Die Kunst des Abschieds Gabriele von Arnim: «Manchmal übe ich das Sterben»
Abschied bedeutet Verlust, aber auch Aufbruch. Die Schriftstellerin Gabriele von Arnim weiss, was es heisst, loszulassen – und sich dennoch die Heiterkeit zu bewahren.
03.11.2026, 07:59
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Treppen! Gabriele von Arnim schimpft, weil sie ihr unbarmherzig die körperlichen Grenzen aufzeigen. Langsam sei sie geworden und eine lang ersehnte Reise nach Neuseeland habe sie sich auch abgeschminkt. Beginnt die bald 80-Jährige aber zu erzählen, strahlt sie wie eine Teenagerin vor ihrer allerersten Reise.
Ein Jahr lang hat sie tagebuchartig über Abschiede geschrieben. Manchmal übe sie sogar das Sterben, versetze sich in Gedanken in diese Situation. Manchmal wünsche sie sich, sanft und «einverstanden» hinüberzugehen.
Abschied von Lebensentwürfen
Das Sterben hautnah miterlebt hat sie durch ihren Mann. Eigentlich hatte sie ihn verlassen wollen, hatte es ihm auch bereits mitgeteilt. Doch gleich darauf erlitt er zwei Hirnschläge und wurde hilfsbedürftig. Fast zehn Jahre lang pflegte sie ihn. Es wurde ein Abschied von anderweitigen Plänen.
Sie habe keine andere Chance gesehen. Auch wenn sie ihm gesagt habe, dass sie nicht mehr mit ihm leben könne, habe sie sich weiterhin verantwortlich und verbunden gefühlt. Nach dem Tod ihres Mannes musste sie sich von der Rolle der Pflegenden verabschieden und völlig neu lernen, mit unstrukturierter Zeit umzugehen.
Abschied von Identitäten
Wer den einen Weg einschlägt, entscheidet sich gegen den anderen. Manche Versionen unseres Selbst verwirklichen wir nie. Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil dessen leben können, was in uns ist, was geschieht dann mit dem Rest? Sie sei keine «Hätte»-Person, so von Arnim.
Gabriele von Arnim: «Abschied leben». Rowohlt, 2026.
Im Alter müsse man sich von früheren Versionen seiner selbst verabschieden. Wichtig sei ihr dabei die Frage im Futur II: Wer möchte ich gewesen sein? Das Ziel sei, am Ende mit sich selbst im Reinen zu sein, statt im Zorn zu hadern.
Abschied von Gewissheiten
Besonders schmerzlich empfindet Gabriele von Arnim angesichts der aktuellen geopolitischen Spannungen und Konflikte den Abschied von der Friedensgewissheit, der Gewissheit stabiler Demokratien und der historischen Gewissheit für sie als Deutsche, dass Amerika eine Schutzmacht sei.
Mit der hochgefährlichen Politik Trumps habe sie von diesem Schutzgefühl Abstand nehmen müssen. Das habe ihr schlaflose Nächte eingebracht. So wie Menschen Abschied von Jugend, Gesundheit oder geliebten Personen nehmen müssen, müsse auch eine Gesellschaft gezwungenermassen Abschied von überholten Gewissheiten und Illusionen nehmen.
Abschied von der Gleichgültigkeit
Anstatt in Ohnmacht zu verfallen, plädiert Gabriele von Arnim allerdings dafür, Ungewissheit als Handlungsspielraum zu begreifen.
Verantwortung, sprichwörtliche «Response-Ability», bedeutet für sie, aktiv Antworten zu finden, sich gegen die Gleichgültigkeit zu stellen und eine Haltung der «radikalen Freundlichkeit» zu leben. Mit dem Wissen, dass dem Menschen selbst unter schwierigsten Umständen die Freiheit bleibt, seine Haltung zu wählen.
«Das Leben ist ein vorübergehender Zustand». Rowohlt, 2023.
Was sie sich trotz aller Abschiede bis zuletzt bewahren möchte, ist eine tief empfundene Heiterkeit – eine Haltung, die Melancholie und die Widersprüche der Welt kennt, aber dennoch Kraft und Zuversicht an die nachfolgenden Generationen weitergibt.
Eine Anleitung für ein Leben, um schliesslich jene zu werden, die man gerne gewesen sein möchte, mit der man einigermassen einverstanden sein könne.
SRF 1, Sternstunde Philosophie, 1.11.2026, 11:00 Uhr
Source: SRF · Christine Schulthess
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