Der grösste Kohlehafen der Welt baut bald Raketen
Newcastle, zwei Autostunden nördlich von Sydney gelegen, ist der grösste Kohlehafen der Welt. Dieses Image möchte die Stadt nun gerne loswerden. Sie setzt auf Rüstung, Wasserstoff, Forschung – und auf einen besonders schnellen Zug.
27.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Kein Hafen der Welt exportiert so viel Kohle wie jener der australischen Stadt Newcastle.
Brendon Thorne / Bloomberg via Getty
Kein Hafen der Welt exportiert so viel Kohle wie Newcastle. 2025 liefen rund 149 Millionen Tonnen über die Quais, nur 10 Prozent weniger als im Rekordjahr 2019. Kohle macht gut 93 Prozent des Umschlags aus. Gleichzeitig entsteht in der Stadt, 160 Kilometer nördlich von Sydney, viel Neues: eine Raketenfabrik, eine Wasserstoffanlage, ein internationaler Flughafen.
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Der Wendepunkt kam 1999, als der Konzern BHP sein Stahlwerk schloss. Die Region verlor ihre wichtigste Industrie und damit eines ihrer wichtigsten wirtschaftlichen Standbeine. Zahlreiche Geschäfte und Kneipen machten dicht.
Zunächst versuchte es Newcastle mit kreativen Ideen: Die Initiative Renew Newcastle überliess leerstehende Läden Hutmachern, Malern und Möbeldesignern. Später baute die University of Newcastle für 95 Millionen australische Dollar, fast 55 Millionen Franken, einen Campus mitten ins Zentrum.
Die Universität ist inzwischen weit mehr als eine Bildungsstätte: Vor allem im medizinischen Bereich haben sich zahlreiche Forschungsteams angesiedelt. Hier arbeiten australische Forschende gemeinsam mit dem Wyss Institute der Harvard University an einer Schlaganfalltherapie, die natürliche Umleitungen im Gehirn nutzt.
Andere Wissenschafter entwickeln Medikamente, die Krebs bekämpfen und zugleich das Herz schützen. Auch ein Nasenspray gegen Atemwegsviren stammt aus den Laboren in Newcastle und befindet sich in den USA bereits in der zweiten Phase der klinischen Prüfung. Ebenfalls vor Ort ist die Forschungsagentur CSIRO, die in Newcastle hauchdünne, biegsame Solarzellen testet und Solarthermie vorantreibt.
Sicht auf die Stadt Newcastle im australischen Gliedstaat New South Wales.
Simon McGill / Getty
Wasserstoff und Windkraft contra Kohle
Am Hafen selbst ist der Wandel dagegen deutlich weniger zu spüren. Zwar werden hier inzwischen auch Bauteile für die Windparks der Region verschifft, und auf Kooragang Island will der Chemiekonzern Orica ab 2029 jährlich etwa 4700 Tonnen Wasserstoff herstellen. Das Projekt, das der australische Bundesstaat mit 432 Millionen Dollar (rund 249 Millionen Franken) fördert, soll bei der Ammoniakproduktion das Erdgas ersetzen.
Im Vergleich zur Kohle sind die Umsätze damit jedoch nach wie vor bescheiden. Mehr als 70 Prozent der Einnahmen des Hafens stammen laut Tim Buckley, Direktor des Think-Tanks Climate Energy Finance, nach wie vor von dem fossilen Brennstoff. Das Ziel, bis 2030 je zur Hälfte von Kohle und anderen Geschäften zu leben, werde der Hafen voraussichtlich verfehlen, glaubt der Experte.
Die Projekte, eine Drehscheibe in der Offshore-Windkraft zu etablieren, sind laut Buckley fast gescheitert. Hohe Zinsen und politische Auseinandersetzungen seien hierfür die Gründe. Auch die versprochenen Milliarden für grünen Wasserstoff flössen grösstenteils nicht. Doch das Orica-Projekt hält Buckley für wichtig und durchführbar.
Der Iran-Konflikt habe gezeigt, wie sehr Australien von importiertem Ammoniak abhänge, um Düngemittel und Sprengstoffe für die Bergbaubranche herzustellen. Es sei eine Investition «von nationaler strategischer Bedeutung». Ob die Investitionen ausreichen werden, wenn 2029 Australiens grösstes Kohlekraftwerk Eraring schliesst, das bisher die Aluminiumhütte Tomago bei Newcastle versorgt hat, bleibt abzuwarten. Neue Industrien wüchsen «langsamer, als ich es mir wünsche», sagt Buckley.
Auf Kohle gebaut: Der Hafen von Newcastle hängt immer noch stark von dem fossilen Brennstoff ab.
Brendon Thorne / Bloomberg via Getty
Munition für den Indopazifik
Das grösste Projekt entsteht derzeit neben der Luftwaffenbasis Williamtown, von der aus Australiens F-35-Kampfjets starten. Im Gewerbegebiet Astra Aerolab baut der norwegische Konzern Kongsberg eine Fabrik für Lenkflugkörper wie die Joint Strike Missile, die für den F-35 entwickelt wurde. Dazu kommt die Naval Strike Missile, die bei der Marine die ältere Harpoon ersetzen soll. Die Produktion soll 2027 beginnen, Ende 2028 soll die Anlage voll laufen. Bis zu 850 Millionen australische Dollar (etwa 490 Millionen Franken) steuert Canberra bei.
An der Avalon International Airshow 2025 wurden auch Lenkwaffen präsentiert, die in Newcastle produziert werden.
Rodney Braithwaite / Australisches Verteidigungsdepartement
Australien ist dadurch in der Lage, schneller und vor allem selbständig Munition zu produzieren. Für Lenkflugkörper und Munition sollen in den nächsten zehn Jahren 16 bis 21 Milliarden Dollar (9 bis 12 Milliarden Franken) ausgegeben werden.
Dieses Vorhaben ist unabhängig vom Aukus-Abkommen, in dessen Rahmen atomgetriebene U-Boote gebaut werden. Allerdings folgt es einer ähnlichen Logik: Da es immer wieder zu Spannungen mit Peking kommt, will Australien sein Militär besser ausstatten und unabhängiger machen. BAE Systems ist bereits vor Ort, drei weitere Rüstungsfirmen sollen noch folgen.
Die Stellen seien «hoch qualifiziert und gut bezahlt», sagt Andrew Warrender, der den benachbarten Flughafen leitet. Das brauchten auch die Kinder jener, die früher im Stahlwerk oder im Bergbau gearbeitet hätten.
Ein Flughafen und ein Zug als Anbindung
Der Flughafen hat im September 2025 ein internationales Terminal eröffnet, die Piste wurde gemeinsam mit der Luftwaffe verlängert, nun kann auch ein Airbus A380 landen. Im Geschäftsjahr 2025/26 zählte der Flughafen mehr als 1,3 Millionen Passagiere, binnen zehn Jahren soll sich die Zahl verdrei- bis vervierfachen. Die Strecke nach Bali sei vom ersten Tag an ausgebucht gewesen, sagt Warrender. Als Nächstes wünscht er sich Neuseeland, Fidschi und eine Direktverbindung nach Singapur.
Ein weiteres Zukunftsprojekt ist der Bau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke. In einer Stunde sollen Zugreisende zwischen Newcastle und Sydney pendeln können. Bis 2028 will die Regierung das Vorhaben so weit vorbereiten, dass sie über den Bau entscheiden kann.
Doch nicht jeder ist davon überzeugt, dass es wirklich so kommen wird: Australien diskutiere seit mehr als vier Jahrzehnten über Hochgeschwindigkeitszüge, alle früheren Vorhaben seien gescheitert, gibt Philip Laird von der University of Wollongong zu bedenken. Gelänge es diesmal, läge der grösste Kohlehafen der Welt einen Pendlerzug von der grössten Stadt des Landes entfernt.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Barbara Barkhausen
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