Die Einheitsgenossenschaft wird zum Härtetest für die Migros-Demokratie
Die Migros plant die Einführung einer Einheitsgenossenschaft. Dafür braucht sie die Zustimmung der 2,3 Millionen Genossenschafter. Kann das gelingen?
27.10.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Urabstimmungen haben bei der Migros Tradition – im Juni 2022 lehnten die Genossenschafter die Einführung des Alkoholverkaufs ab.
KEYSTONE
Die Migros plant eine der grössten Umwälzungen in ihrer 101-jährigen Geschichte: Die Einführung einer Einheitsgenossenschaft. Die bisher zehn Regionalgenossenschaften und der Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) sollen zu einer «Gruppengenossenschaft» zusammengeführt werden, wie der Detailhandelskonzern am Montag mitteilte. Die Migros möchte so ihre Strukturen verschlanken und Doppelspurigkeiten vor allem im Management und in der Verwaltung beseitigen.
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Günstigere Angebote für die Kunden
Der «orange Riese» sieht sich zu dem Schritt gezwungen, weil der Wettbewerb im Supermarktgeschäft härter geworden ist. Der Konkurrent Coop hat die Einheitsgenossenschaft schon vor 25 Jahren eingeführt. Die deutschen Discounter Aldi und Lidl, die in den 2000er Jahren in die Schweiz gekommen sind, operieren ohnehin mit schlanken Strukturen.
Dank der geplanten Einheitsgenossenschaft will auch die Migros agiler werden. Das Unternehmen werde den Kundinnen und Kunden bessere und günstigere Angeboten machen können, erklärte die Migros-Führung rund um MGB-Präsidentin Ursula Nold und Konzernchef Mario Irminger an einer Pressekonferenz in Bern. Auch schaffe man mehr Spielraum für zusätzliche und modernisierte Läden in den Regionen. Die Migros will 140 neue Supermärkte bis 2030 eröffnen und viel Geld in die Erneuerung des Ladennetzes stecken, das in einigen Regionen in die Jahre gekommen ist.
Hohe Hürden für die Umsetzung
Die Einführung der Einheitsgenossenschaft steht allerdings vor einer grossen Hürde: Die rund 2,3 Millionen Genossenschafterinnen und Genossenschafter müssen dem Schritt zustimmen. Die Migros hat eine der speziellsten Firmenverfassungen der Welt. Ihre Statuten sehen vor, dass die zehn selbständigen Regionalgenossenschaften nur aufgelöst werden können, wenn die Genossenschafter dies in einer Urabstimmung genehmigen.
Mitte 2027 wird es zur wohl wichtigsten Abstimmung in der Migros-Geschichte kommen. Damit die Einheitsgenossenschaft umgesetzt werden kann, müssen die Genossenschafter in jeder der zehn Regionen zustimmen. Voraussetzung ist zudem, dass in jeder Region mindestens ein Viertel der Genossenschafterinnen und Genossenschafter an der Urabstimmung teilnehmen und dass mehr als zwei Drittel die Reform befürworten.
Die Migros-Führung ist also auf eine rege Beteiligung angewiesen. Sie wirbt bereits jetzt dafür, dass die Genossenschafter auch per elektronischem Abstimmen mitmachen können und dafür 500 Cumulus-Punkte im Gegenwert von 5 Franken gutgeschrieben erhalten.
Nicht die erste Fusion
MGB-Präsidentin Nold zeigte sich an der Pressekonferenz überzeugt davon, dass man die Genossenschafter für die Reform werde gewinnen können. Alle hätten ein Interesse an einer starken Migros. Konzernchef Irminger erklärte, als Kunden würden die Mitglieder von einer besseren Leistung profitieren. Zudem sei die Einheitsgenossenschaft nötig, um langfristig die Arbeitsplätze der rund 80 000 Beschäftigten in der Schweiz zu sichern. Die Migros-Führung stehe geschlossen hinter der Fusion: Die Verwaltungen aller zehn Regionalgenossenschaften sowie des MGB hätten sie einstimmig befürwortet.
Für ein Gelingen des Vorhabens spricht, dass es in der Migros-Geschichte schon früher Fusionen von Regionalgenossenschaften gegeben hat. Die umsatzmässig grösste Region – die Regionalgenossenschaft Aare – entstand im Jahr 1998 durch das Zusammengehen der Genossenschaften Bern und Aargau/Solothurn. Ebenfalls formierte sich damals die Migros Ostschweiz durch eine Verschmelzung der Genossenschaften St. Gallen und Schaffhausen/Winterthur. Die Genossenschafter lassen sich also grundsätzlich von Veränderungen überzeugen. Jetzt müssten sie allerdings die Zugehörigkeit zu einer Regionalgenossenschaft ganz aufgeben. Sie wären künftig Mitglieder der nationalen Gruppengenossenschaft.
Widerstände bei der Alkohol-Abstimmung
Die Reform könnte allerdings auch auf erhebliche Widerstände stossen. Die Migros-Genossenschafter haben Veränderungen wiederholt abgelehnt. Am auffälligsten war dies bei der Alkohol-Abstimmung im Jahr 2022: Die Basis schmetterte das Ansinnen ab, in den Migros-Supermärkten Alkohol zu verkaufen, obwohl sich die Migros-Führung dafür ausgesprochen hatte.
Keine einzige Regionalgenossenschaft stimmte dem Alkoholverkauf zu. Die Urabstimmung zeigte zudem, dass eine Stimmbeteiligung von mindestens 25 Prozent schwierig zu erreichen ist. Die Teilnahme lag im Jahr 2022 bei 29 Prozent – dies jedoch nach einer emotional geführten Debatte darüber, ob die Migros ihr Alleinstellungsmerkmal des Alkoholverbots aufgeben solle. Ob ein eher technisches Thema wie die Einheitsgenossenschaft ebenso stark mobilisieren kann, ist offen.
Konzernchef Irminger tritt ab
Die Migros-Führung will sich im Abstimmungskampf stark engagieren, wie sie in Bern sagte. Dies gilt auch für Firmenchef Mario Irminger. Er gilt als treibende Kraft hinter der Einheitsgenossenschaft, wird allerdings nach der Abstimmung Mitte 2027 sein Amt abgeben.
Die Migros steuert auf spannende Monate zu. Falls die Einheitsgenossenschaft nur von einzelnen Regionalgenossenschaften abgelehnt wird, werde die Abstimmung dort wohl wiederholt, sagte MGB-Präsidentin Nold. Wenn sich hingegen die Mehrheit der Regionalgenossenschaften gegen die Fusion aussprechen sollte, müsste die Migros-Führung andere Wege zur Effizienzsteigerung suchen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Benz
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