Kein Fingerspitzengefühl bei der Kandidatenwahl, keine Angst vor muslimischem Shootingstar, eine misslungene Wahlkreisschiebung, wütende Jungwähler und grosse Wirtschaftssorgen. Diese Kräfte trieben die «blaue Welle» an.
04.11.2026, 16.55 Uhr
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Die Demokraten feierten an den Midterms in der Nacht auf Mittwoch gleich mehrere historische Wahlsiege.
Brian Snyder / Reuters
Die Ursachen und Wesenszüge des demokratischen Erdrutschsieges bei den Zwischenwahlen müssen noch vertiefter analysiert werden. Diese fünf wichtigen Erkenntnisse offenbaren sich bereits jetzt:
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1. Die grosse Wucht der Wirtschaftssorgen
Bill Clintons Wahlkampfmanager James Carville formulierte 1992 den Slogan «It’s the economy, stupid!». Sinngemäss übersetzt: Die Wirtschaftslage und wer dafür die Verantwortung trägt, entscheiden letztlich über Sieg oder Niederlage bei Wahlen. Die Maxime klingt so banal, vereinfachend und abgedroschen, dass selbst Carville heute nicht nur glücklich über seine Schöpfung ist.
Doch bei diesen Zwischenwahlen hat sich das Bonmot bewahrheitet: In einer Nachwahlbefragung sagten neun von zehn Wählern, dass die Sorge über die Lebenshaltungskosten ein entscheidender oder wichtiger Grund dafür gewesen sei, für wen sie stimmten. Je grösser ihre Sorgen, desto eher wählten sie die Demokraten.
Lange Zeit vertraute eine Mehrheit der Amerikaner darauf, dass Trump und die Republikaner ihre wirtschaftlichen Probleme besser lösen könnten als die Demokraten. Nun aber waren 65 Prozent der Wähler überzeugt, dass die Wirtschaftspolitik des Präsidenten ihnen schade.
2. Keine Angst vor muslimischem Israel-Kritiker
Die Wut und Sorge über die Lebenshaltungskosten und Trumps Amtsführung waren derart gross, dass die Wähler im Swing State Michigan auch nicht davor zurückschreckten, den linken und muslimischen Israel-Kritiker Abdul El-Sayed in den Senat zu wählen.
Nachdem El-Sayed die Vorwahl gegen die gemässigte und israelfreundliche Demokratin Haley Stevens gewonnen hatte, fürchtete das Parteiestablishment eine Niederlage bei den Midterms. Der republikanische Kandidat Mike Rogers und auch Trump schürten die Fremdenangst, um El-Sayed zu besiegen. Sie bezeichneten ihn als «Extremisten», «Jihadisten» und als «Risiko für die nationale Sicherheit». Aber sie konnten die eigene Niederlage nicht mehr verhindern. Auch dass zwei Tage vor der Wahl die Demokratin Stevens noch die Seiten wechselte, den Republikaner unterstützte und vor El-Sayed warnte, konnte nichts mehr am Wahlausgang ändern.
Für die Demokraten hat der Sieg ihres Kandidaten in Michigan aber auch Nachteile: Er dürfte den innerparteilichen Flügelkampf zwischen linken Israel-Kritikern und rechten Israel-Unterstützern noch weiter befeuern.
3. Nicht nur der Iran-Krieg: Trumps miserable Kandidatenwahl
Der Iran-Krieg ist der Hauptgrund für die steigenden Lebenshaltungskosten in den USA, für Trumps Unpopularität und für die krachende Niederlage der Republikaner. Trump hat jedoch mit der Unterstützung von schlechten Kandidaten zusätzlich zum Debakel beigetragen.
Neu ist dieses Phänomen nicht, bei den Zwischenwahlen vor vier Jahren kostete Trumps eigenwillige Personalpolitik die Republikaner einen deutlicheren Sieg. Nun unterstützte Trump etwa in Texas in den Vorwahlen Ken Paxton gegen den langjährigen Amtsinhaber John Cornyn. Dieser politisierte zwar weitgehend auf der Linie des Präsidenten, schien Trump aber nicht loyal genug. Paxton, der Justizminister von Texas, unterstützte 2020 auch Trumps Versuch, das Wahlresultat umzustürzen, und gewann damit Trumps Zuspruch.
Paxton war jedoch ein zu schwacher Kandidat. Paxtons eigene Partei hatte einst ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn angestrengt. Und die Justiz in Texas ermittelte gegen ihn wegen Betrugs. Trump ebnete dem Demokraten James Talarico somit den Weg zu seinem historischen Sieg in der republikanischen Hochburg Texas.
4. Misslungene Wahlkreisschiebungen (Gerrymandering)
Trump plante schon lange vor den Midterms, die Spielregeln zugunsten seiner Partei zu biegen. Der Präsident drängte die Republikaner in Texas und anderen konservativen Gliedstaaten dazu, die Wahlkreisgrenzen neu zu ziehen, um ihre Delegationen im Repräsentantenhaus um zusätzliche Sitze zu erweitern. Es war ein ungewöhnlicher Schachzug, normalerweise werden die Wahlkreise nur zu Beginn eines Jahrzehnts neu gezogen, um sie an das Bevölkerungswachstum anzupassen.
Doch Trump holte 2024 überraschend viele Stimmen unter den Latinos. Insbesondere in Texas wollte er die Wahlkreise aufgrund dieser neuen Realität anpassen. Doch der Plan ist gescheitert. Trump verlor mit seiner überharten Migrationspolitik die Zustimmung der Hispanics bereits wieder. In vier der fünf neu gezogenen Wahlkreisen in Texas verloren die republikanischen Kandidaten die Wahl.
5. Wütende junge Wähler
Praktisch in allen Wählergruppen schnitten die Demokraten besser ab als bei den Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren. Besonders markant war aber die Verschiebung unter jungen Wählern. Amerikaner unter 30 Jahren unterstützten 2024 den Republikaner Trump etwa gleichermassen wie die Demokratin Kamala Harris. Gemäss einer Nachwahlbefragung stimmten bei den diesjährigen Midterms 70 Prozent dieser Wählergruppe für demokratische Abgeordnete.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christian Weisflog
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