die Demonstrantin.
Auch Jean-Luc Mélenchon, der 75-jährige Präsidentschaftskandidat von La France insoumise (LFI), beruft sich gern auf Robespierre, der für die Schreckensherrschaft während der Französischen Revolution verantwortlich war. Wie wohl die meisten hier möchte Marewa ihm im Frühling ihre Stimme geben. Mélenchon hat nie ein Unternehmen geführt oder eine Stadt regiert. Dennoch glauben die meisten jungen Menschen hier fest, dass er das Land retten werde. Auf vielen Ansteckern und Transparenten prangt sein Name.
Neben der Unterstützung für Mélenchon einen die Sorge um die Bildung und die Verteuerung des Lebens die Demonstranten. Die 61-jährige Primarlehrerin Christine aus Paris nimmt gemeinsam mit ihrer Tochter an der Demonstration teil, die von der Atlantikküste angereist ist. Christine beklagt sich: «Seit den 2000er Jahren kann ich mir immer weniger leisten. Kaum hatte ich als alleinerziehende Mutter von drei Kindern meinen Lohn erhalten, war eine Woche später fast nichts mehr übrig.» Auch den protestierenden jungen Menschen gilt ihre Solidarität.
Die drei Pariserinnen Mina, Milena und Gaia sind 18 Jahre alt und nehmen seit einem Monat an den Protesten teil. Sie stören sich an der Intransparenz der Selektionsverfahren für die Universitäten, dem sogenannten Parcoursup: «Es fehlen vor allem Studienplätze. Was sollen die Leute nach dem Gymnasium machen, wenn sie nicht einmal die Möglichkeit haben zu studieren?» Selbst Abgänger mit sehr guten Bewerbungen würden nicht die gewünschten Studienplätze erhalten.
Adrien, 22, studiert Musikwissenschaft und ist aus Rennes in der Bretagne angereist. Er sei hier, um die Schüler und Studenten zu unterstützen und alle, die Repression erlebt hätten. Er habe grosse Angst vor der Polizei und der Armee. Frankreich habe bereits autoritäre Züge. Falls Le Pen im Frühling gewinnt, fürchtet er ein Abgleiten in einen hemmungslosen Autoritarismus. In ihrer Partei gebe es bis heute antisemitische Äusserungen.
Gibt es nicht auch bei LFI Antisemitismus? Die LFI-Europaabgeordnete Rima Hassan steht in diesen Tagen vor Gericht, weil sie den Terrorismus verherrlichte. Sie solidarisiert sich auch mit der Hamas. Adrien hält dies für etwas anderes: Hassan habe nie von den Juden als solchen gesprochen. Den Kampf der Palästinenser zu unterstützen, sei absolut legitim – auch jenen der Hamas: «Warum haben die Leute die Irisch-Republikanische Armee (IRA) unterstützt? Warum also nicht die Hamas, wenn es ein bewaffneter Kampf gegen den israelischen Imperialismus ist? Dann bin ich dafür.»
Junge Kommunisten waren in grosser Zahl an der Demonstration vertreten. Die Gelbwesten haben für das nächste Wochenende bereits zu neuen Demonstrationen aufgerufen.
François, ein junger Student aus Paris, nimmt am 24. Oktober an den Protesten teil.
So sehen es wohl einige hier. Im Demonstrationszug wehen auch palästinensische Flaggen, viele tragen eine Keffiyeh, ein Palästinensertuch. Auch Islamisten sollen die Proteste der letzten Wochen unterstützt haben. Heute Samstag sind aber nur wenige Frauen mit Kopftuch zu sehen, und die Banlieue-Jugend ist kaum präsent.
Die Stimmung ist kämpferisch, aber friedlich. Am Ende der Demonstration verschärft sich die Lage doch noch: Bilder zeigten Wolken von Tränengas und Feuerwerkskörper sowie den Einsatz von Wasserwerfern. In Fernsehaufnahmen waren Knallgeräusche zu hören, eine Mülltonne brannte. Die Polizeipräfektur von Paris gab auf der Plattform X an, dass Randalierer am Ende des dortigen Demonstrationszuges versucht hätten, in ein Autohaus einzudringen. Das rasche Eingreifen der Ordnungskräfte habe dies verhindert.
Die meisten Demonstranten sind weisse Franzosen: junge Studenten und Gymnasiasten, aber auch Gewerkschafter und generell Anhänger der Linken. Es sind nicht die Ärmsten, die am Samstag am Stadtrand von Paris demonstrieren. Viele haben gute Ausbildungen, kommen aus dem Mittelstand. Doch sie sind jene, die auch am meisten zu verlieren haben. Der Staat, der ihnen eine sichere Laufbahn garantierte, ist in der Krise, die Lebenshaltungskosten steigen. Die Demonstranten benutzen revolutionäre Slogans, doch eigentlich haben sie ein konservatives Anliegen: Am besten soll alles so bleiben, wie es ist.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Rickenbacher, Fotografinnen und Fotografen
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