Der Wirtschaftsstandort Zürich ist schlechter dran als gedacht – ein Politiker sagt: «Da muss jetzt viel gehen»

Fünf Ansätze sollen helfen.

03.11.2026, 05.03 Uhr

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Der Paradeplatz gilt als Symbol der Zürcher Wirtschaftskraft. Geht diese langsam verloren?

Der Paradeplatz gilt als Symbol der Zürcher Wirtschaftskraft. Geht diese langsam verloren?

Annick Ramp / NZZ

Über den Wirtschaftsstandort Zürich gab es in den vergangenen Wochen und Monaten viele schlechte Nachrichten: Erst zogen die Banken Vontobel und Cembra weg, dann strich das Medizinaltechnikunternehmen Zimmer Biomet in Winterthur Hunderte Stellen. Und jetzt hat der Bund auch noch eine neue Methode angewandt, um die kantonale Wirtschaftsleistung zu berechnen. Und die zeigt: Zürich steht schlechter da als gedacht.

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Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf ist gemäss den Zahlen des Bundes in Zürich zwischen 2011 und 2024 um nur 2 Prozent gewachsen – das ist deutlich weniger als im Rest der Schweiz. Plötzlich steht der Kanton Zürich deutlich schlechter da als viele andere Kantone – und das, obwohl Zürich als Wirtschaftsmotor des Landes gilt.

Bürgerliche sind alarmiert

Bürgerliche Politikerinnen und Politiker sind wegen der neuen Zahlen des Bundes alarmiert. Claudio Zihlmann, Chef der FDP-Fraktion im Kantonsrat, sagt: «Diese Zahlen zeigen, dass der Kanton schlechter dasteht, als wir dachten. Da muss jetzt viel gehen.»

Auch die Mitte-Präsidentin Tina Deplazes sagt: «Wir sollten jetzt hinschauen. Die Zahlen sind kein Grund für eine Weltuntergangsstimmung, aber aufmerksam sein sollten wir.» Der SVP-Fraktionschef Tobias Weidmann bilanziert: «Der Kanton Zürich hat sich in den letzten Jahren auf seinem Erfolg ausgeruht. Das rächt sich jetzt.»

Der Direktor der Zürcher Handelskammer, Raphaël Tschanz, sagt: «Die revidierte Statistik bestätigt andere Daten, nach denen Zürich gegenüber anderen Regionen verliert.» Sorgen machten ihm auch andere Indikatoren dafür, dass der Standort leide: «Wegzüge grosser Firmen sind ein Warnsignal, dass an unserem Standort etwas fehlt – und darauf müssen wir eingehen.»

Relativ einig sind sich die Bürgerlichen auch in der Problemanalyse. Sie sehen gleich mehrere Punkte, wo sie Dinge ändern wollen:

1. Tiefere Steuern

Antwort: Der erste Punkt, den die bürgerlichen Parteien ändern wollen, sind die Steuern: Unternehmen zahlen in keinem Kanton so viel wie in Zürich. Die Mitte-Präsidentin Deplazes sagt: «Wir haben viele Standortvorteile, dazu gehören zum Beispiel die Universität und die ETH. Die Steuern sind bei uns aber sehr hoch – das macht Zürich unattraktiv.»

Antwort: Die Unternehmenssteuern hätten vergangenes Jahr bereits einmal gesenkt werden sollen. Doch das Volk entschied sich damals an der Urne dagegen. Für den SVP-Fraktionspräsidenten Tobias Weidmann kein Grund, das Anliegen nicht erneut zu thematisieren. Er sagt: «Es ist uns nicht gelungen, ausreichend aufzuzeigen, wie tiefere Unternehmenssteuern auch der Bevölkerung zugutekommen – indem sie langfristig Arbeitsplätze, Steuern und Wohlstand sichern.»

Antwort: Bevor die Debatte auf kantonaler Ebene wieder lanciert wird, könnte es auf Gemeindeebene tiefere Unternehmenssteuern geben – das hat der Kantonsrat am Montag befürwortet. Die Regierung muss innert zweier Jahre einen Antrag erarbeiten.

2. Mehr bauen

Antwort: Der nächste Punkt, den viele Bürgerliche nennen, sind die hohen Wohnkosten: Ist es für die Arbeitnehmer unattraktiv, in Zürich zu wohnen, ist es für deren Arbeitgeber auch unattraktiv, in Zürich zu wirtschaften. Zihlmann sagt: «Wir müssen dringend mehr und schneller bauen, damit die Mieten sinken. Das gehört zur Standortförderung dazu.»

Antwort: Mehr zu bauen, das soll auch gleich bei einem zweiten Problem helfen. Die Bank Vontobel begründete ihren Wegzug auch damit, dass in Zürich zu wenig Büroflächen verfügbar seien. Die GLP-Co-Präsidentin Nora Ernst sagt: «Wenn wir endlich mehr in die Höhe bauen statt nur in die Breite, können wir auch dieses Problem angehen.»

3. Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Antwort: Der nächste Ansatz hat mit dem Fakt zu tun, dass Wirtschaftswachstum auch erst erwirtschaftet werden muss – und dafür Fachkräfte nötig sind. Die GLP-Präsidentin Ernst sagt: «Um mehr Leute in die Arbeitswelt zu holen, müssen wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern – das wird die Wirtschaft auch ankurbeln.»

4. Unternehmen besser willkommen heissen – und Startups auch

Antwort: Der FDP-Fraktionschef Zihlmann findet, dass die Probleme Zürichs auch grundlegender Natur seien. Er sagt: «Wir müssen in Zürich unsere ganze Mentalität ändern – wir sind zu wenig unternehmensfreundlich.» Zwar seien Steuern und Vorschriften auch wichtig, aber nicht nur. «In anderen Kantonen betrachten Steuerämter Firmen als Kunden – in Zürich ist das diametral anders.»

Antwort: Die Mitte-Präsidentin Deplazes spricht ein ähnliches Problem an, das den Startup-Standort Zürich beschäftige: den Umstand, dass hier zwar viele Unternehmen gegründet würden, wenige aber gross würden. Sie sagt: «Das müssen wir ändern, indem wir ein Umfeld schaffen, wo auch grosse Finanzierungsrunden möglich sind.»

5. Weniger Zuwanderung

Antwort: Der SVP-Fraktionschef Weidmann kritisiert neben den zu hohen Steuern noch ein weiteres Problem: die Zuwanderung. «Die Zuwanderung gibt es nicht gratis. Den Preis bezahlen wir alle – mit überlasteter Infrastruktur und knappem Wohnraum. Das erschwert auch eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung.»

Dass die Standortpolitik erst jetzt richtig zum Thema wird, wo sich die besorgniserregenden Zeichen häufen – dafür machen Mitte und GLP den Regierungsrat verantwortlich. Die Mitte-Präsidentin Deplazes sagt: «Es ist der Regierungsrat, der mit den Unternehmen am Tisch sitzt und dafür sorgen muss, dass die Bedingungen für die Wirtschaft stimmen. Hier wurde vieles verpasst.» Nora Ernst, Co-Präsidentin der Zürcher GLP, fügt an: «Diese Zahlen sind ein Denkzettel für den Regierungsrat. Wir dürfen das nicht kleinreden.»

Anders sehen das die linken Parteien. Der Grünen-Kantonsrat Benjamin Krähenmann sagt: «Man muss schon auch sehen, dass mit Zug und Genf zwei Kantone wegen des Rohstoffhandels sehr gut abschneiden. Wir finden, dass das nicht die Art Wohlstandswachstum ist, die wir möchten.»

Sibylle Marti, Co-Fraktionspräsidentin der SP im Kantonsrat, betont ebenfalls: «Für uns ist nachhaltiges Wachstum wichtig – und dabei steht der Kanton Zürich gut da. Um dieses zu stärken, sind Investitionen in Bildungsstandort und Infrastruktur wichtiger als tiefere Steuern.»

Daran, wie gross der Handlungsbedarf ist, zweifelt ausgerechnet ein Standortvermarkter. Balz Hösly ist der Verwaltungsratspräsident der Greater Zurich Area, die das Standortmarketing für neun Kantone im Grossraum Zürich übernimmt. Er sagt: «Wir sind nach wie vor ein gut positionierter Wirtschaftsraum.» Hösly ruft dazu auf, die Zahlen des Bundes in einem grösseren Kontext zu sehen. «Europa gerät gerade generell ins Hintertreffen und muss Wege finden, im Standortwettbewerb aufzuholen.» Die Schweiz stehe innerhalb dieses Gefüges aber durchaus gut da.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andrea Marti

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