Der letzte Auftritt von «Stan the Man» – ein Arbeiter, ein Künstler, einer von uns
Stan Wawrinka wurde spät zum Major-Champion. Zweifel, Niederlagen und Neuanfänge blieben seine Begleiter. Das vielleicht grösste Talent des Tennisspielers: Er liebte die Arbeit – und wurde ihrer nie müde.
28.10.2026, 01.04 Uhr
7 Leseminuten
Die Arbeit ist getan: Nach 25 Jahren als Tennisprofi verlässt Stan Wawrinka den Court.
Claudio Thoma / EPA
Noch einmal schlägt Stan Wawrinka diese einhändige Rückhand. Doch der Ball fliegt ins Aus. 5:7, 6:7 (2:7) verliert der Schweizer Tennisspieler sein Erstrundenspiel an den Swiss Indoors gegen Jiri Lehecka. Für einen Moment hält Wawrinka inne auf dem Centre-Court. Die St.-Jakobs-Halle erhebt sich. «Merci Stan!», «Allez Stan!» hallt von den Rängen.
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Nun ist Tatsache, was Stan Wawrinkas gesamte Saison begleitet und bereits am Montagabend mit einer grossen Hommage in Basel gewürdigt worden war: Nach 25 Jahren Karriere verlässt er die Tennisbühne. Sein Palmarès wurde verlesen: drei Major-Titel – Applaus brandete auf –, Olympia-Gold im Doppel, der Davis-Cup-Sieg, Nummer drei der Welt.
Doch diese Erfolge allein begründen nicht die grosse Zuneigung, die Stan Wawrinka, der «people’s champion», während seiner Karriere genossen hat.
Warum sich so viele Menschen in ihm wiedererkannten, müsse man eigentlich sie selbst fragen, sagte Wawrinka im kleinen Kreis in Basel. Dann versuchte er es doch mit einer Erklärung: «Vielleicht liegt es daran, dass ich gezeigt habe, was mit einem grossen Willen, jahrelangem Training und Verzicht möglich ist.» Und verstellt habe er sich auch nie.
Geboren aus der Niederlage
Stan Wawrinka. Das ist die Erzählung eines Underdogs, eines Spätzünders und Stehaufmännchens. Die eines Waadtländers, der nicht als kommender Überflieger galt, der sich Schritt für Schritt nach oben arbeitete und erst gegen Ende seiner Zwanziger in die oberste Riege der Tenniswelt vorstiess. Er forderte die grossen Drei um Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic nicht nur heraus – er entriss ihnen Titel, die in dieser Ära nur für sie bestimmt schienen.
Wawrinka entsprach nie dem Klischee des schillernden Sportstars. Der Bub vom Bauernhof in Saint-Barthélemy galt als schüchtern, auch später sagte er, er stehe weiterhin lieber im Hintergrund. Er hielt den Schläger nicht in den Händen seit er kaum laufen konnte, erregte erst mit 18 so richtig Aufmerksamkeit, als er das Juniorenturnier in Roland-Garros gewann. Von Major-Titeln habe er nie geträumt; die Top 100 genügten ihm selbst in der Wunschvorstellung.
Mit 27 schien der Horizont seiner Karriere weitgehend abgesteckt: drei ATP-Turniere gewonnen, die Top 10 erreicht und an der Seite von Roger Federer Olympia-Gold im Doppel geholt. Ein ausgezeichneter Spieler.
«Fedrinka» auf dem Olymp: Stan Wawrinka und Roger Federer feiern 2008 in Peking ihren Sieg im Doppel-Final gegen Schweden – und damit Gold für die Schweiz.
Julian Finney / Getty
Aber die Erzählung des Stan Wawrinka, den Basel heuer feiert, wurde in einer Niederlage geboren.
Melbourne, Januar 2013. Im Achtelfinal am Australian Open stand Wawrinka Novak Djokovic gegenüber, Nummer eins der Welt und Titelverteidiger. Nach einem fünfstündigen Abnützungskampf verliess Wawrinka den Platz als Verlierer – eigentlich. «Dieses Match zeigte mir, dass ich wirklich nahe an ihnen dran war», sagte er zwei Jahre später dem «ESPN Magazine». Mit «ihnen» meinte er die grossen Drei.
Rund zwei Monate später, an seinem 28. Geburtstag, liess sich Wawrinka in Lausanne einen Satz auf den linken Unterarm tätowieren: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Die Zeilen aus der Prosa «Worstward Ho» des irischen Schriftstellers Samuel Beckett sind quasi Wawrinkas Lebensmotto. In Basel scherzte er, dass der Satz auf dem Arm ihm «Superkräfte» verliehen habe.
Arbeiter, Künstler, Champion
Für Wawrinkas Aufstieg wurde die Zusammenarbeit mit Magnus Norman ab Frühjahr 2013 zentral. Der schwedische Coach arbeitete vor allem an seinem Selbstvertrauen, half ihm dabei, seinen Schlägen konsequenter zu vertrauen – und sein bestes Tennis dann abzurufen, wenn der Druck am grössten war.
Ein Jahr später kam es zur Revanche gegen Djokovic im Viertelfinal in Melbourne. Vierzehnmal in Folge hatte Wawrinka gegen den Serben verloren. Diesmal wusste er, dass sein bestes Tennis reichen konnte – und er gewann in fünf Sätzen. Nach wichtigen Punkten zeigte er mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Die Geste wurde zu seinem Markenzeichen: als Erinnerung daran, wie viel sich bei ihm im Kopf entschied.
Gegen Rafael Nadal hatte Wawrinka in zwölf Matches zwölfmal verloren, keinen einzigen Satz hatte er gewonnen. Wawrinka schlug den Spanier im Final. Mit 28 war er Grand-Slam-Sieger – auch wenn er es erst am Morgen danach glauben wollte. In diesem Alter beginnt langsam der Karriereherbst. Für Wawrinka war es ein goldener.
Der Mann, der sich selbstironisch einst als «den Schweizer, der verliert» bezeichnet hatte, emanzipierte sich mit seinem Triumph in Melbourne auch von den allseits beliebten Federer-Vergleichen. Roger Federer hatte den Massstab ins Absurde verschoben. Er habe ihm enorm geholfen, sagte Wawrinka 2025, zugleich aber auch «den ganzen Platz eingenommen». Das sei eine Weile schwierig gewesen – habe ihm aber auch den Biss gegeben, die eigenen Grenzen weiter zu verschieben.
Als «heavy cannon» wurde einst sein Aufschlag beschrieben: Stan Wawrinka feuerte den Ball mit mehr als 200 km/h über das Netz.
Michael Dodge / Getty Images AsiaPac
«Mein grösstes Talent war, glaube ich, immer, dass ich harte Arbeit liebe», schrieb Wawrinka selbst 2022 in der «Players’ Tribune». Wie früh sich das zeigte, erinnerte später sein Vater: Als Elfjähriger servierte Stan eines Abends allein auf dem Platz weiter, weil ihm sein Aufschlag nicht genügte – bis 23 Uhr. Beim Übergang zum Profitennis formte Fitnesscoach Pierre Paganini Wawrinka zu jenem robusten Athleten, der seine enorme Schlagkraft auch über lange, intensive Matches hinweg entfalten konnte.
Wo Federer über den Platz zu gleiten schien, stemmte sich Wawrinka in den Boden. Seine Schläge hatten Gewicht, Wucht. Wer Wawrinka aber auf den Arbeiter reduziert, verkennt ihn. Er war auch Künstler: mit Gefühl und dieser unverwechselbaren einhändigen Rückhand. Eine zerstörerische Schönheit.
Sein Meisterstück lieferte Wawrinka in Paris. Ein Jahr nach seinem ersten Major-Triumph. Im Final in Roland-Garros gegen Novak Djokovic spielte er «das beste Match meines Lebens», wie Wawrinka selbst sagte. Ein Jahr später schlug er den Serben erneut, im US-Open-Final. Kurz vor dem Match hatte er in der Garderobe vor Nervosität gezittert und geweint. Mentale Stärke bedeutete bei Wawrinka also nicht, keine Zweifel oder Angst zu kennen. Sondern im entscheidenden Moment ungeachtet dessen voll da zu sein.
Drei Major-Titel gewann Wawrinka – jedes Mal im Final gegen die Nummer eins der Welt. An einem grossen Abend konnte er jeden schlagen, wenig später früh scheitern. Mit den Dominatoren seiner Generation setzte er sich nie gleich. Federer, Nadal, Djokovic und Andy Murray seien konstanter. Eine Big Five mit Wawrinka? Die gab es für ihn nie.
Der erste ganz grosse Triumph: Stan Wawrinka küsst nach seinem Finalsieg gegen Rafael Nadal die Trophäe am Australian Open 2014.
Joe Castro / EPA
Die Frage bleibt, was wohl gewesen wäre, wenn der Körper nicht im Weg gestanden hätte. Schon in Roland-Garros 2017, wo Wawrinka im Final an Nadal scheiterte, schmerzte das linke Knie. In Wimbledon konnte er sich kaum noch bewegen. Es folgte eine Operation, die Saison war beendet. Wawrinka fragte sich selbst, ob er auf die Tour zurückkehren würde.
Warum er einfach nicht aufhörte
Wawrinka kam wieder. Wie immer. Nach seiner Knieoperation kämpfte er sich noch einmal in den Dunstkreis der Weltspitze zurück, bevor die nächste Zäsur kam: 2021 musste er zweimal am linken Fuss operiert werden, fiel mehr als ein Jahr aus. Mit 37 begann er erneut von vorne.
Ein Titel in Genf 2017 blieb der letzte auf der ATP-Tour, die Bühnen wurden kleiner. Wawrinka aber trainierte weiter, nahm Niederlagen hin, spielte Challenger-Turniere – noch mit 40 stand er dort in Finals. Wawrinka hatte niemandem mehr etwas zu beweisen. Er war sich nie zu schade. Bodenhaftung musste er nie inszenieren.
Die Frage «Wie lange noch?» begleitete ihn. Wawrinka antwortete meist knapp, bisweilen fast trotzig.
«Von aussen ist es einfach, zu sagen, er sollte besser aufhören. Stans Hunger ist weiterhin da. Die Leidenschaft hat er von seiner Mutter, von mir hat er die Kraft. Stan hat eine riesige Passion, und die macht ihn auch so populär», sagte sein Vater Wolfram Wawrinka der NZZ im Herbst vor zwei Jahren. In Basel sagte Wawrinka, das Training, die Suche nach einer weiteren Verbesserung, sei für ihn bis zuletzt eine Freude geblieben.
Der unbeugsame Waadtländer wollte selbst entscheiden, wann Schluss ist. Am 19. Dezember 2025 kündigte er an, 2026 werde seine letzte Saison. «One last push», schrieb er in den sozialen Netzwerken. Auf die Frage, ob er stolz darauf sei, es bis 41 geschafft zu haben, widersprach Wawrinka in Basel. «Stolz ist nicht das Wort, das ich verwenden würde. Für mich war es eine Chance.» Er meint die Chance, eine letzte Saison zu seinen Bedingungen zu spielen und sich das Ende nicht von einer Verletzung diktieren zu lassen.
Der Jubel der Massen war ihm auf der Abschiedstournee von Melbourne bis New York sicher. Gerade diese Verbundenheit sei einer der Gründe gewesen, weshalb er so lange weitergespielt habe, betonte er an jedem Ort. Darauf sei er stolz, sagt Wawrinka in Basel. Es zeige ihm, dass er über all die Jahre auf dem Court alles «à fond» und «avec le cœur» getan habe – mit Hingabe und Herz.
Nach seinem 985. und letzten Match wird Wawrinka nochmals auf dem Court ans Mikrofon gebeten. «C’est difficile, c’est difficile ce soir …», dann stockt Wawrinka, die Emotionen übermannen ihn. Er läuft eine Abschiedsrunde, animiert das Publikum, klopft sich auf die Brust und streckt die Hand in die Höhe.
In der Basler St.-Jakobs-Halle ist die Arbeit um 23 Uhr 01 getan.
Die Ballkinder stehen Spalier: Stan Wawrinka verlässt als einer der grossen Schweizer Tennisspieler die Bühne.
Claudio Thoma / EPA
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Niels Bossert
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