Der Westen rüstet auf – warum profitieren die amerikanischen Waffenschmieden erst bedingt davon?

Noch immer bestehen Zweifel darüber, wie rasch die Rüstungsunternehmen ihre Produktion steigern können. Unklar ist auch, ob die Demokraten Trumps Aufrüstungspläne mittragen, wenn sie im Capitol die Mehrheit übernehmen sollten.

24.10.2026, 05.30 Uhr

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Am 18. September feierte Lockheed Martin in Texas die Auslieferung des ersten F-35 nach Deutschland.

Am 18. September feierte Lockheed Martin in Texas die Auslieferung des ersten F-35 nach Deutschland.

Shelby Tauber / Reuters

Im Nahen Osten, am Horn von Afrika und in der Ukraine herrscht Krieg; China und Russland rüsten weiter auf. Der Westen tut es ihnen gleich, und er tut es zu einem guten Teil mit amerikanischen Waffen: Drohnen, Raketenabwehrsysteme und Kampfflugzeuge sind sehr gefragt.

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Die grossen amerikanischen Rüstungsunternehmen können von dieser Nachfrage bis jetzt aber nur beschränkt profitieren. Ihre Aktien haben zwischen dem Beginn des Iran-Kriegs und Mitte Oktober rund 25 Prozent ihres Werts verloren, während der amerikanische Leitindex S&P 500 um mehr als zehn Prozent zulegte.

Vor allem in Europa fragen sich die Verteidigungsministerien, ob Amerikas Rüstungsfabriken ihre neuen Grossaufträge überhaupt bewältigen können, wenn gleichzeitig die amerikanischen Streitkräfte aufrüsten. Im Krieg mit Iran haben sie zudem derart viele Abfangraketen der Systeme Thaad und Patriot verschossen, dass diese auf absehbare Zeit Mangelware sind.

Lockheed Martin steht im Fokus

Die Schweiz beispielsweise muss viel länger als geplant auf bestellte Patriot-Abfangraketen und -Systeme warten. Zudem werden die dreissig gekauften F-35-Kampfjets deutlich teurer als geplant, obwohl die damalige Verteidigungsministerin Viola Amherd der Öffentlichkeit einen «Fixpreis» versprochen hatte, was in Bern bis heute für heftige Kontroversen sorgt.

Die grossen amerikanischen Rüstungshersteller – insbesondere der Branchenführer Lockheed Martin, der Hersteller des F-35 und der Patriot-Raketen des Typs PAC-3 – versuchen nun, ihre Produktion anzukurbeln und sich gleichzeitig öffentlich zu erklären.

Aus Sicht des CEO Jim Taiclet gibt es nämlich Grund für Optimismus. Lockheed Martin hat am Donnerstag mit 292 Milliarden Dollar den grössten Auftragsbestand aller Zeiten vermeldet. Mit 1,85 Milliarden Dollar fiel auch der Quartalsgewinn höher als erwartet aus. Vor allem aber ist die Unternehmensführung überzeugt, dass sie endlich die nötige Planungssicherheit hat, um ihre Produktion massiv auszubauen.

Lockheed Martin teilte am Donnerstag ebenfalls mit, dass man einen zehnjährigen Abnahmevertrag für Kampfjets mit dem Pentagon unterzeichnet habe. Die amerikanischen Streitkräfte werden insgesamt 850 F-35-Jets kaufen. Das soll es Lockheed Martin ermöglichen, in den kommenden Jahren jeweils 156 dieser Flugzeuge pro Jahr zu bauen.

Langfristige Verträge

Im Gespräch mit Analysten zählte der CEO Jim Taiclet weitere Vorteile des neuen Vertrags auf. Lockheed Martin erhält mehr Anreize, effizienter zu produzieren, weil es den Erlös aus der Effizienzsteigerung künftig selber behalten kann. Bei den früheren Beschaffungsverträgen war das nicht immer der Fall, was den Anreiz für Hersteller minimierte, sich überhaupt für eine schlankere Produktion einzusetzen. Taiclet sagt, dass Lockheed Martin diese Vorteile auch an seine eigenen Lieferanten weitergeben werde.

Zudem soll die zehnjährige F-35-Vereinbarung so gestaltet sein, dass sie nur schwer wieder aufzulösen sein wird, sollten die Demokraten bald die Mehrheit im Kongress und 2028 das Weisse Haus erobern. Falls Washington seine Bestellmenge nachträglich verringert, müsste es Lockheed Martin für bereits getätigte Investitionen entschädigen.

Damit versucht Taiclet der verbreiteten Sorge der Investoren zu begegnen, dass die Demokraten bei den Militärausgaben sparen werden. In den vergangenen Monaten verloren Rüstungsaktien immer dann an Boden, wenn Trumps Beliebtheitswerte sanken und die Chance sich erhöhte, dass die Demokraten in den Zwischenwahlen auch im Senat eine Mehrheit erlangen würden.

Donald Trump hat Anfang 2026 angekündigt, das jährliche Verteidigungsbudget von 1 auf rund 1,5 Billionen Dollar aufzustocken, um sein «Traummilitär» zu verwirklichen. Mit dem Geld sollten unter anderem der Raketenabwehrschirm Golden Dome verwirklicht und Kriegsschiffe einer neuen Klasse beschafft werden.

Die Demokraten werden sich zwar kaum dem Vorwurf aussetzen wollen, amerikanische Soldaten zu gefährden, indem sie ihnen benötigte Waffen und Materialien vorenthalten. Aber irgendwo müssen sie Abstriche im Haushalt machen, wenn sie die beliebten, aber enorm teuren staatlichen Sozial- und Gesundheitsprogramme vor Kürzungen schützen wollen.

Die Fehler der neunziger Jahre

Die Trump-Regierung hat seit Anfang Jahr indes zahlreiche grosse und langjährige Abnahmeverträge geschlossen: RTX wird beauftragt, für 22,9 Milliarden Dollar neue Tomahawk-Marschflugkörper zu bauen. General Dynamics und Huntington Ingalls sollen für 76,6 Milliarden Dollar neue Atom-U-Boote herstellen und hierfür auch die Infrastruktur in den amerikanischen Werften deutlich verbessern. Sogar Rüstungs-Startups wie Anduril erhielten Grossaufträge.

Damit stösst das Weisse Haus eine Zeitenwende bei den amerikanischen Rüstungsfirmen an, die sich nicht so rasch umkehren lässt. Man will die Fehler der neunziger Jahre beheben, als sich die Branche in wenigen Jahren stark konsolidiert hatte. Die USA waren nach dem Ende des Kalten Krieges die einzige verbliebene Weltmacht; sie wollten ihre Friedensdividende konsumieren und weniger für Rüstung ausgeben.

In wenigen Jahren wurde die Branche auf den Kopf gestellt. Von über fünfzig Auftragsfertigern, die um staatliche Rüstungsaufträge kämpften, blieben fünf Grossunternehmen übrig: Lockheed Martin, Northrop Grumman, Boeing, General Dynamics und RTX (früher als Raytheon bekannt).

Die Konsolidierung half ihnen, Kosten einzusparen. Aber die neue Marktstruktur brachte Probleme mit sich. Weil die Rüstungsfirmen vom Pentagon zu wenige langjährige Aufträge und kaum Planungssicherheit erhielten, investierten sie nur so viel wie nötig in ihr Personal, ihre Fabriken und ihre weitverzweigten Lieferketten. Auch ihre Zulieferer taten in der Folge nur das Nötigste.

Das System wird träge

Die fünf grossen Anbieter teilten sich die Arbeit zudem so auf, dass es nur wenig Konkurrenzdruck gab – was die offerierten Preise nach oben trieb. Das System wurde sehr träge. Ein wichtiger Grund, weshalb es jetzt so lange dauert, wieder mehr Abwehrraketen zu produzieren.

Trumps Grossaufträge werden diese Marktstruktur verändern und mittel- bis langfristig zu einer deutlichen Produktionsausweitung beitragen. Die jetzige Regierung will aber auch für transparentere Ausschreibungen sorgen und neue Wettbewerber wie eben Anduril heranziehen, was langfristig für mehr Konkurrenzdruck und tiefere Preise sorgen dürfte. Letzteres hilft den Kunden, auch in Europa – allerdings nicht unbedingt den Investoren von Lockheed Martin.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · André Müller

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