Der Kanton Zürich macht Fortschritte Richtung Netto-Null – doch neue Pläne könnten am Widerstand gegen Wind- und Wasserkraft scheitern
Die neue Energiestrategie des Regierungsrats basiert auf Wind- und Solarkraft. Aber der Plan, sie auszubauen, stösst auf grossen Widerstand.
03.11.2026, 18.25 Uhr
4 Leseminuten
Solarenergie soll dereinst einen Grossteil des Zürcher Stroms produzieren.
Christian Beutler / Keystone
Hohe Temperaturen, tiefer Wasserstand – der vergangene Sommer war erneut einer, der einem die Härten des Klimawandels vor Augen führte. Darauf nahm auch der Zürcher Baudirektor Martin Neukom (Grüne) Bezug, als er am Dienstag die neue Energiestrategie der Kantonsregierung präsentierte. Diese soll den Kanton Zürich weiter in die Nähe eines Netto-Null-Ziels bis 2050 bringen. Ein Überblick in sieben Zahlen.
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26 Prozent
So viel der Treibhausgasemissionen hat der Kanton Zürich gegenüber dem Referenzjahr 1990 eingespart. Mittlerweile werden noch rund 5,2 Millionen CO2 pro Jahr ausgestossen – fast zwei Millionen Tonnen weniger als 1990.
Bis 2050 soll diese Zahl allerdings runter auf Netto-Null, das hat die Schweiz auf nationaler Ebene 2023 beschlossen. Dazu müssen aber die Emissionen bei Gebäuden, im Verkehr, in der Industrie, der Landwirtschaft, bei Abfall und Abwasser auch im Kanton Zürich weiter sinken.
48 Prozent
So viel der heutigen CO2-Emissionen sollten bis 2050 eingespart werden. Erreicht ist dieses Ziel noch in keinem der eben genannten Sektoren – in vier von sechs Bereichen ist der Kanton Zürich sogar «noch gar nicht auf Kurs», wie Neukom am Dienstag bei der Präsentation der neuen Energiestrategie sagte.
Gute Fortschritte hat der Kanton bereits bei den Gebäuden erzielt, wo im Vergleich zu 1990 43 Prozent weniger Treibhausgase ausgestossen werden. Auch in der Industrie hat Zürich sein Ziel bereits übertroffen: Dort wurden bis 2024 schon 24 Prozent der Emissionen eingespart, für Netto-Null bis 2050 wäre nur ein Minus von 20 Prozent nötig gewesen. Trotzdem fehlt noch viel.
Regierungsrat Martin Neukom präsentierte am Dienstag die neue Energiestrategie.
Michael Buholzer / Keystone
22 Prozent
Um so viel müssen die Treibhausgasemissionen in Zürich noch sinken, damit der Kanton Zürich Netto-Null erreicht. Bei Abfall und Abwasser wurden erst 3 Prozent Treibhausgasemissionen eingespart, obwohl bis 2050 30 Prozent weniger Emissionen nötig wären. In der Landwirtschaft hat der Kanton erst gut die Hälfte seines Ziels erreicht. Eingespart wurden 18 Prozent der Emissionen, angestrebt werden 30 Prozent.
Beim Verkehr ist der Kanton ebenfalls noch nicht weit. Bisher wurden 12 Prozent eingespart, das Ziel wäre ein Minus von 40 Prozent. Die Herausforderungen beim Verkehr verortet Regierungsrat Neukom vor allem bei der Ladeinfrastruktur. «Wir müssen das Recht auf Laden verankern», sagt er. «Fehlende Ladestationen sind das grösste Hemmnis, wenn es um die Anschaffung von Elektroautos geht.» Die Fördermittel für Elektroautos waren gar vorzeitig aufgebraucht.
849 Terawattstunden
Um so viel stieg der Stromverbrauch allein von 2024 bis 2025 weltweit – das entspricht fast 3 Prozent. Dabei nimmt der Strombedarf auch zu, weil es mit der Energiewende vorangeht: Ein Drittel des zusätzlichen Verbrauchs geht auf Elektrofahrzeuge zurück, ein weiteres Drittel auf Wärmepumpen.
Regierungsrat Neukom betont derweil, dass die Energiewende trotzdem sinnvoll sei: «Der Stromverbrauch steigt zwar, der Gesamtenergieverbrauch sinkt aber – gerade im Bereich der Wärme können wir deutlich einsparen.»
16 Prozent
Dieser Anteil am gesamten Stromverbrauch wird selbst 2050 und trotz allen geplanten Anstrengungen, die Stromproduktion nachhaltiger zu machen, nicht aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt.
Selbst im Sommer, wenn Solarpanels viel Strom erzeugen, entsteht eine Lücke. Und diese Zahlen stehen unter der Annahme, dass sowohl Sonnen- und Wind- als auch Wasserkraft noch ausgebaut werden. Dabei harzt es damit momentan: Noch steht im Kanton Zürich kein einziges Grosswindrad. Versuche, solche zu bauen, sind bisher stets am politischen Widerstand aus den Gemeinden gescheitert. Auch in Sachen Wasserkraft ging es in den letzten Jahren wenig voran.
Die Stromlücke ist im Winter noch weitaus grösser als im Sommer. Im Sommer stammt ein Grossteil des Stroms aus Sonnenenergie, die im Winter kaum Ertrag bringt. Deshalb ist auch das Thema Langzeitspeicherung von Energie in der neuen Strategie ein grosses Thema.
93 Prozent
So viel günstiger wurden Batterien bereits, die Strom langfristig speichern können. Sie sollen es ermöglichen, dass ein Teil des Stroms, der nun im Sommer produziert wird, im Winter genutzt werden kann.
Um dieses Ziel zu erreichen, muss aber zuerst noch das Energiegesetz geändert werden. Es soll so angepasst werden, dass die kantonalen Regeln mit der Gesetzgebung des Bundes übereinstimmen. Diese verfügt bereits über ein Netto-Null-Ziel. Im kantonalen Gesetz soll zudem die Möglichkeit, Energie in Kohlenstoff zu binden, festgeschrieben werden – dies soll die Speicherung von Strom vom Sommer bis zum Winter ermöglichen.
Eine Stimme
So viele Stimmen mehr hat rot-grün im Kantonsrat momentan, wenn sich GLP und EVP mit SP, Grünen und der AL verbünden – was im Falle von Abstimmungen über das Energiegesetz der Fall sein dürfte. Das heisst aber auch: Damit Neukoms Pläne für das Energiegesetz angenommen werden, darf kein einziger Kantonsrat, keine einzige Kantonsrätin anders abstimmen.
Die Kritik an den Plänen des Regierungsrats kam am Dienstag denn auch prompt. SVP-Kantonsrat Paul von Euw bezeichnet das Ziel, bis 2050 Netto-Null erreicht zu haben, als «beharrliches Ignorieren des Volkswillens». Er meint damit die Abstimmung, bei welcher sich die Zürcher Bevölkerung gegen ein Netto-Null-Ziel im Kanton Zürich ausgesprochen hat. Die Kosten für die Umsetzung der Klimastrategie würden deren Nutzen bei weitem übersteigen. Die SVP kündigte bereits an, sich gegen «Verbote und teure Auflagen» zu wehren.
Positiver war das Echo beispielsweise von der GLP. Kantonsrat Andreas Hasler sagt: «Wer Versorgungssicherheit will, darf die Windkraft nicht verzögern. Jede Kilowattstunde, die wir im Winter selbst produzieren, macht uns unabhängiger von Krisen und Preisschocks.» Auch die Grünen sprechen sich für die Strategie aus. Sie zeige «in die richtige Richtung», schreibt die Partei in einer Mitteilung. Sie kritisiert, dass die Verlagerung im Verkehr auf Tram, Bus, Zug, Velo und Fussverkehr zu zaghaft vorangehe.
Bevor sich Regierungsrat Neukom aber mit diesem Protest auseinandersetzen muss, steht eine weniger umstrittene Änderung an: Klimaanlagen sollen bald ohne Bewilligung gebaut werden dürfen, sie müssen lediglich gemeldet werden. Wenn alles gut läuft, ist diese Änderung bereits bis im kommenden Sommer umgesetzt – denn die nächste Hitzeperiode kommt bestimmt. Trotz Energiestrategie.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andrea Marti
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