Die ersten Könige Ägyptens sollen Hunderte Gefolgsleute als Menschenopfer mit ins Jenseits genommen haben. Jetzt wurden die Knochen erstmals untersucht
Eine Anthropologin liefert neue Argumente für die Diskussion um die gezielte Tötung von Angehörigen der Elite vor 5000 Jahren in Abydos. Eine besonders gruselige Theorie kann sie entkräften.
29.10.2026, 12.59 Uhr
6 Leseminuten
Auf der nach einem der ersten Könige Ägyptens benannten Narmer-Palette sieht man ihn in einer Pose, die durch die gesamte ägyptische Geschichte existiert: das Erschlagen der Feinde (links). Auch einige der Toten in Abydos wurden wohl erschlagen.
PD
In den Hunderten kleiner Gräber um das Königsgrab herum lagen die Toten mit unnatürlich ausgestreckten Armen, auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht, als würden sie nach Luft schnappen. In einem Fall sah es sogar so aus, als hätte der Mensch sich in der Grube aufzurichten versucht.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Der Archäologe William Matthew Flinders Petrie konnte sich den Befund in Abydos in Ägypten nicht anders erklären: Diese Menschen waren geopfert worden, um dem Herrscher im Jenseits weiter dienen zu können – und aus den Körperhaltungen und fehlenden Spuren tödlicher Verletzungen folgerte er: Sie waren lebendig begraben worden.
Newsletter «Das Wochenende»
Inspirierende Reportagen, bewegende Geschichten, tiefgehende Hintergründe: Jeden Freitagnachmittag begleiten wir Sie mit ausgewählten Lesetipps in Ihr Wochenende.
Petries Ausgrabung fand vor ungefähr hundert Jahren statt. Seitdem hat seine These vom Menschenopfer in Abydos immer wieder zu Diskussionen geführt – und den Widerspruch anderer Archäologen provoziert. Dabei spielen sowohl die menschlichen Überreste eine Rolle als auch die Frage, ob die Gräber wirklich alle gleichzeitig verschlossen wurden.
Was die Knochen angeht, musste man sich bisher auf das verlassen, was Petrie selbst notiert hatte. Doch nun hat Roselyn A. Campbell, Anthropologin der Purdue University im amerikanischen Gliedstaat Indiana, die geborgenen Skelettteile mit modernen forensischen Mitteln untersucht und die Ergebnisse in einer Studie in der Fachzeitschrift «Frontiers in Environmental Archaeology» neu bewertet: Zumindest in einem Teil der Fälle wurden die Menschen wohl tatsächlich gezielt getötet – aber nicht, indem sie lebendig begraben wurden.
Die ersten Könige Ägyptens hatten keine Pyramiden
Die Zeit, um die es hier geht, ist der Beginn der ägyptischen Geschichte. Um 3000 v. Chr. wurden die Landesteile Ägyptens vermutlich nach und nach vereinigt, bis es erstmals nur noch einen Herrscher gab: den König über Ober- und Unterägypten. In dieser ersten Dynastie, etwa 3078–2900 v. Chr., liessen sich die Könige Gräber im religiösen Zentrum Abydos anlegen. Etwa zwei Kilometer entfernt vom Fruchtland am Nil liegt der Bestattungsort, der heute wegen der vielen im Sand verstreuten Tonscherben aus späterer Zeit unter dem arabischen Namen Umm el-Qaab bekannt ist, «Mutter der Töpfe».
Diese Gräber der ersten Könige und Königinnen Ägyptens waren keine Pyramiden wie die von Khufu (Cheops) in Gizeh nahe Kairo 500 Jahre später und auch keine in den Fels gehauenen Kammern mit Wandmalereien wie bei Tutanchamun 2000 Jahre später. Es waren vielmehr unterirdische Kammern im Wüstenboden, deren Wände mit ungebrannten Lehmziegeln verstärkt waren. Markiert waren sie mit steinernen Stelen, auf denen der Name des Königs stand: Narmer hiess einer der ersten, Aha ein anderer, Meretneith eine Regentin.
Um Ahas Grab herum liegen einige kleinere Einzelgräber von Angehörigen des Hofes. Bei seinen Nachfolgern sind es Hunderte, bis der Brauch in der zweiten Dynastie offenbar wieder aufgegeben wurde.
In manchen dieser kleinen Gräber lagen die Toten in Holzsärgen, manche waren mit Namensstelen und Titeln wie Siegelbewahrer, Aufseher, Freund oder Hofdame in der gerade erst entwickelten Hieroglyphenschrift markiert. Manchen waren zum Teil edle Objekte mit ins Grab gegeben worden, etwa Elfenbeinkämme mit dem Namen des Königs, Kupferwerkzeuge oder Feuersteinmesser. Es ist klar, dass es sich nicht um Sklaven oder sonstige Gefangene handelt, sondern um ordnungsgemäss und ehrenvoll Bestattete.
39 Prozent der Schädel zeigen potenziell tödliche Verletzungen
Petrie gilt als hervorragender Archäologe, ein Spezialist für menschliche Überreste war er nicht. Heute sind solche eigens ausgebildeten Experten Teil jedes Grabungsteams. Damals vermass Petrie einige Knochen aus diesen Gräbern und notierte das Fehlen tödlicher Verletzungen sowie die Gruselthese vom Erstickungstod im Sand. Dann schickte er etwa 80 Schädel an das damalige Institut für Eugenik der Universität Cambridge und vergrub den Rest wieder.
46 dieser Schädel befinden sich heute noch in Cambridge, ein anderer Teil ist in London gelandet. Diejenigen in Cambridge hat Campbell untersucht. Bei 18 von ihnen (39 Prozent) fand die Anthropologin Spuren einer sogenannten perimortalen Verletzung. Das bedeutet, dass sie kurz vor oder kurz nach dem Tod entstand – die Knochen hatten keine Zeit, mit der Heilung zu beginnen.
In den meisten Fällen handelt es sich um einzelne, sogenannte lineare Frakturen, das heisst einfache Brüche ohne Verschiebung der Knochen. Bei einigen Individuen stellte Campbell auch Verletzungen mit scharfen Gegenständen fest, in einem Fall von der Seite in den Kopf hinein, in einem anderen eine Hiebverletzung am Auge.
Forensiker können absichtliche Verletzungen identifizieren
Inzwischen wissen Forensiker: Einzelne lineare Frakturen werden durch flache, breite Gegenstände zum Beispiel aus Holz verursacht. Solche Frakturen sind nicht immer unmittelbar tödlich, doch sie verursachen oft innere Verletzungen oder Blutungen, die ohne chirurgischen Eingriff schnell zum Tod führen.
Anhand der Position der Fraktur lässt sich mitunter sogar feststellen, ob die Verletzung absichtlich zugefügt wurde: Gezielte Schläge treffen in der Regel oberhalb einer Linie, die die Position einer imaginären Hutkrempe markiert. Nur bei unbeabsichtigten Stürzen aus dem Stand können die Verletzungen ähnlich aussehen. Aber, schreibt Campbell, «es wäre seltsam, wenn so viele Individuen aus so einer kleinen Gruppe auf die gleiche Weise gestürzt wären».
Dass der für seine Sorgfalt berühmte Petrie die Frakturen an den Schädeln nicht bemerkte, lasse sich mit seiner fehlenden Expertise für diese Art von Verletzungen erklären. Der Archäologe flickte die Bruchlinien mit Paraffinwachs – er bemerkte sie also durchaus. Doch er hielt sie für spätere Folgen der jahrtausendelangen Lagerung in der Erde.
Lebendig begraben wurden die Menschen nicht
Seine Interpretation, dass die Menschen lebendig begraben wurden, lässt sich mit modernen Methoden und Erkenntnissen entkräften: Es sei zwar nicht unmöglich, heisst es in der Studie, doch inzwischen sehe man solche ungewöhnlichen Positionen von Gliedmassen eher als das Ergebnis einer hastigen Bestattung oder von Vorgängen während des Verfallsprozesses.
Das Material sei «bejammernswert unvollständig», was die Schlussfolgerungen erheblich einschränke, schreibt Campbell. Trotzdem sieht sie insgesamt genügend Argumente, um Petries These von der gezielten Tötung von Gefolgsleuten zu stützen – zumindest in einem Teil der Fälle.
Auch die Königin Meretneith hatte ein Grab in Abydos, eingetiefte Kammern im Wüstenboden, die Wände verstärkt mit Lehmziegeln.
Sky news arabia / Wikimedia; CC BY-SA 4.0
Ob die Gräber gleichzeitig verschlossen wurden, ist unklar
Auch Sonia Zakrzewski hat sich mit den Schädeln aus Abydos schon beschäftigt, allerdings mit einer anderen Fragestellung. Die Anthropologin von der Universität Southampton erklärt auf Anfrage per E-Mail, nur anhand der Studie liessen sich Campbells Aussagen weder verifizieren noch widerlegen. Die eigentliche Untersuchung der Schädel war Teil von Campbells Doktorarbeit, in der neuen Studie fehlen Abbildungen und genaue Informationen. Über die Ursachen der Frakturen könne sie deshalb keine gesicherten Aussagen treffen, erklärt Zakrzewski.
Das Menschenopfer sei nicht die einzige mögliche Erklärung, infrage komme auch Gewalt im Kontext eines Krieges oder eines Rituals. «Aber worin ich Campbell zustimme: Petries Idee von Menschen, die lebendig begraben wurden, rührt von einer Unkenntnis der Verfallsprozesse und der Bewegungen der Gelenke, die damit einhergehen.»
Mindestens so wichtig wie die Todesursache sei allerdings eine andere Frage: Wenn es sich wirklich um ein Opfer von Gefolgsleuten handeln sollte, müssten die Gräber alle zur gleichen Zeit verschlossen worden sein. Die neuen Grabungen eines österreichischen Teams sprechen hingegen dafür, dass sie nach und nach angelegt wurden. Doch diese Erkenntnisse sind noch nicht wissenschaftlich publiziert. Deshalb lasse sich auch hier noch keine endgültige Aussage treffen, sagt Zakrzewski.
Und noch in einem weiteren Punkt ist sie sich mit Campbell und vielen anderen einig: Es lohnt sich auf jeden Fall, das Material aus alten Grabungen noch einmal neu zu untersuchen. Die verfügbaren Methoden verändern sich. Und so hofft auch Campbell, dass ihre Nachfolger einige der vielen offenen Fragen mit der dann existierenden Technik vielleicht doch noch klären können.
Dieser Artikel erschien erstmals am 11.10.2026 in der NZZ am Sonntag. Bei der vorliegenden Version handelt es sich um eine aktualisierte Fassung.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Esther Widmann
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira