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Die EU will SpaceX aus strategischen Gründen ausbremsen – die USA reagieren mit Drohungen

Bald schon verbinden sich normale Handys direkt mit Satelliten. Um technologisch unabhängiger zu werden, will die EU einen Teil der Frequenzen reservieren. Vier Telekom-Firmen steigen in den Ring.

26.10.2026, 05.30 Uhr

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Die Satellitenkommunikation wird immer wichtiger.

Die Satellitenkommunikation wird immer wichtiger.

Visualisierung Getty

Es wirkt auf den ersten Blick wie eine Nischengeschichte für Technikfreaks – doch dahinter verbirgt sich nicht weniger als Europas Kampf um mehr Unabhängigkeit, insbesondere im Sicherheitsbereich. Als Hauptakteure treten die EU, die USA, Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX und ein Konsortium von europäischen Telekomfirmen auf – plus möglicherweise die Ukraine als Leidtragende des geopolitischen Ringens.

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Im Zentrum steht die Kommunikation zwischen der stetig zunehmenden Anzahl an Satelliten im Weltall und den Nutzern auf der Erde. Das können Regierungsstellen, Armeen, Firmen, aber immer mehr auch Privatpersonen sein.

Die direkte Verbindung zwischen Satelliten und Smartphone (Direct-to-Device, D2D) ist noch nicht im Massenmarkt angekommen, das Potenzial ist aber gerade für periphere Regionen gross. Man geht davon aus, dass die 6G-Technologie dereinst eine Mischung aus terrestrischen und satellitengestützten Mobilfunknetzen anbietet – bei Funklöchern an Land oder auf See würde das Handy automatisch und unbemerkt auf Satellitenempfang umstellen.

Das sogenannte 2-Gigahertz-MSS-Band (Mobile Satellite Services) ist für solche Satellit-zu-Smartphone-Dienste ideal: Dieser Frequenzbereich bietet eine gute Flächenabdeckung und durchdringt Hindernisse wie Gebäude oder Wände effizienter als höhere Frequenzbänder. Weil er direkt an einen Frequenzbereich anschliesst, den Smartphones und Tablets verwenden, sind keine Spezialantennen notwendig, um Signale aus dem All zu empfangen.

Lizenzen laufen bald aus

Dieses 2-GHz-Band wird über Lizenzen vergeben, die EU-Kommission ist für die in Europa empfangenen Signale zuständig. 2007, nachdem das Frequenzband EU-weit harmonisiert worden war, vergab sie diese Nutzungsrechte für zwanzig Jahre an zwei amerikanische Unternehmen: Viasat und Echostar (die damals noch anders hiessen).

Im Frühjahr 2027 laufen diese Lizenzen aus – und da kommen nun die Geopolitik und die allgemein stark gesteigerte Bedeutung der Satellitenkommunikation ins Spiel. Um in einem strategisch derart bedeutsamen Bereich an Unabhängigkeit zu gewinnen, hat die EU-Kommission im Mai dieses Jahres vorgeschlagen, die Nutzung des 2-GHz-Bands in drei Stücke aufzuteilen:

  • Das erste Drittel ist für kritische Kommunikation reserviert, etwa Sicherheits- oder Militärdienste. Dieses muss zwingend von einem EU-Anbieter betrieben werden.
  • Das zweite Drittel ist für Marktteilnehmer aus der EU bestimmt, womit der Markteintritt europäischer Unternehmen gezielt gefördert würde – nicht zuletzt in der Hoffnung, dass sie eines Tages zu den Technologieführern aus den USA und China aufschliessen können.
  • Das dritte Drittel ist für alle Marktteilnehmer. Sie müssen allerdings spezifische Sicherheits- und Datenschutzauflagen erfüllen – etwa, dass der Datenverkehr über Bodenstationen auf EU-Territorium abgewickelt wird.

SpaceX als klarer Marktführer

Zurzeit ist weder diese Dreiteilung noch der Anforderungskatalog beschlossen, EU-Rat und -Parlament müssen die Vorlage erst beraten. Entsprechend mischen sich Betroffene nun in die Diskussion ein – und wenig erstaunlich sind es die Amerikaner, die mit der härtesten Rhetorik aufwarten. Sie empören sich darüber, dass die EU erwägt, für einen beträchtlichen Teil des Frequenzbereichs Anbieter aus Drittstaaten auszuschliessen.

In erster Linie wäre ein Unternehmen betroffen, das beste Verbindungen in die amerikanische Regierung hat: SpaceX mit seinem Satellitennetzwerk Starlink. Der Konzern von Elon Musk, der bereits über 11 000 Satelliten im Orbit betreibt, drängt mit Kraft in den Direct-to-Device-Markt und hat in den USA bereits Frequenzrechte von Echostar aufgekauft.

Die EU dagegen ist mit Iris2 erst daran, eine eigene Satelliteninfrastruktur aufzubauen, und der bereits existierende französische Anbieter Eutelsat liegt weit hinter der Konkurrenz zurück. Letztlich geht es den Europäern darum, die Marktmacht von Drittstaat-Anbietern – darunter SpaceX und Starlink – zu begrenzen.

Das gefällt den USA naturgemäss nicht. Gegenüber der «Financial Times» sprach der amerikanische EU-Botschafter Andrew Puzder kürzlich eine deutliche Warnung aus: Auf die Frage, ob europäische Unternehmen Vergeltungsmassnahmen zu befürchten hätten, sagte er, dass sie angesichts der Grösse des amerikanischen Marktes «darauf achten sollten, dass dies passieren könnte und für diese Unternehmen sehr verheerende Folgen hätte». Genauer konkretisierte er die Drohung nicht.

Starlink-Drosselung im ukrainischen Abwehrkampf

SpaceX selbst hatte bereits im Juni, also wenige Wochen nach der Veröffentlichung der Kommissionspläne, Kritik geübt. In einem Dokument, das EU-Beamten vorgelegt wurde und das die «Financial Times» einsehen konnte, erklärte das Unternehmen, dass der Vorschlag «ein erhebliches Risiko» berge.

Konkret bestehe die Gefahr, «dass Europäer ohne direkte Satellitenverbindungen zu ihren Geräten dastehen oder dass neue europäische Operationen globale Störungen verursachen, auch für Notfalldienste wie die in der Ukraine».

Nach den Ereignissen der vergangenen Tage hören sich diese Worte anders an: Denn das via Starlink betriebene, für den ukrainischen Abwehrkampf unabdingbare Satelliteninternet wurde ohne Ankündigung gedrosselt – womit die russischen Angriffsdrohnen teilweise nicht mehr abgefangen werden konnten.

Ob Musk den Schritt persönlich befohlen hatte oder die amerikanische Regierung involviert war, ist offen. Gemäss jetzigem Kenntnisstand deutet nichts darauf hin, dass Musk den Betrieb eingeschränkt hatte, um die mit der Ukraine eng verbundene EU und deren Frequenzpolitik unter Druck zu setzen. Der Vorfall zeigt jedoch exemplarisch auf, wie sich die Abhängigkeit von einem Privatunternehmen in einem hochsensiblen Bereich auswirken kann.

Telekom-Firmen ohne eigene Satelliten

Vor Wochenfrist schliesslich haben sich vier europäische Telekom-Firmen – die Deutsche Telekom, Orange aus Frankreich, das britische Vodafone und Telefónica aus Spanien – aufgemacht, den Unabhängigkeitsbestrebungen der EU Taten folgen zu lassen. Gemäss einer Absichtserklärung streben sie an, sich gemeinsam um die Frequenzen im 2-GHz-MSS-Band zu bewerben, welche die Kommission nun neu ausschreibt.

Das Konsortium würde in die notwendige Bodeninfrastruktur sowie in Koordinierungs- und Überwachungsfunktionen investieren, nicht aber in die eigentliche Satellitenkonstellation. Diese müsste von einem «noch auszuwählenden Partner» bereitgestellt werden, heisst es. Angestrebt wird wohl eine Zusammenarbeit mit dem europäischen Iris2-System – aber dieses steht frühestens ab 2030 bereit.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Antonio Fumagalli

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